Als ich an meinem Fahrzeug angelangt bin, lege ich die Kamera und den Geigerzähler auf den Beifahrersitz, während Fritz sich im rechten Fußraum verkriecht. Der VW-Multivan ist ideal für Ausflüge solcher Art, weil er hinten eine umklappbare Sitzbank hat, die man dadurch schnell zu einem Bett umfunktionieren kann. Er hat eine eingebaute Kühlbox und einen Klapptisch an der linken Innenseite. Auch die Schiebetür ist äußerst praktisch, denn in der Stadt kann man bei engen Parklücken gut einsteigen. Außerdem kann man im Gelände mit offener Tür fahren, natürlich nur, wenn es die Polizei nicht sieht. Im Prinzip ist der Wagen ein kleines Wohnmobil, ideal für Kurzurlaube ohne Ansprüche. Allerdings ist der Dieselverbrauch, aufgrund des größeren Luftwiderstands größer, als bei normalen Autos. Für die Morgentoilette benötigt man natürlich einen gefüllten Wassertank und für das große Geschäft eine geeignete Wiese ohne Publikum sowie Klopapier.
Wenig später starte ich den Motor und fahre über die Bundesstraße 79 von Wittmar nach Remlingen. Dort biege ich links ab und fahre über eine kleine Nebenstraße, die über den Assehöhenzug führt, nach Groß Vahlberg. Von dort aus steuere ich den Bus nach Mönchevahlberg, biege im Ort nach rechts ab und fahre weiter Richtung Dettum. Ungefähr auf der halben Strecke passiere ich die Altenau, ein kleiner Fluss, der Richtung Westen zur Oker fließt. Hinter einer kleinen Brücke biege ich von der Nebenstraße auf einen kleinen Feldweg nach links ab. Nachdem ich eine geeignete Stelle am nördlichen Altenauufer gefunden habe, parke ich den Bus im Schatten eines Baumes. Hier bin ich ungefähr 2,5 Kilometer vom ehemaligen Salzbergwerk Asse II entfernt, das sich jetzt südlich von mir befindet.
Nachdem ich die Schiebetüre geöffnet habe, lasse ich Fritz die Gegend erkunden, damit er sich vergewissern kann, dass hier keine Gefahr für uns besteht, gemäß dem Motto, „sicher ist sicher, man kann ja nie wissen!“ Ich stelle den Campingkocher neben das Auto und brate mir in der Pfanne ein Nudelgericht mit Schinken, viel Käse und Gemüse. Dazu öffne ich mir ein Bier und schaue zufrieden in die Umgebung.
Die Ortschaften rings um die Asse sind eher bescheiden und strotzen nicht gerade vor Reichtum. Hier haben früher hauptsächlich einfache Bergarbeiter gewohnt, die sicherlich nur bescheiden gelebt haben. Aber ich finde solche Gegenden besser, als diese reichen Landkreise im Taunus nördlich von Frankfurt, wo viele gutbetuchte Banker und andere Vermögende leben. Leider trifft es immer wieder die Falschen, wenn es zu Naturkatastrophen oder durch Menschen verursachte Desaster kommt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es hier um die Asse noch zu einschneidenden Vorfällen kommen wird.
Die Erhöhung der Leukämie- und Schilddrüsenerkrankungen in der Samtgemeinde Asse sehe ich ausschließlich nur im Zusammenhang mit dem Endlager für atomaren Abfall. Das Ziel meiner Untersuchungen ist nachzuweisen, ob das Grundwasser bereits radioaktiv belastet ist. Ich gehe davon aus, dass es wegen der unzähligen Wassereinbrüche im Bergwerk längst zu einem Kontakt zwischen dem Grundwasser und dem radioaktiven Abfall gekommen ist. Von 1906 bis 2008 gab es offiziell 61 Wassereinbrüche, inoffiziell waren es vermutlich weit mehr. Die Fässer haben maximal 3 Jahre gehalten und bieten keinen Schutz mehr. Die Gesamtzahl an Fässern mit schwachradioaktiven Abfällen liegt bei 125.787 Stück. Die eingelagerte Menge für mittelradioaktiven Abfall wurde vom damaligen Betreiber nachweislich verschleiert, angegeben wurden nur 1.293 Fässer, tatsächlich wurden aber 16.100 Stück eingelagert. Außerdem kennt niemand den Inhalt der nichtdeklarierten 14.800 Fässer. Diese Umstände belegen, dass hier bis Ende 1978 ein illegales Endlager betrieben wurde und dass die damaligen Betreiber die Öffentlichkeit belogen haben. Gemäß dem Motto, „wer einmal lügt, lügt immer“ werden auch andere Vorfälle nicht gemeldet worden sein. Die geplante Rückholung