„Süßes“, bestätigt Gesa die Wahl und schaut, ob sich noch genug Wasser im Tank der Maschine befindet. Kaffee, frisch gebackenes Brot und eine traumhafte Marmelade, in der auch Kräuter verarbeitet wurden, liefern die perfekte Grundlage für den Morgen.
Sie müssen nicht lange warten. Marlene betritt die Küche vom Hof aus und steuert direkt auf die Kaffeemaschine zu.
„Guten Morgen, ihr beiden. Ihr müsst entschuldigen, aber unsere Sonntage unterscheiden sich nicht allzu sehr von den anderen Wochentagen. Nur die Kinder dürfen ausschlafen. Einen Kaffee gönne ich mir auch noch und dann geht es ab in die Gewächshäuser. Klaus kann leider nicht dabei sein. Er sieht sich im Wald eine verwüstete Bärlauchwiese an. Die Wildschweine haben mal wieder zugeschlagen.“
„Wildschweine? Und wo ist die Bärlauchwiese?“
Gesa sieht gespannt zu Marlene, die sich den Kaffee schmecken lässt.
„Die Wiese ist nicht weit von hier. Vom Bärlauch ist nicht mehr allzu viel zu sehen. Die Saison ist ja schon vorbei. Aber riechen kannst du ihn. Und die Wildschweine scheinen ihn auch zu mögen, allerdings pflügen die Kameraden ja gleich alles um. Eine Plage ist das hier. Gegen Wildschweinbraten mit Bärlauchgemüse habe ich indes nichts einzuwenden. Seid ihr startklar?“
Gesa kann es kaum noch abwarten. Sie läuft schnell zurück ins Gästezimmer, um die Kamera, ein Notizheft und einen Stift zu holen. Michelle und Marlene warten auf dem Hof auf sie. Schon auf dem Weg zu den Gewächshäusern erfahren die Freundinnen vieles über die mühevolle Kultivierung von Wildkräutern.
„Inzwischen haben wir einige wunderbare Züchtungen erreicht, die sich hervorragend anbauen und vermarkten lassen. Mit anderen Kräutern ist es schwieriger, aber wir geben nicht auf und probieren immer wieder Neues.“
„Wer sind eure Abnehmer?“, interessiert sich Michelle auch für den wirtschaftlichen Aspekt des Kräuteranbaus.
„Ausgesuchte kleinere Supermärkte, die ihren Schwerpunkt auf ein gutes Gemüse- und Obstsortiment aus der Region setzen, und Bioläden. Außerdem verkaufen wir auch auf Wochenmärkten.“
„Und davon kann man leben?“
Michelle ist recht unverblümt, aber Gesa erkennt das echte Interesse.
„Wenn man sich an den Verbraucherbedürfnissen orientiert, gut wirtschaftet und die Qualität nicht der Geldgier opfert, kann man sogar gut davon leben. Das Konzept muss natürlich stimmen. Große Supermarktketten sind nicht unsere Partner, denn dieses Preisdumping würde unser Geschäft und das ganze Konzept kaputt machen. Natürlich muss sich die Sache lohnen, aber das große Geld ist nicht, was im Vordergrund steht.“
Gesa klebt Marlene förmlich an den Lippen. Sie notiert alles, was ihr wichtig erscheint, in das Notizheft, schießt Fotos von jedem Kraut, macht kleine Zeichnungen und lernt zum Beispiel, welche Kräuter etwas mehr Abstand zueinander benötigen.
„Auch manche Kräuter können sich nicht riechen“, lacht Marlene am Ende der Führung und weist Michelle und Gesa mit der Hand auf den Weg zum Hof.
Schon von Weitem duftet es deftig und Michelles Magen macht sich bemerkbar.
„Hier riecht es jedenfalls wunderbar“, schwärmt sie beim Betreten der Küche und erntet ein Lächeln von Marlenes Mutter, die das Essen gekocht und den Tisch gedeckt hat.
