„Ich hatte eigentlich nicht vor, sie jemals auszugeben“, murmelte Dörmann gedankenverloren, während Ulf das Loch wieder zuschaufelte.
„Is' doch für'n guten Zweck“, meinte Ulf.
„Ist das nicht vielleicht ein bisschen viel für ein Baby?“
Es machte Dörmann doch ein wenig unsicher, so viel Geld in der Hand zu halten.
„Sie wollen doch nicht an Johanna sparen!“
Ulf schulterte den Spaten, und Dörmann klemmte sich die Geldcassette unter den Arm. Langsam schlenderten sie davon.
„Sie wird bald ein eigenes Motorrad brauchen“, sagte Dörmann. „Und eine Studentenwohnung. Und einen Bausparvertrag ...“
Ulf sagte nichts mehr. Er war rechtschaffen müde. Es war Zeit, schlafen zu gehen.
Zweiter Teil: Musikalisches Intermezzo - Viertes Kapitel: Andreas Machenschaften
Dass die Bundesbahn pünktlich wie die Maurer war, konnte Ulf beim besten Willen nicht behaupten. Schon eine geschlagene halbe Stunde standen Dörmann und er am Bahnsteig neun und warteten auf den Zug nach Barkhenburg. Und dabei hatte Ulf es heute besonders eilig und wollte eigentlich schon längst ganz wo anders sein. Aber es gehörte nun einmal zu den Pflichten eines guten Gastgebers, den Gast zum Bahnhof zu geleiten. Zumal Dörmann einiges an Gepäck mit sich führte. Außer Spaten, Badetasche und Geldcassette hatte er nämlich auch einen ganzen Haufen an Zubehörteilen für Johanna zu tragen.
Zum fünften Mal las Ulf den kleinen handgeschriebenen Zettel, der mit Tesafilm am Süßigkeitenautomaten befestigt war. Da suchte ein verzweifelter Sechstklässler dringend Mathenachhilfe. Nun, jemand der sich von Ulf Mathenachhilfe geben lassen würde, war so blöd, dass ihm der beste Pädagoge der Welt nicht mehr helfen konnte, darum notierte er die Telefonnummer gar nicht erst. Das konnte er nicht, aber immerhin konnte er Dörmann noch in den rechten Zug verfrachten, bevor er Andrea aufsuchte.
Sie war schon am ausgemachten Treffpunkt und sah ungeduldig auf die Uhr, als Ulf endlich angelaufen kam. Falk blickte strafend an ihm hoch und wieder runter, ließ sich dann aber doch kraulen und wedelte freundlich mit dem Schwanz. Ulf kam nicht gerne zu spät, vor allem heute nicht, wo Andrea ihm möglicherweise einen Job verschaffen konnte.
Exkurs:
Andrea verdiente ihren Unterhalt ja eigentlich hauptsächlich und vor allem dadurch, dass sie als Zuhälterin für Falk arbeitete. Denn Falk, dessen glänzendes, gepflegtes Fell stets guten Eindruck machte, zeichnete sich durch sein großes schauspielerisches Talent aus und war ein gesuchter Darsteller für Hundefutterwerbespots. Was immer man ihm vorsetzte, und es konnte der schlimmste Schweinefraß sein, Falk wusste stets, seinem Gesicht einen appetitvollen Ausdruck zu verleihen, als schleckte er einen Hummercocktail aus.
Zur Zeit hatte der Setter einen lukrativen Vertrag mit der Firma „Wohlig Hundekost“ in der Tasche. Die stellten einen üblen, nicht für den tierischen Verzehr geeigneten, doch ungiftigen Hundecracker her, den Falk privat niemals anrühren würde.
Ulf hatte großen Respekt vor Falks Intelligenz. Bisher hatte er die sanften, freundlichen Hunde ja immer für etwas dümmlich gehalten, aber das galt ganz sicher nicht für Falk, der möglicherweise – da wollte Ulf sich aber nicht so genau festlegen – auch den guten Harraß in den Schatten stellte.
(Ende des Exkurses.)
„Denk' dir“, sagte Andrea statt einer Begrüßung, „Falk wird möglicherweise den Effi bekommen.“
„Toll“, sagte Ulf und überlegte, was um alles in der Welt wohl ein Effi sei.
„Das ist der Oskar der Werbeleute“", klärte sie auf.
Mit einem geübten Handgriff richtete sie Ulfs Kragen und strich dann seine Haare glatt.
„Gott, wie siehst du wieder aus. Mein Chef wird Augen machen. Ach, was soll's.“
Sie packte ihn bei der Hand und zog ihn mit sich fort.