der eingelagerten radioaktiven Abfälle auf Veranlassung des Bundesamtes für Strahlenschutz wird nicht funktionieren, weil sich die radioaktiven Kontaminationen wegen der korrodierten Fässer längst im Salzstock als auch im Grundwasser verteilt haben. Wahrscheinlich gibt es mittlerweile nur noch wenig radioaktiven Abfall, den man borgen und in das andere Bergwerk bringen kann. Deswegen halte ich diese Maßnahme für vollkommen falsch und für einen Verschwendung von Steuergeldern. Außerdem kann es zu Transportunfällen kommen, dadurch wären Arbeiter einer Strahlung ausgesetzt. Das andere Endlager, ein ehemaliges Eisenerzbergwerklager, wird auch keine sichere Einlagerung ermöglichen, weil es dauerhaft trocken gehalten werden muss. Auch dort gibt es Wassereinbrüche an Verwerfungen, sodass der dortige Betreiber permanent Sicherungsmaßnahmen leisten muss. Somit ist die geplante Sanierungsmaßnahme des Asse-Betreibers ein blanker Wahnsinn. Es hätte niemals radioaktiver Müll in der Asse abgelagert werde dürfen, weil die tektonischen Aktivitäten im Bereich des Salzstocks mit den vielen Verwerfungen und dem labilen Deckgebirge allen Fachleuten damals schon bekannt war. Wenn man jetzt gar nichts tun würde, würde in kürzester Zeit das gesamte Bergwerk mit Grundwasser volllaufen. Spätestens dann, kommt es sowieso zu einem Kontakt zwischen dem radioaktiven Abfall und dem Grundwasser. Ein Bergsturz wegen tektonischer Aktivitäten hätte auch dramatische Folgen, weil es dann ebenfalls sofort zu diesem unerwünschten Kontakt kommen würde.
Gegen Mittag esse ich mein gelungenes Nudelgericht und trinke das Bier. Dabei schüttele ich besorgt meinen Kopf, weil mich diese Gedanken wegen Asse II sehr beunruhigen. Ich bin immer wieder entsetzt über das Verhalten von raffgierigen Managern, die nur ihre Profite im Sinn haben, um den Aktionären eine Dividende ausschütten zu können. Hier wurde die ungelöste Endlagerfrage bei der Kernenergie einfach umgangen, indem man sich der Sache auf die billige Art entledigt hat, gemäß dem Motto, „Hauptsache die Kasse stimmt, spätere Konsequenzen sind mir doch scheißegal!“ Die Verlagerung in das andere Erzbergwerk soll ca. 4 bis 6 Milliarden EURO kosten, die zahlt natürlich wieder der Bund beziehungsweise der Steuerzahler, so wie es in Deutschland immer war und auch in Zukunft sein wird. Irgendwann werden die Leute diese Verschwendung von Steuergeldern und die permanente Schuldenerhöhung von Bund, Ländern und Gemeinden nicht mehr akzeptieren. Dann wird es auch in Deutschland zu Unruhen kommen, wie es bereits in vielen anderen Staaten weltweit der Fall ist.
Nachdem ich das Geschirr und die Pfanne gereinigt habe, überprüfe ich im direkten Umfeld des Busses mit dem Geigerzähler die Strahlenbelastung. Wie in Wittmar ist hier die Bodenoberfläche nicht kontaminiert, auch die Pflanzen zeigen keine Auffälligkeiten. Ich klettere mit meinem Messgerät die Uferböschung zur Altenau hinunter und überprüfe das Oberflächenwasser. Zu meiner Überraschung zeigt der Geigerzähler über der Wasseroberfläche eine geringe Strahlenbelastung an. Auch an anderen Messpunkten über dem Wasser bestätigt sich dieser positive Befund. Angespannt hole ich die Digitalfilmkamera aus dem Bus und filme den Uferbereich mit dem radioaktiven Wasser. Anschließend richte ich die Filmkamera auf den Geigerzähler, den ich gleichzeitig mit der anderen Hand knapp oberhalb der Wasseroberfläche halte, um die Digitalanzeige mit der schwachen Belastung zu filmen. Danach fülle ich eine Wasserflasche mit Flusswasser, beschrifte einen Aufkleber mit den Probenahmedaten und klebe ihn ans Gefäß. Danach verstaue ich meine Probe tief im Kofferraum des Fahrzeugs, damit Fritz und ich keiner Strahlenbelastung ausgesetzt sind. Das ist eine sensationelle Entdeckung, weil ich bislang keine radioaktiven Belastungen in meinem Untersuchungsgebiet angetroffen habe. Jetzt wird mein Wochenendprojekt langsam spannend!
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