Sie hörte die Fremden rufen, verstand die Worte aber nicht. Ihre Sprache klang rau und fremdartig. Einige stiegen von ihren Pferden und gingen mit gezogenen Schwertern auf die Männer zu. Dann nahmen sie die Helme ab.
Doch was auch immer Mara zu sehen erwartet hatte, sie sahen schlicht aus wie Männer. Ein besonders großer Fremder mit einem struppigen, hellen Bart, womöglich ihr Anführer, sagte etwas zu Carlo. Der schien aber nicht zu verstehen, schüttelte nur immer wieder erbost den Kopf. Der Bärtige wies in Richtung des Eingangs zur großen Halle, den Mara von ihrem Platz aus nicht einsehen konnte. Die Männer und jene Fremden, die abgestiegen waren, gingen hinein.
Mara fasste Anella an der Hand und wollte die sich sträubende mit sich ziehen.
„Was tust du, Mara, wo willst du denn hin?“
„Wohin wohl, auf die Empore. Von dort aus kann ich die gesamte Halle überblicken.“
„Aber wieso? Was, wenn sie dich sehen?“
„Und wenn schon“, achselzuckend wandte sie sich um. „Ich will wissen, was sie machen, was sie reden.“
„Du wirst Schwierigkeiten bekommen, Mara!“, unkte Anella.
Fast hätte sie gelacht. „Mit wem, dem Rat? Oder den Fremden?“
Sie verließ den Frauentrakt und ging vorsichtig den Korridor entlang, der zur Empore führte. Anella und noch ein paar Frauen folgten ihr ängstlich.
Hinter einem Pfeiler hervor spähte sie in die Halle hinunter, die plötzlich klein und eng erschien, da sich so viele große Männer in ihr aufhielten. Einige saßen an den langen Tischen und machten sich über das Festessen her, tranken ihren Waldmeister-Wein. Sie führten sich auf, als gehörte die Burg ihnen. In gewisser Weise tat sie das wohl auch, die Männer Ogarchas hatten sich ergeben.
„Es sind achtundzwanzig“, murmelte Mara.
„Was?“ Anella sah sie verwirrt an.
„Achtundzwanzig Männer. Die Fremden. Weißt du, wie viele noch im Hof sind?“
„Nein, ich …“
Sie schaute selbst nach. Auf dem Hof lungerten noch einmal mindestens ebenso viele fremde Männer herum. Alle waren inzwischen von ihren Pferden gestiegen, hatten die Tiere abgesattelt und in eine Ecke des Hofes gebracht. Als planten sie einen längeren Aufenthalt, hatten sogar Posten auf der Mauer aufgestellt. Vermutlich waren sie auch schon überall in den Gebäuden.
Mara sah wieder in die Halle hinunter. Der Bärtige stand mit den Ratsmännern am Kamin und redete auf sie ein, ein hochgewachsener, schlanker Mann übersetzte seine Worte. Er sah erstaunlich jung aus.
Dann setzten sich die beiden Fremden in die Sessel, die dem Rat vorbehalten waren, und der junge streckte seine langen Beine aus. Sie benahmen sich nicht unbedingt so, als ob sie gerade eine Burg erobert hätten, deren Bewohner sie feindselig beobachteten.
Plötzlich hörte Mara Schritte auf der Treppe, die Frauen blickten sie entsetzt an. Jemand kam direkt in ihre Richtung und der Weg zurück zu den Frauengemächern führte am Treppenaufgang vorbei.
Aber es waren nur Renzo und Ludeau, die um die Ecke bogen, so dass die Frauen erleichtert aufatmeten. Mara war nicht ganz so erleichtert, vermutlich steckte sie jetzt tatsächlich in Schwierigkeiten, wie Anella gesagt hatte.
„Was macht ihr hier?“ Renzo sah sie erbost an. „Wer hat euch erlaubt, die Gemächer zu verlassen?“
Demütig blickte Mara zu Boden, nicht sicher, ob er sie angesprochen hatte. „Niemand, hoher Rat, es hat aber auch niemand gesagt, wir sollen in den Gemächern bleiben. Was wollen die Fremden hier?“
Erst als die Frauen von ihr wegrückten, wurde ihr klar, dass sie wieder einmal das Falsche gesagt hatte. Verdammte Neugierde, törichte Besserwisserei, warum konnte sie nicht bedachter handeln?
Zudem war jeder in der Halle auf sie aufmerksam geworden, die Fremden blickten zur Empore.
