Heute ist die einzige Bedingung für die Teilnahme am aktiven Kampf gegen die einstigen Gierschlunde und heutigen Machtgierigen, dass alle körperlich und geistig fit sind und an den (für alle Altersklassen) täglich stattfindenden Kampfübungen teilnehmen. Wer das nicht schafft, übernimmt interne Aufgaben. Jeder Mensch wird als ungemein wichtig und wertvoll angesehen. Wer sonst nichts tun kann, erzählt, wie etwas getan werden kann, welche Erfahrungen er oder sie gemacht hat. Oder ein Grüppchen von körperlich sehr Schwachen, Alten oder Verletzten erzählt den Kindern Märchen und Sagen, und man ahnt es nicht, wie die Kranken über diese Aufgabe an Lebenswillen und Lebensfreude gewinnen. Auch das ist wertvoll für soziale Wesen, wie Menschen es sind. Andere erzählen, wie alles gekommen ist, damit es nicht vergessen werde.
Die Tunnelsysteme in den Bäuchen der Stadt gleichen Eingeweiden. Sie sind der Lebensraum der 99,9 %, in dem das Überleben am ehesten gewährleistet ist. An der Oberfläche patrouillieren die Zero-Söldner, über manchen Gegenden wurden „schmutzige“ Bomben abgeworfen. Die Tunnel unter den Städten sind davon nicht betroffen, weil in fast jeder Stadt der Welt Zeros ihre Besitztümer haben und sie „sauber“ halten. Die Tunnel sind mit Fallen für die Zero-Söldner gespickt, teilweise getarnt und schier uneinnehmbar. Daher versuchen die Nullen mit ihren Söldnern nunmehr im siebten Jahr vergeblich, die 99,9 % vollends zu versklaven oder aber jene zu vernichten, derer sie nicht habhaft werden können.
Den Nullen leisten die 99,9 % verbissen Widerstand. Nicht nur das. Sie kämpfen auch offensiv, bedienen sich aus den Lagerhäusern der Nullen, stehlen deren Vorräte und Produkte, stehen zumindest in vielen Fällen mit den Entführten und Zwangsverpflichteten in sporadischer Verbindung. Das genügt allerdings nicht, um die Zeros auszuschalten. Diese haben das wirksamste Schild, das es geben kann, um sich errichtet – die entführten Kinder der 99,9-Prozent. Sowohl die Kindersklaven als auch erwachsene ZwangsarbeiterInnen in den Arbeitslagern und Luxus-Domizilen der Zeros verhindern, dass die 99,9 % ihrerseits Bomben über die Zero-Enklaven abwerfen oder deren Wasser und Nahrung vergiften.
Die KämpferInnen und WissenschaftlerInnen der 99,9 % sind weltweit vernetzt und selbst höchst erfinderisch. Die erzwungenen Dienste der WissenschaftlerInnen in den Nullen-Domizilen sind nichts dagegen. Das Kollektiv wird niemals aufgeben. Damit hatten die größenwahnsinnigen Nullen 2020 nicht gerechnet.
Im siebten Jahr des weltumfassenden Untergrundkampfes der 99,9 Prozent gegen die 0,1 % der reichen Nullen (so genannt wegen „Null-komma-eins-Prozent“) gelangt die Widerstandskämpferin Sieben in Wien an eine Information, die das Blatt zugunsten der unbesiegten Weltgemeinschaft wenden könnte. Unverhofft lastet auf Siebens Schultern, der gewählten Anführerin von 'Meidling' und 'Schönbrunn' und ihren SilberlöwInnen die Hoffnung des weltweiten Widerstands. Doch nur gemeinsam könnte das Kollektiv siegreich sein. Dazu bedarf es umfangreicher Vorbereitungen. Wird die Zeit reichen? Wird der Zugriff gelingen?
2027. Wien. Großgruppe Meidling und Schönbrunn. Auf dem Weg durch den Speisesaal der Meidlinger Gruppe der Wiener 99,9 % (in der einstigen Tiefgarage) fällt Sieben ein neues Gesicht auf. Ein Kind? Sieben war noch nie schüchtern, also geht sie schnurstracks zum Tisch der Familie von „Bufo“, der Goldkröte (Bufo periglenes) und deren Mann Toni, den Sieben noch gar nicht zurück vermutet hat, nachdem er noch vorhin an den Söldnern Schießübungen veranstaltet hatte.
„Bienchen“ heiße das neue Familienmitglied, stellt Toni freudestrahlend sein neues Familienmitglied vor. Wie ausgewechselt ist er, der oft so zornige, in seinem Unglück verzweifelte Silberlöwe. Man sieht ihm an, dass an diesem Kind sein Herz hängt, dass das pure Glück in sein Leben zurück gekehrt ist. In Sieben wallt eine tiefe warme Freude auf. Toni hat das Familienglück endlich gefunden.
Kluge blaue Augen taxieren Sieben, bis das zarte Wesen den Blick senkt, als wäre es ein bisschen schüchtern, was ihr Sieben nicht ganz abnimmt. Aus der Nähe schätzt Sieben die junge Frau auf dreißig Jahre. Wegen der zierlichen Gestalt und der zarten, bleichen, unglaublich reinen Haut wirkt sie aber wie ein Kind. „Wo bleiben die unzähligen Sommersprossen, die sonst bei Rothaarigen die Nase zieren?“ geht es Sieben durch den Kopf. Sie hat sie wohl in den „guten Jahren“ in einer der unzähligen Schönheitspraxen weg „lasern“ lassen. Geziert reicht die Junge der Älteren eine gepflegte Hand mit perfekt manikürten Nägeln. Kokett wirft sie ihr langes, gepflegtes, karottenrotes Haar zurück. Ein wenig verwundert es Sieben, dass jemand im Untergrund die Muße hat, so langes, offenes Haar zu pflegen und sich trotz der verschiedenen Arbeitseinsätze so zarte Hände zu bewahren. Das schöne Kind wird halt ein wenig eitel sein, was nicht weiter stört. Ein junger Mann wird eine Freude an ihr haben. Die Gemeinschaft auch, denn Kinder sind höchst willkommen.
