Und dann so etwas.
Niemand traute sich laut auszusprechen, dass sie es verdient hatte, aber man sah es in den bigotten Mienen jener, die kein eigenes Leben zu haben schienen und deswegen jedes andere mies reden mussten. Tonia wandte sich angeekelt ab und merkte, dass ihre Wut über die Spießer der Stadt ihre Trauer um Helen verdrängt hatte. Ihr Blick huschte zu einem jungen Mann herüber, der dunkel, schön und verloren etwas abseits stand und wie versteinert wirkte. Er weinte nicht und sah sich auch nicht um, doch in seinen Augen konnte Tonia lesen, dass etwas in ihm zerbrochen war, dass eine wilde Traurigkeit an ihm zerrte und ihn einhüllte wie kalter Nebel. Das musste Helens junger Freund sein, von dem die halbe Stadt sprach. Tonia schnürte es die Kehle zusammen und sie fasste nach Falcos Hand und umklammerte sie fest, um sich zu erden und nicht von der Traurigkeit des Mannes mitgerissen zu werden.
Falco erwiderte ihren Griff, sah sie aber nicht an, denn sein Blick huschte unstet hin und her, auf der Suche nach Helens Anwalt, den er hier zu treffen hoffte. In seinem Gesicht erblickte Tonia die gleiche zermürbende Unruhe, die auch sie in den letzten Tagen umgetrieben hatte. Wie sollte es nun weitergehen? Was wurde aus dem Restaurant? Wem gehörte das Gebäude, jetzt da Helen tot war? Sie drei verließen sich darauf, dass Falco eine Lösung finden würde. Und das hatte er ihnen auch versprochen. Aber Tonia wusste, dass er in den letzten Tagen immens unter Druck gestanden hatte, auch wenn er das nicht zu zeigen versuchte.
Als es zu regnen begann, löste sich die Trauergemeinschaft so schnell auf, wie es der Anstand zuließ und Tonia, Vinz und Bert flüchteten sich in dessen Vaters Kastenwagen, während Falco endlich den Anwalt Helens erspäht hatte und, trotz Tonias Einwänden ob der prekären Situation, zu ihm hingelaufen war, sich mit unter seinen schwarzen Schirm gequetscht hatte und ihn zu Helens Testament und den neuen Besitzverhältnissen befragte. Der Regen trommelte einlullend auf das Dach des Renault Rapids und die Scheiben des Wagens waren im Nu beschlagen. Die feuchtwarme Luft machte Tonia benommen und schläfrig, obwohl ihr Herz unablässig in ihrer Brust wummerte.
Vinz erwiderte eine SMS seiner Freundin Nina, der es in den USA vortrefflich ging. Dennoch vermisste sie ihn. Er simste ihr, dass er sie auch vermisste, fragte sich aber im selben Moment, ob das überhaupt der Wahrheit entsprach. Momentan hatte er einfach anderes im Kopf als sich mit seiner Freundin in der Ferne zu beschäftigen. Als er seine Handy in die Hosentasche gestopft hatte, waren die Gedanken an Nina auch schon wieder vergessen und Vinz wischte mit dem Ärmel seiner Jacke die Fensterscheibe der Beifahrertür frei, damit sie einen Blick auf Falco und den Anwalt erhaschen konnten, einen kahlen Mittfünfziger mit netter, onkelhafter Ausstrahlung und einem stattlichen Bauch, der unablässig zu sprechen schien, während Falco lediglich ab und an nickte. Sie rauchten beide, wie Vinz verwundert feststellte, dabei qualmten sie vier normalerweise nur, wenn sie feierten, aber wahrscheinlich wollte Falco sich dem Anwalt anpassen, ihn spiegeln, dachte Vinz, der seinen Freund kannte und dafür bewunderte, mit welchen Tricks er hin und wieder arbeitete. Das hatte er bei den Lehrern in der Schule oft gemacht und sich meist eine Note besser mogeln können. Vinz waren derartige Tricks so fremd, dass er immer ganz verblüfft war, mit welchen Vorschlägen Falco manchmal aufwartete.
Falco und der Anwalt sahen aus wie zwei Geheimagenten, wie sie da konspirativ unter dem schwarzen Schirm im Regen standen, eingehüllt in ihren eigenen Rauch.
„Diese Nachricht vernichtet sich von selbst", soufflierte Vinz. Bert drehte sich fragend zu Vinz um, der wortlos auf Falco wies.
„Seien Sie um Gottes Willen vorsichtig und vermeiden Sie es mit der russischen Agentin 00Sex zu schlafen. Sie ist leider eine Dilettantin", fuhr Vinz fort.