„Bringt die Frauen runter, in die Halle! Vielleicht sind sie ein wenig gastfreundlicher als Ihr, Rat?“
Verstohlen sah Mara zu dem Sprecher hinunter, der junge Fremde betrachtete sie neugierig. Schnell senkte sie wieder den Blick.
Ludeau packte sie grob am Arm und zerrte sie zur Treppe, zischte ihr durch zusammengepresste Lippen zu. „Ich warne dich, Rotschopf, noch ein Fehler und du lernst mich von meiner unangenehmen Seite kennen!“
Als würde Mara die nicht längst kennen. Mit unbewegter Miene schritt sie die Stufen hinunter und Ludeau ließ sie los.
Mit den anderen Frauen, einige weinten und jammerten noch immer, standen sie ein wenig verloren inmitten der Halle, möglichst weit von den Fremden entfernt.
„Erwarten diese Kerle, dass wir sie bedienen?“, wandte Anella sich verwundert an sie.
Mara hob nur die Schultern.
„Hast du Luca gesehen?“ Sie klang besorgt. „Er ist doch verletzt!“
„Kann nicht so schlimm sein, er steht da drüben. Reiß dich zusammen, Anella, oder willst du, dass einer von denen auf dich aufmerksam wird?“
Sie wurden aufgefordert, noch mehr Essen und Wein zu holen, und gingen hinunter in die große Küche. Eine der wenigen anwesenden Köchinnen berichtete, viele Mägde und Diener wären aus lauter Angst von der Burg geflohen und hielten sich im Wald versteckt.
„Wohl nur verständlich. Und wo ist Kora?“, fragte Mara nach.
„Ich weiß es nicht, Herrin.“
„Das ist … schlecht.“ Beschwörend blickte sie ihre Freundin an. „Anella, du solltest mit Luca reden, jemand muss nach Kora suchen, und zwar schnell. Sie kennt sich mit der Versorgung Verwundeter aus.“
„Aber Mara …“
Natürlich kannte sie Anellas Bedenken, es war nicht üblich, einen Mann unaufgefordert anzusprechen. Aber darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen. „Bitte, Anella, dich hört er wenigstens an.“
„Gut, ich werde es versuchen. Nimmst du die Weinkrüge? So, wie ich zittere, werde ich alles verschütten.“
„Dir zuliebe.“ Sie packte die schweren Krüge. „Lass uns gehen, die anderen sind schon längst wieder in der Halle.“
Anella folgte ihr, stellte eine Platte mit Speisen auf den langen Holztisch und setzte sich respektvoll neben Luca, redete flüsternd auf ihn ein.
Mara füllte einen Becher nach dem anderen, bezwang ihre Ungeduld und wartete auf eine Reaktion, irgendein Zeichen Anellas. Wieder ging sie in die Küche, füllte die Krüge mit Wein und erfuhr von der Köchin, dass sich die verwundeten Männer in den hinteren Räumlichkeiten neben dem Zimmer des Rates befanden, die verletzten Wachen jedoch bei den Ställen.
„Dorthin solltet Ihr aber besser nicht gehen, Herrin, da sind überall die Nordländer.“
Zurück in der Halle schüttelte Anella bloß verzagt den Kopf. Und während Mara Wein nachschenkte, zermarterte sie sich den Kopf; nur zu deutlich erinnerte sie sich an Ludeaus Warnung.
Sie beugte sich zu Luca, füllte ihm nach, obwohl sein Becher noch nicht leer war. „Luca, Ihr müsst etwas tun!“
Ärgerlich musterte Luca sie. „Dieses eine Mal sehe ich über dein schlechtes Benehmen hinweg, weil du besorgt bist. Es hat keinen Sinn, diese Kerle lassen nicht mit sich reden. Die Verwundeten wurden so gut es eben ging versorgt, mehr können wir nicht tun, sie werden …“
„Ich werde es tun“, fiel sie Luca ins Wort.
„Was?“
„Ich werde den Mann bitten, dass er nach Kora suchen lässt. Er wird mir ja wohl nicht verbieten, mich um die Verwundeten zu kümmern. Oder verbietet Ihr es mir, Luca? Jemand sollte sich möglichst bald auch Euer Bein ansehen.“
„Mara, du weißt nicht …“
„Doch, ich weiß.“ Sie würde großen Ärger bekommen. Schlimmer noch, auch Kora würde Ärger bekommen und bestraft werden, weil diese sie heimlich die Pflege und Versorgung von Kranken gelehrt hatte.
Ihre Freundin blickte sie niedergeschlagen an, Luca völlig überrascht. Und die ganze Zeit über war Mara bewusst, dass der junge Fremde sie beobachtete; er schien der einzige unter den Fremden, der ihre Sprache konnte.
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