4.
Marsch durch das Murraytal.
Der Murray verfolgt im Ganzen eine Strömung von Osten nach Westen, vielleicht West-Nordwest-Cours, bis zu dem großen sogenannten „Nordwest-Bend“ oder der nordwestlichen Biegung, wo er sich plötzlich in einem ganz kurzen Bogen nach Süden hinunter dreht. Von der „Woolshed" aus läuft er sich aber eine weite Strecke nach Süden hinunter aus dem Weg, erst ungefähr in der Gegend, wo er den Murrumbidgee aufnimmt, seinen alten Cours wieder, bis eben zum Nordwest-Bend verfolgend. Diese südliche Abneigung geht durch weites Sumpfland, das durch tausend, jetzt trockene Lagunen durchschnitten, mit Teebüschen, Lignum und den verschiedenen Arten von Gum- und Borholz bewachsen ist, und besonders in solcher Dürre die traurigste Einöde bildet, die sich in einer bewaldeten Gegend nur überhaupt denken läßt.
Hier nun läuft eine Art Notkanal, den sich der größere Strom, der weiten Biegung wegen, bei hohem Wasser gebrochen, ziemlich gerade nach Westen ab, und trifft gar nicht sehr weit von der Ausmündung des Murrumbidgee in den Murray wieder mit diesem zusammen. Dieser Kanal wird der Eduardsriver genannt, unterhält aber kein fließendes Wasser — ausgenommen wenn der Hume hoch genug gestiegen ist, ihn zu füllen, und wird im Sommer, wie alle übrigen Wasser Australiens, durch eine Kette von Lachen bezeichnet, so daß die Lagunen oder auch Billibongs, wie sie sehr häufig von den Ansiedlern genannt werden, nur hier und da an ihren tiefsten Stellen noch stehen gebliebenes, grünes, übelriechendes Wasser von der letzten Flut enthielten. Entsetzlich war aber die Einfassung derselben, die ich gewöhnlich, selbst bis zum letzten Augenblick, mit nicht zu überwindendem Schauder betrachten mußte. Das arme unglückliche Vieh, besonders die Rinder, die den Boden von Allem entblößt /98/ fanden, was ihnen nur die geringste Nahrung bieten konnte, zu schwach, selbst nach dem Murray hinunter zu gehen, wo ihnen die steilen, gefährlichen Uferbänke ebenfalls nur selten einen sichern Trinkplatz gestatteten, suchten ihren Durst da zu löschen, wo ihnen ganz in der Nähe anscheinend die Gelegenheit leicht dazu geboten wurde - und furchtbar mußten sie dafür büßen. - Der breite schlammige Rand gab unter ihren Füßen nach, und die Mäuler bis dicht am Wasserrand, die Zunge am Gaumen klebend - sie wollten doch nicht zurücktreten, bis sie wenigstens e i n e n Schluck getan - sanken sie tiefer ein dabei, tiefer und tiefer, und abgemattet, Monate lang ohne ein einziges Maul voll ordentliches Futter, halb verschmachtet und elend, waren sie nicht mehr im Stande, sich wieder herauszureißen aus ihrer gefährlichen Lage, noch selbst ihren brennenden Durst genügend zu löschen. Mit der Kraft der Verzweiflung arbeiteten sie wohl noch kurze Zeit, aber nur um sich tiefer und tiefer in den Schlamm hinein zu arbeiten, und mit allen Vieren fest, die lechzende Zunge vielleicht wenige Zoll nur vom Rande des Pfuhls entfernt, an dem die Unglücklichen Linderung ihrer Qual erwarteten, lagen sie ruhig da, um zu v e r s c h m a c h t e n. - Ruhig? - ihnen wäre wohl, wenn sie dort nur verhungert und verdurstet wären, Mattigkeit brachte sie in dem Fall zuletzt in einen Zustand bewußtloser Erschöpfung, aus dem das tierische Leben leichter in den Tod überzugehen scheint, als wir sonst glauben möchten; aber nein, Krähen und Elstern, die in Masse dort in den Bäumen mit ihrem fetten, glänzenden Gefieder herumsaßen, waren verwöhnt worden durch die reiche und leichte Beute dieses Jahres - Aas? - es fiel ihnen nicht mehr ein, Aas anzurühren, nach dem sie sonst manche lange Meile geflogen waren, sie wußten ein leckereres Mahl. Auf das sterbende Vieh flogen sie hinab und hackten den vergebens nach Hülfe Blökenden, an den eigenen Hörnern der halb Versunkenen die gierigen scharfen Schnäbel noch wetzend, erbarmungslos die schon glasigen, brechenden Augen aus.