„Hast du die Überwachungsbänder vom FBI auf youtube gesehen?" ging Bert sofort auf das Spiel ein.
„Von der Russin? Nee, erzähl mal!"
„Ach, total enttäuschend. Man sieht sie nur in irgendwelchen Cafés, wo sie sich mit Typen trifft und irgendwas aus ihrer Handtasche holt."
„Was hast du denn gedacht, sie haben sie dabei gefilmt, wie sie irgendwelchen Agenten Geheimnisse entlockt, während sie ihnen einen bläst?" fragte Vinz.
„So was in der Art."
„Sie hat den Mund immer ein bisschen zu voll genommen, was?!" scherzte Vinz und Bert lachte.
„Geht's noch? Wir sind hier auf einer Beerdigung", warf Tonia ein.
„Was bequatschen die bloß so lange?" fragte Bert.
„Falco hat wieder sein Anwalt-Gesicht. Er guckt dann immer so wichtig, ist euch das mal aufgefallen? Und er spricht dann auch anders. So als würde er die Lippen ständig schürzen. Wie diese Comic-Figur von Loriot. Öööööö."
Tonia machte es den beiden vor. Sie ahmte Falco so gekonnt nach, dass die Jungs ihr anerkennend auf die Schulter klopften.
„Sensationell!" rief Bert lachend. „Mann, ich hoffe, er kann was rausholen", fügte er dann ernst hinzu.
„Falco macht das schon!" sagte Vinz.
„Wenn das jemand packt, dann er", bestätigte Tonia.
Schließlich reichte Falco dem Anwalt die Hand und verabschiedete sich.
Helens Freund stand immer noch am Grab und schien darauf zu warten, die Kraft aufbringen zu können, diesen Ort zu verlassen.
„Die arme Sau“, sagte Vinz mitfühlend.
„Sollen wir ihm unser Beileid aussprechen oder sowas?“ fragte Tonia unsicher.
„Wie denn? Gracias und Cabron ist alles, was ich auf Spanisch kann", sagte Bert.
Auch Vinz schüttelte bestimmt den Kopf.
„Was sollte ihm das bringen? Vier Typen, die Helen nicht mal besonders nahe standen, sagen ihm, wie leid es ihnen tut, dass seine Geliebte tot ist.“
„Ich meine ja nur. Ich hatte den Eindruck, dass alle ihn gemieden haben und vielleicht hilft es ihm ja, wenn wir ihm zeigen, dass wir kein Problem damit hatten, dass er mit Helen zusammen war“, sagte Tonia.
„Hola, Cabron, Gracias!" sagte Bert und es gelang ihm nicht, das R zu rollen, worauf Vinz ihn sofort aufmerksam und es ihm dann vormachte. Bert winkte ab. „Ja, vergiss es, das hat Frau Günther mir schon versucht beizubringen. Keine Chance!"
„Es gibt Menschen, die können das R nicht rollen. Und können's auch nicht lernen. Nie", sagte Tonia. „Meistens können die auch ihre Zunge nicht einrollen."
„Ja, Tonia, das hast du schon ungefähr tausendmal erzählt", erwiderte Vinz.
„Ich frage mich, ob es auch Italiener oder Spanier gibt, die das nicht können. Und wenn ja, hören die sich dann nicht bescheuert an, wenn die ihre Muttersprache sprechen?" fragte Tonia und ignorierte Vinz' Einwurf so selbstverständlich, wie das nur zwischen guten und langjährigen Freunden möglich ist, ohne einander zu beleidigen.
Vinz kam nicht mehr dazu, zu antworten, denn in dem Moment riss Falco die Hintertür auf und polterte atemlos auf den Rücksitz. Seine drei Freunde blickten ihn erwartungsvoll an, suchten nach Anzeichen, wie das Gespräch gelaufen war. Obwohl Falco mit ihnen in einem Boot saß, konnte er nicht umhin, sie für ein paar Sekunden zappeln zu lassen. Das Gefühl der Macht, mehr zu wissen als sie, war einfach zu süß. Er wartete, bis die die Neugierde seiner Freunde so zu kochen begann, dass sich das Innere des Autos um mehrere Grad erhitzte.
„Jetzt sag schon, was los ist!“ fuhr Vinz ihn schließlich an.
„Ich kriege gleich einen Schlaganfall, Cabron , also rück lieber raus mit der Sprache“, kam es fast zeitgleich von Bert und Tonia verpasste ihm einen harten Schlag auf den Oberarm.
„Au! Ist ja gut, regt euch ab! Also, der Anwalt meinte, ohne gültigen Mietvertrag dürfen wir nicht eröffnen.“
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