Ihr Blick fiel auf den Krug in ihren Händen. „Möchtet Ihr noch etwas Wein?“
„Ihr wollt mich wohl betrunken machen, Mädchen, damit mich Eure Männer überwältigen können?“, entgegnete der Mann spöttisch.
„Nein!“ Überrascht sah sie auf, sah direkt in sein Gesicht, seine Augen. Blau, tiefblau, strahlend, wunderschön. „Ich …“
„Ja? Ihr seid doch nicht gekommen, um mir Wein anzubieten. Was wollt Ihr von mir?“
„Von Euch gar nichts, von Eurem … Anführer, er muss … Er muss nach Kora suchen lassen, damit sie die Verwundeten versorgen kann. Ich schaffe das nicht allein.“
„So, muss er das?“ Der Mann klang fast belustigt. „Kann Euch denn keine der anderen Frauen helfen, es sind doch genügend hier?“
„Nein, sie … können es nicht. Und Kora hilft nicht mir, sondern ich ihr, sie ist die Heilerin“, versuchte Mara zu erklären.
„Und wer seid Ihr?“
„Niemand.“ Sie schlug hastig die Augen nieder, blickte zu Boden.
„Aber Ihr werdet doch wohl einen Namen haben?“
Was ging diesen dreisten Kerl ihr Name an? „Mara I’Gènaija.“
„Schön. Ich werde nach dieser … Kora schicken lassen, in Ordnung?“
„Ja, danke. Ich muss aber auch zu den verletzten Wachmännern, sie sind neben den Pferdeställen untergebracht.“
„Selbstverständlich, einer meiner Männer wird Euch begleiten. Er kann Euch helfen.“
Mara nickte, wandte sich um und wollte gehen, doch er hielt sie am Arm zurück. „Kann ich sonst noch etwas für Euch tun, Mädchen?“
Mit zusammengebissenen Zähnen blickte sie auf seine Hand, starrte ihn ablehnend an. „Verschwindet von hier. Kehrt dorthin zurück, woher Ihr gekommen seid, das wäre das Beste für alle!“
Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, sie sah die Verwunderung, dann die Wut in seinen Augen, ehe er sie losließ.
Maras Kopf schmerzte, ihr war schwindelig und übel, womöglich vom allgegenwärtigen Geruch nach Blut in den Räumen der verletzten Männer. Die jetzt richtig versorgt waren, nicht nur notdürftig verbunden. Sie hatte ihnen noch einen schmerzlindernden Heiltee bereitet, als Kora endlich zurückkehrte.
In der Halle, es lungerten immer noch etliche Nordländer herum, kam ihr Anella mit entsetzter Miene entgegen. „Mara, dein Kleid ist ja voller Blut! Was ist denn, setz dich, du bist ganz bleich!“
„Ich bin nur müde“, beruhigte sie Anella. „Hat Kora sich schon um Luca gekümmert?“
„Sie haben ihn gerade ins Ratszimmer gebracht, du möchtest bitte auch kommen. Ich habe auf dich gewartet, Mara, ich werde dir helfen.“
„Du?“ Verwundert sah sie ihre Freundin an. „Du kannst doch kein Blut sehen, wie willst du mir da helfen?“
Anella zog eine klägliche Grimasse. „Du sagst doch selbst immer zu mir: ‚Dann sieh halt nicht hin.’ Nun, genau das habe ich vor. Ich kann Luca doch nicht allein lassen, Mara.“
Trotzdem ächzte Anella, als sie das Gemach betraten. Kora hatte Lucas Beinkleider bereits bis zum Oberschenkel aufgeschnitten; die Wunde war tief und lang, blutete aber nicht mehr stark.
Mara fasste nach Anellas Arm. „Willst du wirklich bleiben? Die Wunde muss genäht werden.“
Diese nickte stumm, sah zu Luca, der Mara grimmig musterte. „Kora sagte mir, du wirst nähen, da du die ruhigere Hand hast. Ich hoffe, du weißt, was du tust?“
„Nur, wenn Ihr das wollt, Luca.“
Er nickte knapp. „Fang endlich an!“
Es war viel zu warm für die Jahreszeit, die Luft drückend. Mit geschlossenen Augen lehnte Mara einen Moment an der wohltuend kühlen Wand des Korridors, ihre Hände alles andere als ruhig. In ihrem Kopf pochte und dröhnte es, er tat scheußlich weh.