Ulf verstand nichts von Werbung. Sie störte ihn nur manchmal beim Fernsehen. Aber Andrea, die sich nicht gerne von ihrem Hund aushalten lassen wollte, hatte noch ein viel interessanteres Eisen im Feuer. Sie war nämlich eine ausgezeichnete Fotografin. Ihre Bilder drückten immer genau das aus, was sie damit ausdrücken wollte – was man von Ulfs Schnappschüssen nicht gerade behaupten konnte – und diese Begabung hatte ihr die Tore einer großen Hannoverschen Tageszeitung geöffnet. Da wollte sie Ulf nun unterbringen. Nicht als Fotograf natürlich.
*
„Ja, können Sie denn überhaupt schreiben?“, fragte der Chefredakteur zweifelnd, als das seltsame Trio in seinem Büro erschienen war.
„Ich –“, sagte Ulf ...
„Ulf hat für die Schülerzeitung gearbeitet“, fiel Andrea rasch ein, „und für das Sternsummer Gemeindeblatt.“
„Starnsum“, verbesserte Ulf reflexartig.
Andrea trat ihm auf den Fuß und funkelte ihn aus so drohenden Augen an, dass er nicht wagte zu sagen, dass Starnsum gar kein Gemeindeblatt und seine Schule gar keine Schülerzeitung hatte.
„Außerdem ist er ein ausgezeichneter Karikaturist“, fuhr Andrea dreist fort.
Ulf überlegte, ob es gut war, ein Vorstellungsgespräch zu führen, wenn eine Werbefachfrau im Zimmer war. Er tauschte mit Falk einen verständnisinnigen Blick und stellte sich vor, wie Andrea sich in einem Werbespot ausnähme: Andrea tritt selbstsicher und freundlich-vereinnahmend vor Kamera und Publikum. Sie trägt blitzendweiße Zähne und einen ebensolchen Kittel. Text: „Ich als Zahnarztfrisöse empfehle meinen Kunden immer Chlorodont.“ Und während sie immer noch gewinnend in die Kamera lächelt, klärt die vertrauenerweckende Stimme des Herrn Bundeskanzlers auf: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Ulf würde auf das Wort „bitte“ im Abspann bestehen. Vielleicht verstand er ja doch etwas von Werbung. Er würde sich mal mit Falk unterhalten müssen, ob der ihn nicht seinem Chef vorstellen könnte ...
„Ja, ich weiß nicht recht“, murmelte der Chef leise vor sich hin. „Ich bin tatsächlich für heute Abend in einer gewissen Verlegenheit. Aber ich bin mir nicht sicher ... Herr Wiekbold?“
Ulf zuckte zusammen, als Andrea ihn in die Seite stieß. Er war so versunken in die Ausmalung des Werbespots gewesen, dass er gar nicht mehr richtig zugehört hatte.
„Reiß dich zusammen“, zischte sie ihm zu.
„Tu ich ja“, gab er leise zurück.
„Verstehen Sie etwas von Musik?“, fragte der Chef.
„Ulf spielt Klavier und Gitarre“, verkündete Andrea dreist, bevor Ulf den Kopf schütteln konnte. „Außerdem singt er schon seit Jahren im Sternsummer Kirchenchor.“
„Starnsum“, sagte Ulf.
Der Chef sah sinnierend auf seine Fingerspitzen, es war lange Zeit still im Raum. „Tja“, meinte er schließlich, „es ist leider so, dass unser Mann für Musik eben einen Unfall hatte. Trauen Sie sich zu, etwas über die Don Giovanni-Premiere heute Abend zu schreiben?“
„Sie meinen das dramma giocosco von Mozart und da Ponte?“, fragte Ulf rasch und drängte Andrea zur Seite.
„Sie kennen die Oper?“, fragte der Chef erstaunt.
„Ich kenne die Kölner Inszenierung von Hampe und die Wiener von Böhm“, meinte Ulf leichthin und fuhr, froh darüber, dass er auch einmal zu Wort kam, fort: „Das Stück wurde uraufgeführt 1787 in Prag und basiert auf dem Libretto von Guiseppe Bertati zu einer einaktigen Don Giovanni-Oper von Giovanni Gazzaniga. Da Ponte baute die Handlung zu einem Zweiakter aus und strich die von Bertati vorgesehenen zehn Rollen auf acht zusammen, denn das Prager Ensemble des Direktor Bondini war ziemlich klein. Trotzdem musste der Sänger des Masetto – Signore Lolli – bei der Prager Aufführung auch den Part des Komturs singen. Wissen Sie, ich finde, das ist viel besser gelöst als bei den heutigen Aufführungen, wo der Komtur einen eigenen Darsteller hat. Der arme Kerl muss am Anfang der Oper auftreten und taucht dann erst in der vorletzten Szene wieder auf. Ich frage mich immer, was macht der Sänger bloß in den drei Stunden dazwischen ...?“
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