Sie malte sich aus, wie er wieder winselnd mit hängenden Pfötchen und wedelndem Schwanz an ihre Balkontüre kratzen würde: „Es tut mir ja sooo leid. Ich habe einen Riesenfehler gemacht. Bitte, bitte, lass mich wieder rein. Es soll auch nieee wieder vorkommen!!!“
Sie aber würde mit steinernem Blick zum Balkonfenster gehen und wortlos das Rollo herunterlassen. Dann würde sie die Stereoanlage aufdrehen und mit einer schönen Tasse Matetee in das gegenüberliegende Zimmer gehen, das Telefon ausstöpseln, sich aufseufzend in ihren großen roten Plüschsessel fallen lassen und in alten Büchern kramen. Soll er doch nur kommen, dieser Schlappschwanz und winseln! Soll er doch nur kommen … Ihr war wieder zum Heulen zumute.
Genug jetzt! Sie schleuderte entschlossen ihr Kuschelkissen in die Ecke, das sie sich instinktiv wieder vom Bett gepflückt und an ihre Brust gedrückt hatte. So kann das jetzt heute nicht weitergehen, sie wollte sich schließlich nicht den ganzen Tag lang hier als heulendes Elend in ihrer Wohnung verkriechen.
„Als Erstes werde ich mal ein Bad nehmen“, dachte sie. Das half immer, ein schönes heißes, dampfendes Bad, duftende Kräuter, vielleicht noch ein, zwei Kerzen. Nur ein sehr unzureichender Ersatz für Geborgenheit und Liebe, aber immerhin … Genau! Das war jetzt genau das Richtige für sie. Sie müsste ohnehin mal wieder dringend ihr Blond auffrischen, das war sie ihrer engelhaften Aura schon schuldig. Sie hatte ja schließlich vor, 140 Jahre alt zu werden, ohne von irgendwelchen unliebsamen Alterserscheinungen behelligt zu werden. Da musste man eben schon beizeiten anfangen, gegen diese grauen Strähnchen anzugehen. Sicher, sie würde ihre paar grauen Haare nur farblich übertünchen, aber auf einer höheren existentiellen Ebene bedeutet das Außen ja zugleich auch das Innen, fällt Makro- und Mikrokosmos ohnehin in eins, sodass es also auch seine heilkräftige Wirkung nach innen zeitigen müsste, wenn sie ihren grauen Strähnchen ganz konventionell mit einer handelsüblichen Tönung zuleibe rücken würde. „Ni-yu-tum ku-ru kar-mu twum, kar-mu jya-yo y u-kar-mu-nuh1 …“ murmelte sie vor sich hin, einen Sanskrit-Text, den sie bei unzähligen Seminaren kennengelernt hatte und der, als Mantra gesprochen, den Menschen zu neuer Tätigkeit anspornen sollte, der immer dann skandiert wurde, wenn die von den Illusionen der Welt verunreinigte Seele zur spirituellen Erneuerung aufgerufen werden sollte.
Sie konnte es sich selbst nicht recht erklären, wieso sie ausgerechnet diesen Text in seinem Originalklang so gut behalten hatte, wo sie noch nicht einmal den genauen Wortlaut davon kannte. Aber dieser heilige Text war immerhin göttlichen Ursprungs, also hatte ihn wohl der vielgestaltige Gott der Weisheit (wie hieß er doch gleich wieder?) ihn ihr höchst persönlich eingeprägt, gewissermaßen wie einen göttlichen Samen eingepflanzt, der sie zu ungeahnter spiritueller Höherentwicklung führen sollte.
Ihr schwindelte bei diesem Gedanken. Denn das würde bedeuten, dass sie eine der 365 auserwählten wiedergeborenen Seelen als Hüterin der Reinkarnation in sich tragen würde. Sie – eine Braut des … (wie hieß er doch gleich wieder?) Ein Schauer kroch ihr den Rücken hinab. Sie musste so bald wie möglich mit ihrem geistigen Führer darüber sprechen. „Ni-yu-tum ku-ru kar-mu twum, kar-mu …“ Und da weinte sie noch diesem Kayru nach … Dieser unwürdige, überaus erbärmliche, widerlich wiedergeborene widerwärtige Wicht, dieser klägliche Wurm, dieser Abgrund an Scheußlichkeit, dieser …!
Die Tränen schossen ihr wie das Blut einer aufgerissenen Wunde aus den Augen. Sie eilte ins Bad. Immer noch weinend begann sie damit, ihre Bluse aufzuknöpfen. Als sie sie abgestreift hatte, musste sie erst einmal ihre Tränen am Ärmel abwischen. Ihr Blick fiel auf ihr Gesicht im Badezimmerspiegel. „Bäh! Blöde, verheulte Bandaraneike!“ muffelte sie ihr eigenes Spiegelbild an und legte ihren Armreif, ihre Ringe und ihren Ohrschmuck auf die Ablage. Sie drehte sich um, um das heiße Wasser einlaufen zu lassen.
