„Hm, weißt du was, dann machen wir es einfach so, dass du an Heiligabend gemeinsam mit deinem Vater zu uns kommst. Am zweiten Weihnachtstag bist du natürlich auch wieder bei uns eingeladen zum Essen. Paul und ich, wir möchten nicht, dass du alleine bist, denn wir wissen genau wie es dir geht, und ich vermute, uns geht es genauso. Zoe und Lina sind weg und alles ist ruhig, die zwei haben wenigstens ein bisschen Pepp reingebracht in unser Leben, doch jetzt telefonieren wir nur noch mit den beiden“, sagte Sophie, und Anne hörte in ihrer Stimme eine gewisse Traurigkeit.
„Sophie, ich kann euch sehr gut verstehen, mir fehlen die zwei auch total und fühle mich oft alleine, deshalb nehme ich eure Einladung sehr gerne an und bedanke mich schon mal. Mein Vater wird sich ebenfalls freuen, euch mal wieder zu sehen und von zuhause raus zu kommen. Ich danke euch“, meinte Anne liebevoll, und Sophie sagte: „Du brauchst dich doch nicht bedanken. Für uns ist das selbstverständlich, du bist für uns wie eine Tochter, du gehörst zu unserer Familie und das schon seit fast zwanzig Jahren, meine Liebe“, erwiderte sie und Anne musste lächeln, denn das hörte sich so wunderschön an.
„Das höre ich gerne, Dankeschön. Wann sollen wir denn an Heiligabend bei euch sein? Gleich nach der Kirche, wäre das für euch in Ordnung?“, fragte Anne.
„Genau, das passt gut, denn Paul und ich gehen auch in die Kirche.“
„Schön, dann sehen wir uns übermorgen. Sophie, ich freue mich schon auf die Weihnachtsabende, sag Paul liebe Grüße von mir und gib ihm ein Küsschen auf die Wange“, sagte Anne lachend und Sophie stimmte mit ein.
„Werde ich machen. Dann bis Samstag, meine Liebe, schönen Tag noch“, verabschiedete sie sich, und Anne verabschiedete sich ebenfalls.
Als die zwei Frauen das Gespräch beendet haben, war Anne überaus glücklich, sie konnte sich nun doch ein bisschen auf Weihnachten freuen.
„Oh, ich muss sofort meinen Vater anrufen und ihm Bescheid geben, dass wir bei den Böhms zum Weihnachtsessen eingeladen sind“, redete sie munter drauf los und wählte die Nummer ihres Vaters, der nach dem zehnten Läuten noch immer nicht ans Telefon ging.
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Freitag, 23. Dezember 2011
Anne hatte gestern ein paarmal versucht ihren Vater telefonisch zu erreichen, doch er ging nicht ans Telefon. Deswegen nahm sie sich vor, zu ihm rauszufahren wenn sie heute Mittag mit der Arbeit fertig war.
Leider wohnte Michael, Annes Vater, seit fast einem Jahr etwas außerhalb von Luxemburg in Petingen. Darum war es für Anne unmöglich, ihn jeden Tag zu besuchen, doch heute hatte sie ja nur am Vormittag zu arbeiten.
Als sie um Punkt zwölf Uhr den Laden verlies, fuhr sie vorher noch schnell bei McDonalds vorbei um für sich und ihren Vater etwas zu Essen zu holen.
Michael liebte diese fettigen Burger von McDonalds und Anne wollte ihm damit eine Freude bereiten.
Zum Glück war der Verkehr heute nicht ganz so schlimm und darum war sie eine Stunde später bei der kleinen Wohnung von ihrem Vater angekommen.
Anne läutete an der Haustür und eine jüngere Dame öffnete ihr die Tür.
„Guten Tag, was kann ich für Sie tun?“, fragte sie höflich. Anne war verwirrt. Wer war das?
„Guten Tag. Ähm, ich möchte zu meinem Vater Michael, wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“ Diese junge Dame an der Tür entschuldigte sich dafür, sich nicht gleich vorgestellt zu haben.
„Tut mir leid, ich bin die Pflegerin Ihres Vaters. Hat er Ihnen denn nicht Bescheid gegeben?“, fragte sie nach, und Anne war sichtlich verwirrt.
„Nein, er hat mir nichts gesagt. Aber darf ich nun bitte reinkommen, dann soll er mir gleich erklären, was hier vor sich geht“, meinte sie etwas schroff zu der Pflegerin. Anne fühlte sich schlecht, so reagiert zu haben. Sie ging hinein und fand ihren Vater im Wohnzimmer vor, er wirkte blass.
