Nach den Äusserungen der verantwortlichen Männer gehörte die Verbesserung des Gesundheitszustandes, Bevölkerungswachstum und der unverzügliche Aufbau eines umfassenden Gesundheitswesens mit zu den vorrangigen Aufgaben. Im Frühjahr 1947 erschien in der erstmals wiedererscheinenden medizinischen Monatsschrift, „Zdrowie Publiczne“ (Öffentliche Gesundheit), die umfassende Wiedergabe einer Diskussion der 2. Plenarsitzung des staatlichen Gesundheitsrates vom 28. 5. 1946{6}; einleitend wird aus dem ersten Gesetzentwurf, ausgearbeitet während der Zeit der Konspiration, zitiert. Dort heisst es:
„1. Alles, was Gesundheitsschutz der Bevölkerung und der Bevölkerungspolitik betrifft, gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Staates. Die staatliche Regierung hat in allen ihren Massnahmen das Wachstum der Bevölkerung und die Verbesserung seiner Lage an die erste Stelle zu setzen und gleichzeitig auf die Schaffung solcher Bedingungen hinzuarbeiten, die jedem Individuum die Chance zu einer Entwicklung geben, in welcher seine physischen und psychischen Fähigkeiten maximal ausgeschöpft werden können.“{7}
Zwar bleibt das Programm nicht bei allgemeinverbindlichen Sätzen stehen, sondern führt im Einzelnen die Aufgaben und Ziele des neu zu schaffenden Gesundheitswesens unter möglichen Anknüpfungen an Strukturen der Vorokkupationszeit{8} aus, doch die Kosten, die von Selbstverwaltungsorganen, Versicherungen und aus dem Fond des öffentlichen Gesundheitswesens getragen werden sollen{9}, müssen ja zunächst bei diesen als Mittel zur Verfügung stehen, d. h. erarbeitet werden. Kurz, ein modernes Gesundheitswesen, projektiert für ein industriell voll entwickeltes Land, setzt eben eine solche entwickelte Industrie voraus. Davon konnte aber in Polen bekanntlich keine Rede sein. Die Entwicklung des Gesundheitswesens, insbesondere die Schaffung ihrer materiellen Grundlagen und der Möglichkeiten der industrieärztlichen Versorgung ist also unmittelbar mit der Entwicklung dieses Industrialisierungsprozesses selbst verknüpft.
Für das Verständnis der Arbeit erscheint es mir daher notwendig, auf Einflussfaktoren dieser Entwicklung zu verweisen, wie sie sich aus der spezifisch polnischen Situation ergeben. D. h. es soll einerseits versucht werden, die radikale politische und ökonomische Veränderung der Gesellschaftsstruktur mit ihren Folgen für die Bevölkerung, die neue Lage, in der sich ihre sozialen Klassen und Schichten nunmehr befinden, zu skizzieren und andererseits sollen solche Elemente der Kriegs- und Vorkriegszeit aufgezeigt werden, deren Einfluss auf die Entwicklung kaum überbewertet werden kann.
In diesem Zusammenhang erscheint es mir ebenfalls sinnvoll, das mit zu berücksichtigen, was unter dem Begriff „Nationalcharakter“ zusammengefasst werden könnte. Ideen müssen immer noch von Menschen in die Wirklichkeit umgesetzt werden und das Bewusstsein dieser Menschen, d. h. aber auch ihrer Traditionen, ihrer „bestimmten materiellen und von ihrer Willkür unabhängigen Schranken, Voraussetzungen und Bedingungen“{10}, unter denen sie vorher tätig waren und die ihr Bewusstsein prägten, haben entscheidenden Einfluss auf eine Gesellschaft, die sich in einer Übergangsphase befindet und deren Entwicklungsprozesse von eben diesen Menschen geplant und verwirklicht werden sollen.
