Mara wünschte, sie könnte es ihnen gleich tun oder besser noch bei einer richtigen Jagd dabei sein. Wenn die Hunde das Wild im dichten Unterholz aufstöbern und die ganze Meute und Männer und Pferde durch den Wald und über die Hügel hinter einem Rudel Rotwild her hetzen, es langsam einholen und umkreisen, sich auf die Tiere stürzen und ihnen mit langen Messern die Kehle durchschneiden, so dass das warme Blut über ihre Hände fließt und ihre Kleidung besudelt. Und die Leiber der Pferde dampfen in der kühlen Luft des Morgens, das ohrenbetäubende Jaulen und Bellen der Hunde übertönt alles andere, und die Männer lachen und klopfen sich gegenseitig auf den Rücken und umarmen sich, um sich zu ihrem großartigen Fang zu beglückwünschen.
Sie verstand nicht, warum die Frauen lachten, wenn sie von den Fremden redeten. Nordländer. Angeblich waren diese riesengroß und überfielen die Dörfer und Burgen weiter im Norden, so hatte ihr eine Alte aus dem Dorf erzählt. Wie die barbarischen Kerle in ihren Alpträumen.
Mara hatte Anella ein einziges Mal von den Träumen erzählt, aber die hatte sie nur ängstlich angesehen und abwehrend den Kopf geschüttelt. Und Renzo hatte ihr lediglich skeptisch zugehört, damals, zu Beginn des Winters.
Manchmal belauschte sie die Männer, wenn diese zu zweit oder in kleinen Gruppen über die Nordländer redeten. Sie klangen besorgt. Abends in der großen Halle waren sie mutiger, großspurig und zuversichtlich, doch dann konnten ihnen ja auch die Frauen zuhören. Die Männer sprachen nie mit den Frauen über ihre Sorgen, zumindest hörte sie davon nichts. Aber Mara hatte auch keinen Mann, obgleich Anella ihr ständig versicherte, der käme schon noch.
Anella war ihre Freundin und immer nett. Selbst die anderen Frauen waren nicht unfreundlich, sie sprachen nur kaum mit ihr und hielten Abstand. Vielleicht glaubten sie, Mara hätte einen schlechten Einfluss oder ihr Ruf könnte auf sie abfärben, so dass auch sie von den Männern ignoriert werden würden. Dabei ignorierten die Männer sie ja bereits, wenn auch anders, als die Frauen es befürchteten. Das störte die Frauen aber seltsamerweise nicht.
Wenn sie mit Anella darüber sprach, sagte die immer, Mara solle mit diesem Gerede aufhören, sie sei ja verrückt.
Die Packtaschen ihrer kleinen Pferde, die Pferde der Männer waren wesentlich größer, aber auch schwerer zu reiten, waren bis zum Rand gefüllt mit aromatisch duftenden Waldmeisterblättern, so dass sie nach Ogarcha zurückkehren konnten.
Vor der Burg herrschte reges Treiben. Stände und Buden wurden aufgebaut, Bänke und Tische, Kinder liefen zwischen den arbeitenden Erwachsenen herum und spielten ihre Spiele. Aus den umliegenden Dörfern war noch niemand eingetroffen, doch die Leute würden bald kommen; ein Fest war eine willkommene Abwechslung.
Die Männer waren noch nicht zurück.
Anella war beunruhigt, sie machte sich, wie so oft, Sorgen um ihren zukünftigen Ehemann. Mara zog sie hinter den Frauen her, die sich bereits für das Fest umzogen. Was Anella auf andere Gedanken brachte, sie liebte es, sich ständig andere Kleider anzuziehen und bewundern zu lassen.
Mara fand ihre Freundin wunderschön, klein und üppig, mit langen, dunklen Haaren. Ihr eigenes Haar hingegen sah aus, als ob Vögel darin genistet hätten, es kringelte sich in alle Richtungen und ließ sich selbst von Anellas geduldigem Können nur kurzzeitig in eine ordentliche Frisur verwandeln. Zudem war es rot.
Anella lachte oft über Maras Haar und meinte, es wäre sehr lebhaft und nicht so ernst wie der Rest von ihr. Aber sie war ja auch ihre Freundin, zudem kam Anellas frauliche Figur neben ihr noch viel besser zur Geltung; Mara war fast ebenso groß wie ein Mann. Und knabenhaft schlank, wie Anella es liebenswürdig umschrieb. Die Bemerkungen der anderen Frauen waren weniger nett.
