Der Kindheit Stufen sind nunmehr von dir erstiegen. Sie ist dahin, die gute goldene Zeit, in der das einige einfache Verhältniß des Kindes zu seinen Eltern dein ganzes, leicht zu überstehendes und leicht zu befolgendes kleines Pflichtensystem fast nur allein bestimmte! (Campe 1791, S. 1)
Was er seiner Tochter mitteilen möchte, demonstriert ein umfangreiches Inhaltsverzeichnis: Die Ratschläge und Lehren nehmen ein breites Spektrum ein und reichen von „wahren weiblichen Verdienste[n]“ (Campe 1791, S. XVII) über Gelehrsamkeit bis zu Verhaltensregeln. Intention des Vaters einen solchen Ratgeber für seine Tochter zu schreiben, ist es, damit sie auch nach seinem Tode ihm weiterhin gehorchen würde. Die Tochter soll mit Hilfe des Raths auf ihre Rolle als Gattin, Mutter und Vorsteherin des Hauswesens bestimmt werden. Der Vater tritt somit als Erzieher der heranwachsenden jungen Frau auf; ein inniges, herzliches Verhältnis wird angedeutet. Adressiert ist der Ratgeber an „junge Frauenzimmer des glücklichen Mittelstandes“ (Campe 1791, S. VIII) und Campe betont ausdrücklich, dass sich sein Ratgeber nicht an adelige Mädchen richtet; Lebensart und Kleidung der Adeligen zu übernehmen, wird von Campe nicht befürwortet. Trotz allen Respekts gegenüber dem adeligen Stand ist Campes Rath an bürgerliche Töchter adressiert.
Doch weder die Ratgeberliteratur noch die moralischen Erzählungen sind so erfolgreich wie Campes Robinson der Jüngere (1779/80), der zu einem ersten Bestseller der (Kinder- und Jugend-)Literatur wird und einen bedeutenden Einfluss auf die weitere Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur hat.([3] Der Erfolg zeigt sich auch darin, dass der Roman bis heute im Buchhandel erhältlich ist.)
Es handelt sich um eine Adaption von Daniel Defoes Roman Robinson Crusoe (engl. 1719, dt. 1720), „in dem Rousseau die ideale Umsetzung seines Modells einer natürlichen Erziehung erblickt hatte“ (Schikorsky 2012, S. 38).
Kein Werk der Weltliteratur ist so häufig nachgeahmt worden wie Defoes Roman [ Robinson Crus oe ]. Mit der Robinsonade entstand eine Subgattung des Abenteuerromans in zahllosen Varianten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die erzählerische Gestaltung einer Existenz außerhalb der Gesellschaft, das Eintauchen in einen Urzustand menschlichen Seins mit der Ambivalenz von paradiesischer Freiheit und Lebensbedrohung hat bis auf den heutigen Tag nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. (Schikorsky 2012, S. 38)
Doch Campe kritisiert die „schwerfällige Schreibart“ Defoes, die für Jugendliche nicht geeignet ist, erkennt jedoch die Bedeutung des Werkes und sieht auch einen Zusammenhang zu Rousseaus Émile . Er möchte jedoch ein Kinderbuch schaffen, das für Jugendliche zugänglich ist.
Die Geschichte Campes ist kurz zusammengefasst: Robinson, der verwöhnte Sohn aus einer Hamburger Kaufmannsfamilie, läuft von zu Hause davon, reist auf See, erleidet Schiffbruch und rettet sich auf eine Insel in der Karibik. Dort überlebt er und wird nach einigen Jahren gerettet. Gemeinsam mit seinem Begleiter Freitag kehrt er nach Deutschland zurück. Dort machen beide eine Tischlerlehre und eröffnen gemeinsam eine Werkstatt. Oder anders gesagt: Der unvernünftige und ungehorsame Junge strandet auf einer Insel, wo er Vernunft und Verstand erlangt, um dann anschließend mit der Rettung belohnt zu werden.
Der Erfolg der Bearbeitung ist groß, übertrifft teilweise den des Originals und wird zudem in mehrere Sprachen übersetzt. Den Schwerpunkt legt Campe auf die Erlebnisse Robinsons auf der Insel, die er als pädagogische Insel konstruiert und damit Rousseaus Gedanken aus seinem Émile aufgreift. Campes Robinson ist jünger und er lässt ihn auch schwierigere Bewährungsproben bestehen, „um auf der einen Seite zu zeigen, wie hülflos der einsame Mensch sei, und auf der andern, wie viel Nachdenken und anhaltende Strebsamkeit zur Verbesserung unsers Zustandes auszurichten vermögen“ (Campe, Vorwort). Eingebettet ist die Handlung in eine Rahmenhandlung, in der ein Haus- und Familienvater seiner Tochter und seiner Frau jeden Abend eine Geschichte von Robinson auf der Insel schildert.
Der Roman ist charakteristisch für eine Kinder- und Jugendliteratur der Aufklärung:
Seine markante pädagogisch-didaktische Ausrichtung entspricht einer normativen Vorstellung von Kinder- und Jugendliteratur als einem Medium der Wissens- und Wertevermittlung.
Er ist auf allen Ebenen der Handlung vom Erziehungsoptimismus der Aufklärung geprägt, von ihrem Arbeitsethos und von ihrem auf Vernunft, Tugendhaftigkeit und Triebkontrolle gegründeten Menschenbild.
Es handelt sich nicht um eine originäre literarische Schöpfung, sondern um eine Bearbeitung. (Glasenapp/Weinkauff 2010, S. 34)
Die kinder- und jugendliterarischen Erzählungen werden inhaltlich und formal an das anvisierte Publikum angepasst.([4] Hier erfolgt somit das, was Hans-Heino Ewers als adressatenspezifische Akkomodation, Carsten Gansel als Adaption bezeichnet. Gemeint sind damit die Rezeptionskompetenzen sowie Leseinteressen eines anvisierten Lesepublikums.)
Die hier skizzierten Entwicklungen eines Handlungs- und Symbolsystems einer Kinder- und Jugendliteratur, die pädagogisch ausgerichtet und den Zielsetzungen der Aufklärung verpflichtet sind, ist nicht nur auf den deutschsprachigen Raum beschränkt, sondern erstreckt sich auf weite Teile Nord- und Westeuropas sowie Nordamerika.
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