Der sonst wortkarge Toni erzählt eifrig, wie er das verletzte Bienchen an der Grenze zwischen dem sechsten und dem ersten Bezirk entdeckt hat. Sie lag da, angeschossen, liegen gelassen zum Verbluten, nachdem sie ihrem Sklavenhalter, dem steinalten australo-asiatischen Bin Mun Dong und seiner blutjungen afro-europäischen Frau Ruby davongelaufen war. Mitleid wallt in Sieben auf. Härte und Brutalität wird insbesondere mit Mun-Dong (wie er landläufig genannt wird), dem Medienmogul, in Verbindung gebracht. Mit eiserner Hand hat er sein Familien-Imperium aufgebaut, das ist bekannt.
Aber „Gott sei Dank“ seufzt Toni erleichtert auf, es sei bei Bienchen nur ein Streifschuss gewesen. Sieben überlegt, dass Bin und Ruby zu der jungen Frau nicht brutal gewesen sein können, sie sieht weder verhärmt noch unterernährt aus, vielmehr wiff, taff und sehr gepflegt. An eine fleißiges Honigbiene erinnert das schöne Kind eigentlich nicht, vielmehr an andere Hexapodae, an den winzigen, haarigen, orangen Springschwanz vielleicht. Sieben beschließt insgeheim, den Neuzugang nach der Überklasse der Sechsfüßer einfach „kleine Hex'“ zu nennen – das ist keineswegs böse gemeint, höchstens belustigt es sie ein wenig.
Toni berichtet, er hätte die Ohnmächtige zunächst mit einem Kind verwechselt. Im ersten Moment dachte er, dass seine kleine Enkelin doch irgendwie überlebt haben könnte und nun vor ihm liege. Schließlich trug man ihn selbst damals schwer verletzt vom Unglücksort, sodass er es nicht einmal bemerkt hätte, falls jemand seine innigst geliebte Enkelin gerettet hätte. Beim Begräbnis seiner Kleinen war er nicht dabei, damals lag er noch im künstlichen Tiefschlaf. Kein Wunder, dass ihn der Zweifel übermannte, als er die kleine Elfe sah, die seiner Kleinen so ähnlich sah. So sehr verwirrte ihn das rote Haar. Dasselbe Haar hatte seine Enkeltochter. Sieben freut sich ungeheuer für Toni und grinst breit. Da fällt ihr Blick auf Bufo, die bisher kein Wort gesagt hat. In Bufos Augen schwimmen Tränen. Doch Toni bemerkt sie nicht. Die Familie wird noch einiges klären müssen, wird es Sieben klar. Peinlich berührt verabschiedet sie sich hastig von den Freunden und Kampfgefährten, nickt dem neuen Mitglied der Familie kurz zu und verlässt das Grüppchen. Bufo weint nicht leicht, der Tod der ihrigen ließ sie zu einer Kampfmaschine abstumpfen, meinen manche. Aber Sieben kennt die Freundin besser. Beide denken sie ähnlich. Bufo meinte einmal resigniert, ja todtraurig, Geschehenes könne sie nicht Ungeschehen machen, nur neuerliche Tode der jungen Leute würde sie mit allen Mitteln verhindern. Das ist tatsächlich ihre „Spezialität“. Meistens lässt sich sich zum Schutz der „Jungen Spezies“ in den äußeren Bereichen des Untergrunds einteilen. Ihr Werk vollbringt sie gern im Stillen – ganz anders als ihr Ehemann Toni, der buchstäblich das explosive Getöse liebt. Wird eine Gruppe angegriffen, geht Bufo kalt, brutal, pragmatisch vor. Sie würde eher sterben, als zuzulassen, ein junges Leben an die Zeros zu verlieren. Für diese Fähigkeit und für diese Bereitschaft wird Bufo von ihrer Gemeinschaft hoch geachtet und geliebt. Darin findet sie Trost. Die alte Kampfgefährtin ist unverbrüchlich treu und hundertprozentig zuverlässig, und sie hat stets Augenmaß bewiesen – ganz anders als ihr cholerischer Ehemann, dessen Wüten sie mehr als einmal eingedämmt hat. Sieben fängt zu grübeln an. Ihr erster Gedanke war vielleicht kurzsichtig. Könnte Bufo wirklich fürchten, Toni würde das Andenken der getöteten kleinen Enkelin gegen die lebende Adoptivtochter eintauschen? Diese Eifersucht traut sie bei näherem Augenschein der Freundin nicht zu. Was hat Bufos Tränen aber dann ausgelöst? Nun ja, es ist nicht Siebens Sache, ruft sie sich zur Ordnung. Sie würde auch nicht in die Freundin dringen, mit ihr ihre Sorgen zu besprechen. Nein, das liegt ihr fern. Die Freundin würde sprechen, falls und sobald die Zeit reif wäre. Sieben muss sich anderen Aufgaben zuwenden. Es wird ohnehin langsam Zeit, sich in den Versammlungsraum zu begeben.
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