»Das könnte man fast sagen«, sendet sie und hofft, dass Ainoa sie hören kann. Sie weiß, dass sie hier über keine magischen Kräfte verfügt, doch ihre Verbindung zu der Elfe der Anderswelt, die in Annas Welt die Gestalt eines Kolkraben annimmt, soll laut Katherin für immer bestehen. Das hat die Elfenkönigin jedenfalls gesagt, als Anna zum ersten Mal in der Anderswelt war und dort von Ainoa mit Magie Lebensenergie übertragen bekommen hatte. Das Mädchen blickt nach oben und lächelt, als der große Vogel von dort zu ihr heruntersegelt. Im nächsten Moment hockt er auf ihrer Schulter und reibt seinen Kopf an ihrem Ohr.
»Hey, das kitzelt! Hör schon auf!« Obwohl das unfreundlich klingt, meint das Mädchen das nicht so. Das weiß der Kolkrabe offenbar, denn er hört nicht auf und kollert zusätzlich, was wie das Schnurren einer Katze wirkt.
»Was meinst du mit: »fast«, hast du eine Erscheinung gehabt?«
»So kann man es auch nennen. Du erinnerst dich sicher an diesen seltsamen Mann, der sich Seid Greif nannte. Du sagtest doch, er käme dir nicht nur verdächtig vor, sondern meintest auch, er müsse ein Mensch sein. –¬¬ Hier im Park gibt es ein Denkmal, das offenbar einen Verwandten von ihm darstellt!«
»Meinst du wirklich? Er hatte etwas Berechnendes an sich und seine Augen blickten eiskalt. Du hast ihm weder deinen richtigen noch deinen Geheimnamen genannt, weil ich dich warnte. – Zeig mir die Statue.« Sofort läuft Anna den Weg dorthin zurück. Dort angekommen klappert der Kolkrabe mit den Augendeckeln, legt den Kopf schräg und krächzt. »Es stimmt, die Figur könnte ein Duplikat von ihm sein. Was mag das bedeuten?«
»Ich wollte Professor Raven, du weißt schon, Auguste de Enaid, auf diese Statue hinweisen. Vielleicht hilft ihm das bei der Suche nach Informationen über Seid Greif. Ainoa, flieg bitte in die Luft hinauf. Ich höre Schüler näherkommen.«
Der Kolkrabe folgt der Aufforderung sofort.
»Ich warte in der Linde auf Neuigkeiten von dir«, sendet der schwarze Vogel dem Mädchen. Das nickt mehreren Schülerinnen aus ihrem Jahrgang zu, die über irgendetwas kichern. Sollten sie den von Annas Schulter wegfliegenden Raben bemerkt haben? Sie drehen sich immer wieder nach ihr um und tuscheln miteinander, selbst als sie bereits weiter fort sind. Anna bekommt davon nichts mit, da sie sich entschieden hat, zuerst Iain Raven von ihrer Beobachtung zu informieren.
Kurz darauf benutzt sie den Hintereingang des Internats. Ihr Atem geht stoßweise. In dem kühlen Flur begegnen ihr weitere Schüler. Sie achtet aber weder auf sie noch auf die Bilder an den Wänden. Sie eilt bis zur Vorderseite des großen Gebäudes und klopft an eine alte Eichentür. Auf einem Schild an der Tür steht lediglich »Schulleiter«. Sie wartet nicht, ob sie ein »Herein« hören kann. Das ist bei den dicken Türen nicht zu erwarten. Sie öffnet und blickt in einen verwaisten Vorraum. Nach dem Schließen des Eingangs durchquert sie das Zimmer und klopft an die nächste Tür.
Anna bemerkt keine Reaktion auf ihr Klopfen. War es vielleicht zu zaghaft, so dass es das Gespräch nicht übertönen konnte, das von innen zu ihr herausdringt? Die Schülerin zögert, soll sie heftiger gegen die Tür schlagen oder einfach eintreten? Die Stimmen klingen nur gedämpft durch die dicke Eichentür. Es ist unmöglich zu sagen, mit wem sich Professor Raven unterhält. Kurz entschlossen hämmert Anna mit der geballten Faust kräftig gegen das Türblatt. Sie fährt erschrocken zusammen, da das Klopfen lauter als erwartet ausfällt. Ihr rauschen die Ohren noch vom Laufen, so dass sie das sofortige Verstummen der Stimmen nicht mitbekommt.
Das: »Herein!«, vernimmt sie dagegen, da es laut und deutlich erklingt. Sie drückt die alte Messingklinke hinunter und öffnet die nach innen gehende Tür. Vorsichtig streckt sie den Kopf hinein.
