Rettungsmaßnahmen am Menschen finden auch statt, wenn die Granaten in unmittelbarer Nähe einschlagen und Detonationen die Instrumente auf den Tischen zum Klimpern und Klappern, im Auf- und Abspringen bringen und aus den konzentriert arbeitenden Händen des erschrockenen Operateurs fallen. Es ist die Arbeit auf Leben und Tod. Da nimmt der Operateur auf sich keine Rücksicht, und jede Rücksichtnahme auf die eigene Person ist untersagt.
Die Arbeit am Menschen gleicht der Kommunikation auf dem weiten Felde von Schmerz und Elend, wenn es letztendlich darum geht, dem Trauerfall des unwiederbringlichen Verlustes zuvorzukommen. Gelingt es nicht, dann gibt es die drückende Schwere im Herzen mit den reflektorischen Krämpfen, die den Körper des durchschwitzten Chirurgen durchzucken und den Dauerkopfschmerz begründen. Es gibt keine Alternative, wenn das verletzte Leben vor den Toren des Todes angekommen ist. Es ist diese Tornähe, die den Arzt zum schnellen und selbstlosen Handeln spontan verpflichtet.
Yasin und Tarek weiter im Gespräch
Yasin.Ich sagte es, wenn das Unwiederbringliche zerschlagen wird und verloren geht, dann sind wir am Ende. Keiner wird danach fragen, wie es gekommen ist, denn keiner wird uns finden, die wir dort gelebt und gearbeitet haben, und das über viele Generationen.
Tarek.Ich teile deine Meinung nicht und das nicht nur, weil die Jugend ein Recht darauf hat, die Geschichte des Auf- und Unterganges zu erfahren, sondern weil sie im besonderen Maße wissen will, was für sie geblieben ist, woran sie sich halten und orientieren kann.
Yasin.Ich gebe dir recht, die Jugend braucht die Führung. Aber wie können wir sie führen, wenn das, was unsere Väter und wir geschaffen haben, zur Unkenntlichkeit zertrümmert ist, wenn Menschen, die dort lebten, zu Krüppeln geschlagen und ermordet wurden? Selbst die Bruchstücke sind zur Unkenntlichkeit zerhämmert, dass wir mit der Kenntnis und Erfahrung der älteren Generation die Stücke weder zusammensetzen noch das Ganze wiederherstellen können. Und du weißt es so gut wie ich: Wenn die Kultur erst einmal zerschlagen ist, dann geht sie schließlich verloren mit der letzten Hoffnung einer Wiederherstellung.
Tarek.Ich stimme dir zu: Wir haben außer den Trümmern nichts vorzuweisen, was wir der Jugend geben können. Wir stehen mit leeren Händen da, in die wir schauen und fassungslos nach Worten der Erklärung suchen.
Yasin.Diese Hände halten wir uns gegenseitig vor und sind beschämt, weil wir nicht wissen, wie wir die Leere erklären sollen geschweige denn die Leere füllen können. Uns befällt neben der Sorge die Angst, dass wir das Vertrauen der Menschen verlieren und nicht mehr bekommen, wenn wir ihnen die Geschichte so erzählen, wie sie uns getroffen hat, wie wir sie erlebt haben, weil wir sie so erleben mussten bis hier zum Lagertor.
Tarek.Wir haben keine Wahl, als die Dinge so zu bringen, wie wir sie erlebt und unter Einsatz des Lebens erfahren haben.
Yasin.Und das schließt den langen und steinigen Weg bis zum Lager ein. Dabei denke ich an die, die es nicht schafften und am Wegrand liegenblieben. Es ist die Geschichte der Entsagung und des Leidens, dass mit einem guten Ende nicht zu rechnen ist. Darin liegt das Schicksal dieses Volkes.
Tarek.Es ist eine lange Geschichte, die über tausend Jahre zurückgeht.
Yasin.Es trifft ein Volk der großen Denker, die außergewöhnliche Entdeckungen in den Wissenschaften wie der Mathematik und Philosophie ans Tageslicht brachten, die die Grundlage für die modernen Naturwissenschaften bis in die Zukunft hinein legten.
Tarek.Den großen Menschen gebührt der Dank für das, was sie den Völkern gaben, und wir sollten dafür Sorge tragen, dass ihre Namen nicht vergessen werden.
