1 ...6 7 8 10 11 12 ...17 Doch eines war beinahe noch seltsamer als das Verhalten des Meisters. Der Baum, so unglaublich es auch war, schien jeden Tag ein wenig näher ans Haus zu rücken.
Caspar hatte sich inzwischen damit abgefunden, sein Frühstück mit einer Schar schmatzender, sabbernder, grunzender und rülpsender Räuber zu verbringen. Und das, obwohl sie sich wirklich alle nur erdenkliche Mühe gaben, wenigstens etwas gesittet zu erscheinen.
Nachdem er sein Mahl beendet hatte, stand Caspar auf und ging wie jeden Morgen an die Tür, um nach der Post zu sehen. Doch diesmal kam es etwas anders als sonst.
Als der alte Seebär die Tür öffnete, standen dort drei dick gekleidete Gestalten mit verhüllten Gesichtern. Sie machten keine großen Anstalten, sich vorzustellen, was ihm schon merkwürdig genug erschien. Doch dann packten ihn in Windeseile mächtige Tatzen, wie sie normalerweise Raubkatzen besitzen, knebelten ihm den Mund und zerrten ihn ohne große Anstrengung in eine edel aussehende Pferdekutsche. Diese fuhr sofort los und verschwand kurze Zeit später um eine Straßenecke.
Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt etwas von der Entführung gemerkt. Die Räuber saßen immer noch allesamt am Frühstückstisch und futterten, was der Kühlschrank her gab. Und Eldrit schlief noch tief und fest in seinem Bett.
Als etwa eine halbe Stunde verstrichen war, kam Yhildrat nach oben, um den Prinzen zu wecken. Eldrit merkte sofort an der freundlichen, ja geradezu höflichen Ausdrucksweise des Hauptmannes, dass etwas passiert sein musste.
"Verzeih, ehrwürdiger Prinz, dass ich dich wecken muss. Aber ich denke, dass es wichtig sein dürfte."
"Was hast du zu vermelden, sprich!", sagte Eldrit und stand auf. Yhildrat stutzte kurz, bevor er sprach: Es hatte ganz den Anschein, als schliefe der Edeltroll sogar in seinem Mantel.
"Nun, Prinz, ich war ziemlich rasch mit dem Essen fertig. Deshalb ging ich ins Wohnzimmer, um ein wenig mit Caspar zu reden. Doch er ist weg."
Das Gesicht des Prinzen wurde mit einem Mal kreidebleich.
"Was sagst du da? Er ist weg? Wie kann das passieren? Einfach so weg? Was heckst du aus, Räubergeselle? Oder steckt euer Meister dahinter? Ich will sofort wissen, was ..."
In diesem Moment kam einer der Räuber ins Zimmer. Er hielt einen funkelnden blauen Stein in der Hand.
"Woher hast du den?“ wollte der Hauptmann wissen.
"Wir haben wie befohlen nach Spuren gesucht. Und dann fiel er vom Himmel.“
"Wie, er fiel vom Himmel? Einfach so?“ Yhildrat sah ihn etwas skeptisch an.
"Naja, nicht so ganz. Dreto und mir ist dieses Leuchten in der Baumkrone aufgefallen, und mit einem Mal fiel der Stein auf die Erde, und das Leuchten im Baum war weg.“
"Seltsam. Naja, egal. Gut gemacht, Hanur. Gib mal her.“
Yhildrat nahm den Stein an sich und beäugte ihn. Es war ohne Zweifel ein echter Saphir von der Größe eines Wackersteins, halbrund, und auf der abgeflachten Seite stand in grüner, krakeliger Schrift:
Verlorener fern der Heimat, doch sucht nah.Was noch unauffindbar, soll ungesucht bleiben.Nah und fern sind eins für den Blinden.
Er zeigte Eldrit die Sätze.
"Was heißt das, Prinz?"
Eldrit dachte nach, dann nickte er und ging aus dem Zimmer nach unten. Der leicht verwirrte Yhildrat kam samt seinem Gefolgsmann hinterher.
"Entschuldige, oh Prinz. Aber was sagt dir diese Inschrift? Wo befindet sich Caspar?"
Eldrit drehte sich kurz um, seine Augen blickten ernst und ruhig.
"Zumindest weiß ich, wenn diese Sätze uns wirklich helfen sollen ... und von nichts anderem sollten wir ausgehen ... dass wir nicht ganz planlos nach Caspar suchen müssen. Allerdings ist Eile geboten, denn wenn ich nicht fehl gehe, befindet er sich in Gefangenschaft. Yhildrat, du nimmst jetzt drei deiner stärksten und fähigsten Männer und kommst mit mir. Beeile dich!"