Von draußen drangen lautes Rufen und Schreien herauf. Offensichtlich waren die Männer endlich von der Jagd zurück. Doch als Mara aus der Fensteröffnung sah, entsprach das Durcheinander im Hof so gar nicht dem Bild der fröhlichen Begrüßung einer erfolgreich heimgekehrten Jagdgesellschaft.
Menschen liefen aufgeregt im Innenhof herum oder kamen schreiend vom Vorplatz durch das große Tor gerannt, wobei sie die Kinder hinter sich her zerrten. Gleichzeitig mühten sich die Wachen, das Tor zu schließen, welches nach dem langen, nassen Winter aber verzogen war und klemmte. Die heimkehrenden Männer wirkten verängstigt, gänzlich verwirrt, schrien den Wachen Befehle zu, sich doch mit dem Tor zu beeilen.
Etwas war ganz und gar nicht in Ordnung, und mit einem Mal verspürte Mara Angst, lähmende, eiskalte Angst, dachte an ihre Träume und die fremden Reiter … Nordländer.
* * *
Es war falsch, völlig falsch, so unnötig. Zu spät für erklärende Worte, Janis war tot.
Fluchend trieb Reik den Hengst an, folgte Bro und den Männern, die ihrerseits ihre Angreifer verfolgten. Er raste zwischen den dicht belaubten Bäumen beiderseits des engen Pfades entlang, die sanft geneigte Flanke des Hügels hinunter. Durch Zweige und Blattwerk erhaschte er einen flüchtigen Blick auf eine Handvoll windschiefer Dächer, womöglich ein weiteres, namenloses kleines Dorf. Dicht am Waldsaum.
Vor ihm in der Senke eine Ansammlung größerer Gebäude, ein schlanker Turm, umzäunt. Gestalten bewegten sich hektisch im halb offenen Tor in der doppelt mannshohen Mauer, auf dieser, Menschen rannten schreiend in die vermeintliche Sicherheit.
Er drückte den Helm auf den Kopf, zog blank.
Kaum Leute auf der weiten Wiese, vor der Mauer. Gedränge im Torbereich, der Hengst setzte mit einem weiten Satz über einen am Boden liegenden brüllenden Mann hinweg, landete auf einem teilweise gepflasterten, großen Hof. Die Lage unübersichtlich, Reik wusste nicht, was ihn erwartete. Doch er liebte die Erregung, den Kampf.
Ein überaus ungleicher Kampf; sie waren diesen Kerlen – um wie viele handelte es sich überhaupt, höchstens zwei Dutzend, kaum mehr – weit überlegen. Das waren keine Soldaten, keine Krieger, ungeübt, schlecht bewaffnet. Ihre Gegner ergaben sich, kaum dass der Händel ernsthaft begonnen hatte. Und anders als jene Kerle im Wald, die sie grundlos angegriffen hatten, bestand die Mehrzahl der Verteidiger aus älteren Männern.
Reik senkte sein Schwert, behielt jedoch die zwei, die ihre Waffen als letzte niedergelegt hatten, im Auge. Beide mittelgroß, recht kräftig gebaut, einer war am Oberschenkel verletzt und musste vom anderen gestützt werden.
Jetzt erst hatte er einen längeren Blick für seine Umgebung, die baufälligen Gebäude um das kastige Haupthaus herum, die bröckelnde Mauer, das schief in den Angeln hängende morsche Tor. Der schlanke Turm wurde offenbar schon lange nicht mehr benutzt, dabei war er das einzig Auffällige, Herausragende an diesem Ort. Zeichen von Verfall und Niedergang überall, Dreck und Unrat, Unkraut wucherte auf dem schlammigen, mit Pfützen übersäten Hof.
Ihm schwante nichts Gutes, als er, nach einer knappen, unwilligen Begrüßung und umständlichen Erklärungen – und natürlich sprach niemand Manduranisch, er musste übersetzen –, Bro und einer Handvoll seiner Männer zum Eingang des Hauptgebäudes folgte. Hier würden sie nicht fündig werden.
* * *
Auf einmal verstummten der Lärm und das Getöse des Kampfes. Nur das Wehklagen eines verletzten Wächters am Tor und das empörte Gezeter einer Schar Elstern auf dem Nordturm hallten noch durch die Stille.
Mara konnte Anella leise schluchzen hören; ihr Verlobter Luca war am Bein von einem Schwerthieb verwundet worden. Er tat Mara nicht allzu Leid, sie konnte ihn nicht ausstehen. Luca war der Ansicht, sie würde Anella gegen ihn aufzubringen versuchen, womit er zweifellos Recht hatte, und überhaupt wäre sie eine durch und durch schlechte Person und hätte ein krankhaftes Interesse an Anella.
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