In diesem Moment stieß sie einen gellenden Schrei aus und sprang wie von der Tarantel gestochen einen Meter zurück und stieß unsanft mit dem Rücken an die Spiegelablage, dass die umgeworfenen Fläschchen und Tiegel nur so schepperten.
Wie ein aufgeblasener Tintenklecks saß dick und fett eine große Spinne genau über dem Abfluss und schien keine Probleme damit zu haben, ganz stoisch das so unerwartete panische Geschrei eines hysterischen Menschenweibchens zu ignorieren, was sich daraus erklären lässt, dass diese Spinne einfach über kein Organ verfügte, um solche akustischen Eruptionen adäquat aufzunehmen. Allerdings konnte sie mit ihren Kiefertastern die eruptiv sich ausbreitenden Luftwirbel erspüren, die als Folge dieses archaischen Urschreis auf sie einwirbelten. Sie taxierte mit ein paar geschickten Vibrationen ihrer Pedipalpen Art, Ausmaß und Stärke des explosionsartig auf sie einstürmenden Luftstroms, erwog kurz, wovon oder von wem ein solch ungewöhnlicher Sturm herrühren möge und zog es dann doch vor, sich unter die silberne Abdeckung des Badewannenüberlaufs zurückzuziehen.
Bandaraneike stand schweratmend an der am weitesten von der Wanne entfernten Wand des Badezimmers und hatte alle Hände damit zu tun, sich wieder zu beruhigen. Sie traute sich kaum, einen Schritt vorwärts zu machen, aber was blieb ihr anderes übrig, sie konnte ja nicht ewig mit dem Rücken zur Wand in ihrem Badezimmer stehenbleiben. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um von ihrem Standpunkt aus die ganze Wanne einsehen zu können. Die Spinne war nicht mehr zu sehen. Vorsichtig setzte sie einen Schritt nach vorn, ihren Blick immer noch unverwandt auf die Wanne gerichtet. Wenn nur Kayru da wäre! Eins musste man ihm lassen, vor Spinnen hatte er keine Angst. Aber so war das nun einmal mit den Männern. Wenn man nur ein einziges Mal im Leben einen wirklich gebraucht hätte, war natürlich keiner da. Typisch Kayru.
Sie konnte die Spinne nirgends mehr entdecken, und war auch gar nicht neugierig darauf, herauszufinden, wo sie jetzt wohl lauern mochte. Sicherlich ist sie vor ihr genauso erschrocken, wie sie vor ihr und hat sich über das gekippte Badfenster aus dem Staub gemacht. Es schüttelte sie, wenn sie nur daran dachte, wie dieses vielbeinige kleine Ungeheuer die Wand hochgekrabbelt war. Na, wenigstens war es jetzt weg.
Sie konnte Spinnen nun einmal nicht leiden. Zwar sind alle Tiere Kreaturen göttlichen Ursprungs und Träger von womöglich unzähligen Seelen Verstorbener. Aber im Fall einer solchen dicken, fetten, widerlich schwarzen Spinne fiel es ihr doch ausgesprochen schwer, die volle entfaltete Schönheit der prästabilisierten Harmonie in der Schöpfung nachzuempfinden. Wenn Spinnen ebenfalls vergessene Verkörperungen der Götter sein sollten, dann waren sie bestimmt Abkömmlinge der finsteren Kali, des zerstörerischen Aspektes der „Großen Mutter“ Durga, die darin alle dunklen und ekelhaften Leidenschaften inkarniert hatte.
Ja, genau so musste es sein! Hatten Spinnen nicht acht Beine? Und wie viele Gliedmaßen hatte Kali? Sechs Arme und zwei Beine! Also acht! Das konnte kein Zufall sein, und das erklärte auch, warum sie so eine panische Angst vor diesen für den Menschen im Grund ja harmlosen Geschöpfen hatte. In den Spinnen fürchtete sie ganz einfach den furchtbaren Zerstörungswillen Kalis, der so schrecklich und entsetzlich war, dass er die ganze Welt im Bruchteil einer Nanosekunde zurück in das Nichts führen konnte, aus dem sie kam und das sie schließlich war. Sie fürchtete also nicht weniger als die Ver-Nichtung, wenn sie einer Spinne begegnete, das mochte ja wohl hinreichend Grund genug sein für ihre Spinnenphobie.
Diese im doppelten Sinn des Wortes göttliche Einsicht in die geheimsten Zusammenhänge des Universums ließ sie erneut erschauern.
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