Während er noch redete, packte der Trollenprinz seinen Magubo und suchte dann einiges für eine längere Reise zusammen, inklusive Proviant, wobei er an den Hunger der Räuber dachte, und packte alles – soweit dies möglich war – in einen Seesack von Caspar, der in einer Ecke stand.
Yhildrat tat sofort, wie ihm geheißen, da auch er die Dringlichkeit des Moments erkannt hatte. Er trommelte alle neunzehn Männer zusammen und wählte sorgfältig die drei stärksten aus.
Zwei von ihnen maßen an die zwei Meter; der erste hatte Oberarme so dick wie junge Baumstämme und eine Holzkeule mit einer silbern glänzenden Spitze, dem zweiten stand ein Eckzahn aus dem Unterkiefer und in seinem an sich sympathisch wirkenden Gesicht saßen schmale Augen, die zudem böse funkelten.
Der dritte allerdings schien etwas kümmerlich geraten zu sein. Er war ein mageres Kerlchen, noch dazu mit einem traurigen Hundeblick.
Eldrit, fertig mit den Vorbereitungen, besah sich die Auswahl, winkte den Hauptmann zu sich und fragte:
"Hast du dich nicht etwas verschätzt? Ich sagte, starke Männer. Was soll der Grashalm da? Wir haben keine Zeit für Witze."
Yhildrat aber beschwichtigte ihn.
"Sei unbesorgt, Prinz. Ich habe die richtige Wahl getroffen. Ich kenne die Stärken aller meiner Männer. Und glaub mir, das Aussehen des Stillen täuscht nicht bloß Freunde."
Eldrit sah zu dem Mann, den der Hauptmann den Stillen nannte. Sich noch fragend, was jemand könne, der Gefahr lief, beim kleinsten Windstoß umgestoßen zu werden, machte sich der Prinz mit seinen vier Räubern auf den Weg. Zuvor hatte Yhildrat dem Rest seiner Bande Anweisungen gegeben, was sie in seiner Abwesenheit zu tun hatten, und Hanur das Kommando übertragen.
Im Vorgarten hielten die fünf bereits wieder an. Eldrit lächelte und zeigte auf den Baum, der nun schon bis zur Mitte des Gartens gerückt war. Das blaue Leuchten in der Krone war wieder heller denn je und die Blätter raschelten in einem für die Kämpfer unspürbaren Wind.
"Dies ist scheinbar unser Ziel, wenn ich den Text des Steines richtig deute.
Verlorener fern der Heimat, doch sucht nah , das deutet für mich klar auf Caspar hin. Er scheint uns weit weg zu sein, und doch ist der Punkt, von dem aus wir uns auf die Suche machen sollen, nur knapp mehr als einen Katzensprung entfernt.
Was noch unauffindbar, soll ungesucht bleiben. Ganz klar ist mir dieser Teil noch nicht, aber es mag damit unser Schützling gemeint sein, die wir immer noch nicht zu Gesicht bekamen. Spekulativ will uns dieser Satz sagen, dass wir quasi ganz von selbst auf sie stoßen werden. Das allerdings macht sie, wenn ihr mich fragt, sehr angreifbar. Doch nun gut, vielleicht mag uns unser unbekannter Helfer auch in dieser Sache zur Seite stehen, wenn es soweit ist. Der letzte Satz ist der einzige, mit dem ich momentan nichts anzufangen weiß: Nah und fern sind eins für den Blinden. Unter Umständen könnte auch dies mit Caspar oder mit dem Schützling zu tun haben. Doch sicher bin ich mir nicht, übrigens bei keiner meiner Vermutungen. Doch in einem bin ich mir relativ sicher, nämlich dass wir einen Verbündeten haben. Insofern können wir darauf vertrauen, dass seine Informationen, auch wenn sie sehr unglücklich formuliert sind, doch der Richtigkeit entsprechen."
Yhildrat begriff die Sachlage und nickte, die drei anderen taten es ihm gleich.
"Und wie gehen wir jetzt vor, wenn die Frage erlaubt ist?" wollte der Hauptmann wissen.
Eldrit packte seinen Magubo mit beiden Händen.
"Geht ein wenig zurück, das hier könnte Funken schlagen."
Sofort brachten sich die Räuber außer Reichweite und beobachteten den Prinzen. Eldrit seinerseits hatte sich schon seit einiger Zeit mit der wahren Bedeutung des Baumes beschäftigt. Zwar war ihm noch immer nicht in den Sinn gekommen, was es damit wirklich auf sich hatte. Doch wenigstens die Tatsache, dass der informative Stein aus ihm gefallen war, brachte den Trollenprinzen auf die Idee, dass der Baum auch als Beginn ihrer Suche zu sehen war. Und als er nun vor ihm stand, sah er seine Annahme als bestätigt, denn an einer Stelle mitten in der Rinde war ein breiter Spalt.
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