Der Vater ist zwar gezwungen, etwas von seinem Wissen preis zu geben, doch er hatte sich geschworen, den Alten nach Möglichkeit mit Brosamen zu füttern. Er weiß, dass seine Arbeit und die seiner MitarbeiterInnen überwacht wird, denn die Kameras hängen offen von der Decke. Alle Erkenntnisse für sich zu behalten ist daher schlicht unmöglich.
Die MitarbeiterInnen selbst sind allesamt Koryphäen in ihrem Fach. Sie alle sind erpressbar wie Benek, doch auch sie liefern nur das Notwendigste an den „Geier“, wie sie den Kommandanten unter sich nennen. Leider ist es den InformatikerInnen und TechnikerInnen unmöglich, sich zu verbünden. Misstrauen ist alltäglich, denn „Maulwürfe“ schleichen sich immer wieder ein. Erst vor drei Monaten hat „Miss Orange“ einem der Forscher schöne Augen gemacht - wunderschöne, kornblumen-blaue, das muss der Neid ihr lassen - da sind sich alle Männer in der Abteilung einig. Die Damen warnten ihre Kollegen vergeblich vor der „Venusfliegenfalle“, so nannten sie die Neue. Aber die Männer himmelten sie unverdrossen an. Und, wie könnte es anders sein, die Frau hat das Vertrauen ihres Auserwählten rasch gewonnen. Tja, betonten später die Informatikerinnen, sie hätten die Kollegen doch gewarnt. Der Mann, der sich mit Datenanalyse beschäftigt hat sowie mit der rechnerorientierten Statistik, verschwand vor rund zwei Monaten spurlos. Miss Orange kehrte danach nicht wieder an ihre Arbeitsstätte im Computer-Zentrum zurück. Da dachte man sich das Richtige: Der Mann hat sich mit seinem tiefen Hass gegen die Zeros der Rothaarigen anvertraut und wurde verraten. Ohne Zweifel wurde er wegen vorgegaukelter Subordination von seinem Posten eliminiert. Dieser verliebte Narr!
Benek hat nicht vor, dem „Geier“ alles zu erzählen, was er weiß, seit er weiß, dass der Alte über Computer nichts weiß. Dem vierzigjährigen Mann mit den rehbraunen Augen und den grau-melierten Schläfen ist das eine Genugtuung. Daher wirft er ihm hin und wieder etwas vor, was der Andere nicht als totalen Blödsinn entlarven kann und was fachmännisch klingt. So will er es auch heute handhaben, verlangt jedoch vorher, seine Tochter zu sehen. „Nächstes Mal, jaja“, gesteht ihm der Alte widerwillig zu, während er ungeduldig auf die Gegenleistung wartet – schließlich hält er, diplomatisch wie es nun einmal seine Natur ist, seine Leute bei Laune, ja ja. Jeder kennt seine Regel „Gibst Du mir, so geb' ich Dir“.
Benek erklärt, dass er herausgefunden habe, dass die Prozentos „möglicherweise“ nach dem circular-permutation-system das Netz nutzen. Der „Geier“ nickt anerkennend, klingt gut. Er greift zum Hörer und stellt von seinem Domizil im Palais Lobkowitz eine Direktverbindung zu seinem Brotgeber her, der sich seit Wochen im Palais Ferstel aufhält. Er will ihm die gute Nachricht brühwarm servieren. Doch eigentlich nutzt er jeden Vorwand, um mit seinem Vorgesetzten so oft wie möglich in Kontakt zu treten, sich Liebkind zu machen. Schließlich ist er mit den Seinen vom Wohlwollen seines Mentors abhängig (der ebenso wenig ein „Computermensch“ ist wie der Kommandant – das gehört nicht zu ihrem Metier, und zumindest einer von ihnen gesteht sich ein, darin ein Vorgestriger zu sein.) Mit einer fortscheuchenden Handbewegung entlässt der Geier indes den Arbeitssklaven. Der weiß genau, dass sich der Kommandant von anderen Personen aufklären lassen wird, was eine Permutation ist. Schon bald wird er weitere Fragen an Benek haben. Leider.
Nur zwei Kilometer Luftlinie entfernt von Benek, im Südwesten von Wien, sitzt Sieben bei einer Besprechung im kalten, spärlich erhellten „Versammlungsraum“, der in Wirklichkeit ein intakter Teil eines ehemaligen Parkdecks ist. Sein Vorteil ist immerhin die Abhör-Sicherheit.