2. Polen zwischen den Kriegen
- Geopolitische Lage
- Wirtschaftliche und soziale Probleme
- Gesundheitliche Versorgung
- Sozialstruktur
- Minderheiten
Die zweite polnische Republik, die nach über 120-jähriger Teilung und politischer Unterdrückung in der Folge des I. Weltkrieges entstanden war, lag von Anfang an mit allen Nachbarn im Streit: mit den Tschechen und Ukrainern im Süden, mit den Deutschen im Westen und den Sowjets, Litauern und Weissrussen im Osten{11}. Die Sowjetunion und Deutschland waren zwar zunächst zu schwach, um ihre Gebietsansprüche durchzusetzen, doch es war klar, dass dem neuen Staat von beiden Seiten Gefahr drohte. Die Aussenpolitik musste also das politische Leben Polens bestimmen. Aber „es war unmöglich, oder es schien für die damals herrschende Elite unmöglich“, schreibt Jan Szczepański, „eine Allianz mit einer dieser beiden Mächte einzugehen. Die neue kommunistische Ordnung in Russland schien für sie unvereinbar mit dem polnischen Erbe und die Deutschen standen der Tatsache, vom polnischen Staat in den Westen verdrängt zu werden, unversöhnlich gegenüber.“{12}
Von gleicher Brisanz waren die ökonomischen Probleme. Zunächst waren die verschiedenen Teile der ehemaligen russischen, deutschen und österreichischen Wirtschaftssysteme zu einem funktionsfähigen Ganzen zu koordinieren, die schweren Zerstörungen durch die Kämpfe auf polnischem Territorium zu beseitigen und gleichzeitig eine moderne Industrie zu entwickeln.{13} Auch wenn es gelang, einen relativ grossen Kader von Managern, Technikern und Verwaltungsexperten heranzubilden, so konnte Polen doch seine Unterentwicklung nicht überwinden. Die Produktion in Industrie und Baugewerbe erreichte in den 18 Jahren – 1921 bis 1938 – nicht einmal den Vorkriegsstand.{14}
1933 waren ¼ der Arbeitskräfte ausserhalb der Landwirtschaft – 343‘000 – als Arbeitslose registriert{15}; und waren 1929 noch 2.4 Mio. Menschen ausserhalb der Landwirtschaft beschäftigt, so 1938 nur noch knapp 2 Mio.{16} Im Bereich der Landwirtschaft, in welchem ca. 2/3 der arbeitsfähigen Bevölkerung beschäftigt war, wird der Anteil der Arbeitslosen, von denen 50% Jugendliche waren, auf 6-9 Mio. geschätzt.{17} (Nach anderen Schätzungen auf ca. 3 Mio.){18}
Mit seiner Stahlproduktion 1937/38 von 1.5 Mio. Tonnen bzw. 43 Kg pro Kopf der Bevölkerung und seinen 36 Mio. Tonnen Kohle im gleichen Jahr, gehörte Polen zu den ärmsten und am wenigsten industrialisierten Ländern Europas.{19} 1938 betrug das Nationaleinkommen pro Kopf der Bevölkerung weniger als 250 Dollar (Kaufkraft von 1960) pro Jahr.{20} Dieser desolate Zustand der Wirtschaft und die Massenabwanderung von Arbeitern und proletarisierten Bauern{21}, besonders aus den ehedem preussischen Gebieten, in den Westen{22}, zeigt sehr deutlich die für Polen fragwürdigen Früchte des „Wunders an der Weichsel“{23}: ohne den russischen Markt war die industrielle Entwicklung Polens von vornherein zum Scheitern verurteilt.{24} Die Erringung der nationalen Unabhängigkeit schuf kein konkurrenzfähiges nationales Kapital. Über 43% des Industriekapitals waren 1937 in ausländischer Hand{25}. Polen wurde „ruthlessly exploited“ und hatte „semi-colonial“ Charakter.{26}
Auch auf dem Gebiet der ärztlichen Versorgung gehörte Polen zu den ärmsten Ländern Europas. Kamen in Deutschland 1936 auf 10‘000 Einwohner 7.2 Ärzte, so in Polen im Vorjahr 3.7. Doch auch diese Zahl täuscht, bedenkt man das starke Gefälle zwischen den ehemaligen drei Teilen und den zwischen Stadt und Land. So kamen in Ostpolen 1935 auf 10‘000 Einwohner insgesamt 2.3 Ärzte, auf je 10‘000 Einwohner grösserer Städte 21.2 Ärzte, dagegen auf die entsprechende Anzahl von Dorf- und Kleinstadtbewohnern nur 1.4 Ärzte. Im Westen sahen die entsprechenden Zahlen etwas günstiger aus{27}.
Bei diesem niedrigen Stand der Produktivkräfte, einem starken Sozialgefälle nach Einkommen, Bildung und Lebenschancen, kann es nicht verwundern, dass es wiederholt zu scharfen sozialen Konflikten, Arbeiterstreiks und Bauernunruhen kam. Zu allem kam noch das Minderheitenproblem. Unter diesen Bedingungen war das Land, wie Czesław Miłosz schrieb, auf dem Wege zu einer Variante jener Politik, die im benachbarten Deutschland triumphierte.“{28} Da die nationale Tradition für die Entwicklung der Volksrepublik Polen bis heute eine so grosse Rolle spielt, dass es für den ausländischen Betrachter kaum noch erklärlich scheint{29}, halte ich es zum besseren Verständnis für angebracht, kurz auf die sozialen Klassen und Schichten{30} der Vorokkuaptionszeit einzugehen.
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