Und kein größeres Mitleiden hatte der wilde Hund, dem es nicht mehr in den Sinn kam, an schon starren, kalten /99/ Leibern seine Fänge zu verderben, die noch lebenden, warmen waren seine sichere und bequeme Beute. - Was kümmerte ihn ihr angstvolles Blöken - es war Musik zu seinem Mahl, und die Leiber riß er den aus der Seite Liegenden aus, oder fraß sich in ihre Weichen.
Doch hinweg, hinweg mit den Schreckensbildern, mir wandte es das Herz im Leibe um, den Jammer mit ansehen zu müssen, und trotzdem daß ich nur noch wenige Ladungen Pulver in meinem Horn hatte, k o n n t e ich einige Mal dem Drange, diese Unglücklichen von ihren Leiden zu befreien, nicht widerstehen und schoß ihnen eine Kugel durch das Hirn - ich hätte einen Wagen mit Munition mithaben müssen, hätte ich ihnen allen helfen wollen.
Hier am Eduard wurde das Land einigermaßen besser, denn hier zum ersten Mal begann die eigentümliche Vegetation des Murray, die diesen Fluß auch deshalb so ausgezeichnet für den Schafzüchter macht, der S a l z b u s c h , und wenn auch der Name nicht gerade sehr einladend klingt, ist er doch ein Segen des Landes und besonders des Viehes geworden.
Der australische Schäfer und Ansiedler begreift übrigens unter dem Namen ,,Salzbusch" eine ganze Quantität der verschiedensten Pflanzen; der Hauptsalzbusch übrigens hat ein nicht sehr großes, herzförmiges, hellgrünes und wie mit Mehl bestreutes, ziemlich saftiges Blatt, mit einem bald mehr bald weniger salzigen Geschmack; dann hat noch eine andere Gattung von Eisgewächsen, mit dicken, kurzen, fleischigen, wässerigen Blättern und ebenfalls salzigem Geschmack den nämlichen Namen. Einige von diesen sehen wirklich ganz hübsch und frisch aus, und ich begreife gar nicht, wie sie in dem entsetzlich dürren Boden im Stande sind, solch' eine Masse von Feuchtigkeit anzuziehen und zu halten.
Das Hanptnahrungsmittel der Schafe hier ist übrigens das sogenannte pigs face (Schweinsgesicht), ein jedenfalls höchst unpoetischer Name; es ist dies eine Cactusart, die im Herbst, nach roter Blüte, eine kleine, ebenfalls rote, höchst wohlschmeckende Beere tragen soll. Das pigs face selber kommt in dreieckigen dicken, fleischigen Blättern oder Stangen /100/ aus der Erde heraus, und die Schafe fressen es sehr gern; es gibt übrigens verschiedene Arten davon, die sich im Äußern allerdings gleichen, im Geschmack aber einen genauen Unterschied zulassen. Eine Art schmeckt sehr salzig, eine andere bloß wässerig mit leisem Bitter, etwa wie rohe Gurken, und eine dritte, von der ich selbst mehrmals bedeutende Mahlzeiten gehalten, hat einen Nachgeschmack fast wie reife Herzkirschen. Die Blacks verzehren dies pigs face in großen Quantitäten, aber auch von den Schafen wird es sehr viel gefressen, und ich glaube, daß es einen vorzüglichen Salat geben würde. Mancher Verirrte hat sich schon das Leben damit erhalten.
Die Vegetation blieb sich sonst ziemlich gleich: Gumbäume in der Nähe des Flusses, und Tee- und Besenbüsche mit dem Salzbusch in den sogenannten Flats. Die traurigste von allen Pflanzenarten ist aber das Lignum, das in den der Überschwemmung ausgesetzten Ebenen gedeiht. Es sieht genau so aus, als ob die dürren Stangen von dem Vieh abgefressen und ihrer Blätter total beraubt wären; es wächst aber gleich abgefressen, und das Vieh ist ganz unschuldig an dem trübseligen Aussehen desselben - es rührt die holzigen, bitteren Zweige nicht an.
Das Land zu beiden Seiten des Eduard war flach und von zahlreichen Lagunen durchschnitten, der Boden ein grauer, in feuchtem Wetter klebriger Lehmboden, der aber halb trocken schon wieder aufspringt und, der ganzen dort wuchernden Vegetation nach, kaum einer besondern Cultur fähig sein möchte.
Durch diese Wälder nun begann ich meinen einsamen Weg, jetzt aber noch inmitten einer verhältnißmäßig ganz ansehnlichen Zahl von Stationen, die, wenn man auch nicht immer darauf rechnen konnte, jede Nacht eine zu erreichen, doch gewissermaßen schon in dem Bewußtsein ihrer Existenz eine Art Schutz gegen etwaige freche Raubanfälle der Schwarzen bildeten.
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