„Hallo Papa, was ist denn los? Geht es dir nicht gut?“, fragte sie besorgt, und er schenkte ihr ein schwaches Lächeln.
„Hallo meine Kleine. Doch, mir geht es gut, aber ich bin halt nicht mehr der Jüngste“, meinte er und deutete seiner Tochter, sie sollte sich doch zu ihm auf die Couch setzen. Was Anne auch sofort tat, und ihn mit Fragen bombardierte.
„Warum bist du so blass im Gesicht, stimmt etwas nicht?“ Michael sah sie an.
„Naja, bin zur Zeit ein bisschen schwach auf den Beinen und hatte vor ein paar Tagen eine kleine Kreislaufschwäche, deshalb auch die Pflegerin“, versuchte er ihr zu erklären, aber Anne wurde wütend.
„Du hattest einen Schwächeanfall, nimmst dir eine Pflegerin aber findest es nicht für notwendig, mir Bescheid zu geben?“, fauchte sie ihren Vater an, der versuchte aus dem Schlamassel wieder raus zu kommen.
„Ach, meine Kleine, es war doch nicht so schlimm und ich wollte dich nicht unnötig beunruhigen.
Ich war beim Doktor und auch zur kurzen Untersuchung im Krankenhaus und die haben mir eine Pflegerin zugeteilt. Die kommt dreimal am Tag kurz für eine halbe Stunde vorbei, bringt mir Essen und sieht nach, ob alles in Ordnung ist“, sagte er, und Anne beruhigte sich nun wieder ein bisschen.
„Hm, also gut, das finde ich dann irgendwie gut, wenn die Helferin ab und zu mal bei dir vorbei schaut“, meinte sie und sprach gleich weiter.
„Aber Papa, besser wäre es einfach, wenn du diese Wohnung hier aufgibst, ich suche mir dafür eine größere und wir ziehen zusammen, dann kann ich für dich Sorgen“, sagte sie gefühlvoll und ihr Vater legte seine Hand auf die ihre.
„Schatz, das ist eine gute Idee. Doch nun werde ich noch etwas hier in Petingen in meiner Wohnung bleiben und irgendwann können wir darüber reden, dass wir zusammen ziehen“, erwiderte er darauf, und Anne nickte.
„Hm, wie du meinst. Mir wäre trotzdem wohler dabei, wenn ich dich in meiner Nähe haben könnte.“ Er tätschelte sie.
„Ja, ich weiß. Aber jetzt erzähl doch mal, wie komm ich dazu, dass du mich heute schon besuchen kommst, wenn morgen erst Weihnachten ist?“, fragte er seine Tochter, die nun endlich wieder ein Strahlen ins Gesicht bekam.
„Deswegen bin ich ja hier. Wir sind für morgen bei Sophie und Paul zum Weihnachtsessen eingeladen, sie hatte mich gestern früh angerufen und uns beide eingeladen, toll, oder?“, sagte sie und zauberte somit ihrem Vater ein Lächeln ins Gesicht.
„Oh schön, das freut mich sehr. Dann komme ich auch wieder mal raus“, meinte er glücklich und Anne war zufrieden.
„Ja, ich finde es auch schön. Ich werde dich morgen Nachmittag abholen, wir fahren gemeinsam zur Kirche und gehen in den Weihnachtsgottesdienst. Danach ist dann das leckere Essen bei der Familie Böhm, das wird sicher ein schöner und lustiger Weihnachtsabend“, sagte sie zu ihrem Vater.
Sie aßen das Essen, das Anne mitgebracht hatte, tranken Kaffee und aßen Kekse, ein wenig später verabschiedete sich Anne und machte sich auf den Heimweg. Die Gedanken in ihrem Kopf spielten verrückt.
„Warum geht es meinem Vater so schlecht? Er sieht gar nicht gut aus und ich, ich habe nie etwas gemerkt“, machte sich Anne Vorwürfe, stützte ihren Ellbogen auf das Innenfenster und legte ihren Kopf in die Hand.
„Als ich letzte Woche bei ihm war, ging es ihm doch noch so gut und jetzt auf einmal hatte er eine Kreislaufschwäche. Ich verstehe das einfach nicht, hoffentlich ist er bald wieder fit“, meinte sie traurig und drehte das Radio lauter.
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Dienstag, 27. Dezember 2011
Anne und ihr Vater verbrachten wunderschöne Weihnachtstage, es war sehr schön bei der Familie Böhm und alle genossen es.
Denn auch Sophie und Paul fanden es gut, in diesen Feiertagen nicht alleine zu sein, denn ihre beiden Töchter waren ja nach Australien ausgewandert und hatten ihre Eltern alleine in Luxemburg zurück gelassen.
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