Yasin.Ich stimme dir aus ganzem Herzen zu und meine, dass die Aufzeichnungen und Bücher dieser Geistesgrößen vor der Vernichtung zu retten und in Sicherheit zu bringen sind.
Tarek.Du hast recht, denn diese Bücher haben einen unbezahlbaren Wert.
Yasin.Und dieser Wert, der ein universaler ist, gilt der ganzen Menschheit.
Zwei Verletzte werden ins Lager gebracht
Junger Mann.Auch das! Dem Alten haben sie ins Bein geschossen. Wir müssen uns beeilen! Wo ist der Arzt?
Alter Mann.Das mir das passieren muss. Nun verliere ich in meinen alten Tagen noch das Bein!
Junger Mann.Es wird so sein, dass du das Bein verlieren wirst. Das aber ist noch besser, als das ganze Leben zu verlieren.
Alter Mann.Das sagst du so daher. Ich denke da anders und teile deine Meinung nicht. Denn was ist, ich meine, was kann ein Mann in meinem Alter mit nur einem Bein? Gehen kann ich nur an Krücken, und ohne sie kann ich nicht einmal stehen.
Mutter.Meinem Kind haben sie die Hand abgehackt, dabei hat es weder gestohlen noch sonst was Böses getan. Was sind das für grausame Menschen, die einem Kind die Hand abhacken, denn es ist sein Leben, das doch erst begonnen hat!
Dr. Allison.Diese Verletzungen gehören zum Alltag, seitdem die Menschen das Lager erreichen. Bedenkt man, dass viele auf dem Wege ihr Leben verlieren, dann können sich die Verletzten noch glücklich preisen, dass sie es mit dem Leben bis zum Lager schafften.
Mutter.Aber was ist ein Leben mit nur einer Hand? Da begreift das Kind doch nur die Hälfte!
Dr. Allison.Mutter, begreife es doch! Du hältst das Kind in den Armen, und es lebt! Sicher, es fehlt ihm die Hand, und kein Mensch und kein Chirurg kann ihm eine neue Hand geben. Aber viele Mütter kommen und halten ihr totes Kind in den Armen, das den weiten Weg zum Lager nicht schaffte.
Mutter.Auch ich traf diese Mütter mit der Totenlade. Ihre Gesichter waren verweint und herb, weil es keinen gibt, der den Toten ihr junges Leben zurückgeben kann.
Alter Mann.Es sind nicht nur Kinder, die der Tod auf dem Wege schlug. Bedenkt, was ihr gesehen habt. Es sind weit mehr die alten Menschen, die sich an den Rand der Straße legten und nicht mehr aufstanden.
Mutter.Wahr aber ist auch, dass unsere Kinder erst kurz in das Leben eingetreten sind, aus dem sie in ihren Kinderjahren jäh herausgerissen wurden.
Dr. Allison.Das sollt ihr nicht vergessen: Der Chirurg ist kein Zauberer. Er versorgt und näht die Wunden, aber neue Gliemaßen ansetzen, das kann er nicht. Zu dieser Größe hat er es nicht geschafft.
Alter Mann.Doch die Zwischengröße wäre die, wenn du den Stumpf nicht zu kurz machst, damit ich die Holzprothese darunter setzen und tragen kann, denn ich muss wieder auf die Füße kommen, denn ohne Füße wird auch bei mir das Leben wertlos.
Mutter.Und bei meinem Kind schneide nicht zu hoch, dass vom Arm soviel wie möglich erhaltem bleibt. Denn ein Kind mit nur einer Hand, das ist schon schrecklich genug. Wie soll es werden, wenn das Kind älter wird und dem Spott anderer ausgesetzt ist. Wie kann sich so ein Kind dann wehren?
Alter Mann.Das kann ein Kind doch besser als ein alter Mann, der nur einen Fuß auf den Boden setzen kann.
Mutter.Ich denke nicht nur an den körperlichen Halt, sondern an den seelischen, wenn da herumgehänselt und hinter dem Rücken gelacht wird, als wäre es lustig, nur eine Hand zu haben.
Dr. Allison.Das seelische Trauma lässt sich neben dem körperlichen nicht umgehen, ist die Seele doch wesenhaft dem Körper verhaftet. Was ich damit sagen will, ist die simple Tatsache, dass Menschen in großer Zahl mit diesen Traumen zu leben haben.
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