„Wieder besser?“ Kora berührte sacht ihre Schulter. „Ich kann auch allein die verletzten Wachmänner versorgen, wenn Ihr Euch lieber ausruhen möchtet.“
„Nein, das ist nicht notwendig, es ist nur … Lasst uns gehen.“
Kora begleitete sie zurück in die Halle. Mara trat an den Nordländer mit den blauen Augen heran. „Wir wollen jetzt zu den verletzten Wachen, wenn Euer … Euer Mann uns noch helfen möchte? Oder habt Ihr es Euch anders überlegt?“
Er musterte sie sinnend, schüttelte den Kopf. „Nein, habe ich nicht, Kjelben wird Euch helfen. Es wäre nicht richtig, die verletzten Männer für Eure Grobheit leiden zu lassen.“
Sie ballte die Fäuste. „Es war auch nicht richtig, die Wachen einfach niederzureiten, denn dann wären sie jetzt nicht verletzt und müssten auch keine Schmerzen erleiden! Nennt Ihr Euer Verhalten vielleicht höflich ?! Ich nicht! Ihr seid …“
Bevor Mara in ihrer Wut noch mehr Unüberlegtes sagen konnte, hatte Kora schon ihren Arm gepackt. „Mara, nicht, damit helft Ihr den Wachen auch nicht. Kommt. Verzeiht, Herr, sie hat es nicht so gemeint.“
Kora zog Mara hinter sich her, raus aus der Halle. Den langen, immer ein wenig feuchten dunklen Gang entlang, der zu den Pferdeställen führte.
„Und ich habe es so gemeint. Für wen hält er sich?“, machte Mara ihrer Empörung Luft.
„Ich weiß nicht, für wen er sich hält. Aber er ist eindeutig in der stärkeren Position, also solltet Ihr vielleicht ein wenig bedachter sein, Mara.“
Unwillig schwieg sie, schaute sich kurz zu dem fremden, schon etwas älteren Mann um, der ihnen folgte. „Wie will der Mann uns helfen, wenn er unsere Sprache nicht versteht?“
„Wahrscheinlich ist er so etwas wie ein Feldscher oder auch ein Heiler. Jedenfalls sieht es aus, als wüsste er, was er zu tun hat.“
Das wusste der Mann sogar sehr genau, und bald waren mit seiner Unterstützung die diversen Knochenbrüche geschient, die Blutungen gestillt, die Wunden gesäubert, genäht und verbunden.
Still hatte Mara sich zu einem jungen Wachmann, wie alle Bediensteten und Wächter Ogarchas stammte er aus dem Dorf, gesetzt, der allein in einer Kammer lag. Er war bewusstlos, sein Herz schlug unregelmäßig, sein Atem ging flach.
Er würde sterben, trotz all ihrer Bemühungen, sie … Mara war erschüttert, fühlte sich erschreckend hilflos. Einmal mehr, sie konnte nichts tun. Und Kora, die sie so viel gelehrt hatte, eine der wenigen, der sie vertrauen konnte, wollte Ogarcha in Bälde verlassen. „Kora?“
Die Frau trat zu ihr. „Ihr könnt nichts mehr für ihn tun, Mara, niemand kann das.“
„Aber …“
„Er wird nicht wieder aufwachen, Liebe. Geht doch bitte und holt den Tee für die anderen Männer, sie sollten jetzt ruhen.“
„Nein, ich bleibe bei ihm.“ Sie schüttelte den Kopf. „Geht Ihr.“
„Wie Ihr wünscht“, gab Kora zurück.
Traurig betrachtete Mara sein Gesicht. Er war so jung, kaum im Mannesalter, viel zu jung zum Sterben. Doch er starb, ohne noch einmal aufzuwachen.
(1. Tag)
Wieder nahm Mara den feuchtkalten, dunklen Gang zurück zur Halle, noch düsterer, da der Tag sich seinem Ende entgegen neigte. Keine sonderlich kluge Idee, doch ihr war erneut schwindelig, das Dröhnen in ihrem Kopf übermächtig, und so wollte sie eine Weile für sich sein.
Und plötzlich stand Ludeau vor ihr, packte sie an den Schultern und drückte sie rüde gegen die Wand. „Ich habe dich gewarnt, Rotschopf, oder etwa nicht? Und was tust du? Rennst zu diesem dreckigen Barbaren, sprichst den Kerl einfach an! Glaubst du etwa, so verhält sich eine anständige Frau unseres Volkes, glaubst du das?! Antworte mir!“
„Aber ich …“
Er schlug ihr so hart ins Gesicht, dass ihr Kopf gegen die Wand prallte. „Widersprich mir nicht! Und woher weißt du überhaupt, wie man Verwundete versorgt?! Das ist Aufgabe der Bediensteten! Das wird dir noch sehr leid tun, das versichere ich dir!“
„Ach, und was willst du tun, mich wieder mal verprügeln? Oder was?“ Sie sah ihn verächtlich an und Ludeau riss erneut die Hand hoch.
Читать дальше