»Entschuldigung, Herr Professor. Ich wollte keinen derartigen Lärm machen. Ich habe die Kraft meiner Schläge wohl unterschätzt. Oh, hallo Morwenna. Ähem, Entschuldigung, ich meine natürlich Frau Professor Mulham.« Verlegen über diesen Ausrutscher senkt das Mädchen den Blick. Doch sofort wird es aus seiner Unsicherheit gerettet.
»Hallo Anna«, begrüßt sie Iain Raven mit freundlichem Blick.
»Du darfst mich ruhig bei meinem Vornamen nennen«, beginnt fast gleichzeitig die Professorin. »Auch wenn wir jetzt nicht in unserem Schachclub sind, weiß Iain, dass ihr mich derart vertraulich ansprechen dürft, wenn wir unter uns sind. – Aber eine Frage hätte ich.« Die Bibliothekarin und Professorin für Strategie und Logik blickt das Mädchen aus ihren hellgrauen Augen durch die Brille mit den großen Gläsern streng an. Sie sitzt zusammen mit dem Schulleiter an einem großen Eichentisch, wobei sie wie stets die hagere Gestalt kerzengerade hält. »Warum versuchst du die Tür einzuschlagen? Ein leichtes Anklopfen hätte doch gereicht.« Im ersten Moment blickt Anna sie verdattert an, bis sie ein schalkhaftes Aufblitzen der Augen und Schmunzeln im Gesicht der älteren Frau zu erkennen meint. Deren früher schwarzen Haare sind schiefergrau und werden in einem Knoten auf dem Hinterkopf zusammengefasst.
»Aber«, beginnt Anna, »das habe ich doch versucht, wurde aber nicht bemerkt!« Sie ist sich nicht sicher, soll das jetzt doch eine Strafpredigt werden? Aber Morwenna lächelt sie verstehend an und Professor Raven schreitet vorsichtshalber ein.
»Lass mal gut sein, Morwenna. Vermutlich hat Anna mir etwas zu berichten vergessen, was zu den Ereignissen gehört, von denen sie heute Nacht erzählt hat.« Seine langen, weißgrauen Haare stehen wirr vom Kopf ab. Hellblaue Augen blicken kurz zur Professorin und richten sich anschließend auf das Mädchen. Die weißen, buschigen Augenbrauen scheinen fast mit dem zerzausten Eindruck der Kopfhaare konkurrieren zu wollen. Mit einer Handbewegung fordert er Anna auf, sich ebenfalls zu setzen. Doch sie lehnt ab und entschuldigt sich sofort.
»Danke. Ich möchte nicht unfreundlich sein, habe aber noch einen Termin, zu dem ich bereits zu spät komme. Ich habe tatsächlich noch eine wichtige Entdeckung gemacht, die bei der Suche nach der Identität von Seid Greif helfen könnte. Im Park steht ein Denkmal für den Errichter der Parkanlage, Augustus Back. Und ihm sieht der Mann aus der Anderswelt wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich.« Die beiden Professoren starren das Mädchen ungläubig an.
»Bist du dir ganz sicher?« Iain Raven staunt. »Morwenna und ich haben besprochen, wie wir am besten nach seiner Identität forschen können. Eine schnelle Suche im Internet führte bisher zu keinem Ergebnis. Hm. Wenn es stimmt, was du sagst, haben wir einen neuen Ansatz.«
»Es stimmt. Ainoa hat sich die Statue ebenfalls angesehen und bestätigt es.« Anna fühlt sich nicht beleidigt, weil sie ihre Aussage bekräftigen muss. »Ich verstehe nicht, wie sie etwas über diesen Seid Greif herausfinden wollen. Listen über Geheimnamen, die in der Anderswelt genutzt werden, gibt es doch sicher nicht, oder? In dem Fall wären sie vor unautorisierten Informationsabrufen sicher nicht zu schützen. Es wäre bestimmt irgendwelchen Hackerangriffen möglich, diese sensiblen Daten zu bekommen.«
»Das stimmt. Ich habe bisher die mir bekannten Informationen in verschiedene Suchmaschinen eingegeben. Dabei wurde mir der Vorschlag gemacht, ob ich statt »Seid« vielleicht »Said« meinen würde. Das ist ein im arabischen Raum üblicher Männername. Außerdem gab es Informationen über ein Fabelwesen, den Greif. Das ist ein mythisches Mischwesen mit meistens löwenartigem Leib, dem Kopf eines Adlers, mächtigem Schnabel und Flügeln. Mehr konnte ich bisher nicht herausbekommen und habe deshalb Morwenna um Mithilfe gebeten.«
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