Die Späherin berichtet zunächst dem vierköpfigen Wiener Senat von ihrem Indizien-Verdacht, die Nullen müssten einen „klugen Kopf“ beschäftigen, der möglicherweise „ihre“ Server im Auge haben könnte. Eine Warnung aus dem Munde einer Silberlöwin und gewählten Anführerin wird unverzüglich ernst genommen. Der Beschluss wird nach kurzer Beratung einstimmig gefasst. Alle sollen nach der Auflösung der Sitzung gewarnt werden. Eine Adaptierung ist notwendig – dieser Auftrag wird anschließend an die sogenannte „Computer-Freak-Abteilung“ ergehen, alles InformatikerInnen, manche von ihnen haben in früheren Zeiten Informatik an der HTL gelernt, andere an der Universität studiert, jüngere gingen bei ersteren im Untergrund in die Lehre. Der gemeinsame Ansprechpartner (LeiterInnen verweigern sich diese Freigeister ganz generell) ist derzeit Onca – wie die Mutter sehr wohl weiß. Zwei eifert ihm darin stark nach und verbringt viel Zeit mit dem ältesten Bruder, erst recht, seit der zweitälteste, der Sohn Cox mit Mosquito liiert ist. Die Mutter ist froh, dass sich die Kinder so gut verstehen, ein warmes Lächeln huscht über ihre Züge, bevor sie sich wieder auf ihre Aufgabe konzentriert.
Sieben gibt den Auftrag des Senats weiter. Alle außer einem Untergrund-Server (der im Notfall als einziger geopfert wird) sollen unbenutzt-, nur die Fremd-Server sollen im Einsatz bleiben. Ohne Wissen der Nullen nutzen die 99,9 % sämtliche Server der Zero-kontrollierten Institutionen ORF, der privaten Tierkliniken, der Wetterstationen, der Filmindustrie und der privaten Zero-Domizile. Die Hacker der 99,9 %, also die „Computer-Freaks“ haben kein Problem damit.
Punkt zwei von Siebens Bericht versetzt die gewählten SenatorInnen in helle Aufregung. Es herrscht Einigkeit, dass man mit der Nachrichten-Weitergabe nicht solange warten sollte, bis ein neuer Server in Anspruch genommen werden kann. Punkt 2 hat ab sofort Vorrang.
Der Senator „Schöberl“ verlässt kurzfristig den Raum, um per „Piepser“ den Auftrag an die – durch die ganze Stadt „herumgeisternden“ Computer-Freaks abzugeben. Man brauche sofort einen geeigneten Server, um eine Nachricht zu versenden. Nach seiner Rückkehr erwartet ihn schon die Antwort auf seinem Roll-Top. Für Sieben bedeutet dies, dass sie für ihre nachfolgende E-Mail einen Wechsel der Lokalität in Kauf nehmen muss. Niemals wird zweimal hintereinander vom selben Raum am selben Tag über das Internet kommuniziert. Der Senator gibt den Roll-Top mit der Nachricht an Sieben weiter. Es ist üblich bei den 99,9 %, dass wichtige Nachrichten immer vom Informanten selbst beziehungsweise von der Informantin weiter gegeben werden. Die Empfänger erkennen einander am Identifikationscode (ID) oder im Falle der Satellitenübertragung am persönlichen Kennzeichen und können sich ein Bild über die Seriosität des Gegenüber machen. Die Sitzung wird mit dem Auftrag an Sieben beendet, sie solle neben ihrer Info auch die dazugehörende Abstimmungsfrage übermitteln, deren Beantwortung in einer Woche erwartet wird, um die selbe Zeit, zu der die heutige Nachricht empfangen wird. Auf diese Weise erspart man sich die Angabe beziehungsweise die Berechnung von unterschiedlichen Zeitzonen. So wissen alle selbst, wann es soweit ist.
Sieben eilt durch den Speisesaal und weiter durch den unterirdischen Gang und durch verschiedene Kellerräume bis zum Souterrain eines nahe gelegenen Jahrhundertwende-Hauses. Den stoffig-weichen, zu einer Röhre eingerollten Roll-Top hat sie sich unter das Hemd gesteckt. Es hat selbsthaftende Partikel eingebaut, sodass es im Falle des Kampfes nicht zu Boden fallen könnte. Außerdem würde es sich beim ersten Schlag selbsttätig entrollen und die Außenseite würde sich automatisch verhärten. KämpferInnen hätten auf diese Weise zusätzlich ein Schutzschild. Dasselbe gilt für die „Computer-Freaks“, falls sie nicht lieber mit ihren umgehängten „Festcomputern“ durch die Gegend laufen.
Sieben nutzt ihre Taschenlampe und kommt ohne Schramme im Keller des Altbaus an. Aus dem Souterrain kann sie entweder funken oder ins Internet gehen. Es haben unlängst „Gründler“ (ihre Untergrundleute) hier einen Anschluss für das Internet installiert. Sieben will heute lieber nicht über den Satelliten funken. Sie hat doch schon beschlossen, das Netz zu nutzen. Sie entrollt den Roll-Top, der in der Finsternis bläuliches Licht verströmt und die Tastatur lesbar macht.
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