Den Stadtpomeranzen schmeckt es herrlich und das liegt nicht nur an der Kochkunst der Köchin. Die gute Atmosphäre des Hauses tut Gesa und Michelle gut. Michelle ist glücklich, dass sie eine so gute Wahl getroffen hat. Es war zwar nur eine Seite im Internet, aber auf ihr Bauchgefühl ist Verlass. Schade eigentlich, dass sie nach dem Mittagessen schon den Heimweg antreten müssen.
Beim Abschied überreicht Marlene Gesa einen ganzen Ordner mit Material.
„Hier, das habe ich wie versprochen alles für dich zusammengesucht. Wenn du Fragen hast – und ich hoffe, dass du die hast – rufst du einfach an.“
Sie nimmt Gesa lachend in den Arm und umarmt auch Michelle zum Abschied. Auf einmal erscheint Klaus mit einer großen Kiste in der Schuppentür.
„Wolltest du den beiden das hier nicht auch noch mit auf den Weg geben?“
Er nähert sich Michelles Auto und Marlene schlägt sich gegen die Stirn.
„Da hätte ich ja beinahe das Wichtigste vergessen. Ohne ein vernünftiges Startsortiment gibt es natürlich keine neuen Erkenntnisse.“
Klaus platziert die Kiste im Kofferraum und gibt den Blick auf viele kleine Kräuterpflänzchen frei. Gesa ist so überrascht, dass sie gar nicht weiß, was sie sagen soll.
„Aber nicht, dass du denkst, die gäbe es gratis. Als Gegenleistung will ich von dir hören, wie sich die kleinen Babys machen. Versprochen?“
Marlene sieht Gesa gespielt verschwörerisch an.
„Fest versprochen. Und ganz, ganz lieben Dank.“
Gesa umarmt sie noch einmal lachend und steigt dann in den Wagen, der sich langsam in Bewegung setzt.
„Macht es gut und kommt bald wieder“, ruft Marlene den beiden hinterher und winkt.
Die erste Viertelstunde im Auto verläuft schweigsam. Gesa und Michelle verarbeiten jede für sich ihre Eindrücke. Ein schöner Platz ist das, an dem sie ihr Wochenende verbracht haben. Ein wunderbares Geschäftskonzept, eine harmonische Familiengemeinschaft und eine gut funktionierende Partnerschaft – alles nahezu perfekt und bestens geeignet, sich etwas davon mitzunehmen in den Alltag.
„Was für sympathische Menschen“, seufzt Gesa. „Und trotz der vielen Arbeit so entspannt. Das ist richtig ansteckend. Findest du nicht?“
Sie sieht zu Michelle. Deren Blick löst sich kurz von der Fahrbahn und sie nickt bestätigend.
„Aber nicht nur die Stimmung ist ansteckend, sondern auch das Konzept. Das funktioniert dort alles Hand in Hand. Wäre das nicht auch etwas für uns?“
„Du musst bedenken, wie lange sie das schon machen. Sicher war es am Anfang nicht leicht. So perfekt kann es nur funktionieren, wenn man genügend Erfahrungen gesammelt hat. Glaube mir: Die beiden haben sicher auch einige Federn lassen müssen.“
„Aber das gehört doch dazu. Von kleinen Rückschlägen und Flauten darf man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Schlimmstenfalls muss man das Programm ein wenig anpassen und optimieren. Die schlechten Erfahrungen sind bekanntermaßen die wertvollsten.“
„Da ist zwar was dran, aber das macht die schlechten Erfahrungen auch nicht angenehmer.“
„Du hast doch nicht etwa Angst vor der besonderen Herausforderung, oder?“
Michelle sieht Gesa mit einem provozierenden Lächeln an.
„Langsam, langsam – du bist doch nicht etwa schon dabei, einen Traktor zu kaufen und Felder zu bepflanzen. Ich habe das Wochenende als Inspiration verstanden und nicht gleich als übereilten Einstieg ins Landleben.“
„Feigling!“
Gesa boxt Michelle in die Seite.
„Du bist ja irre.“
„Nein, nur ziemlich entschlossen. Ich brauche bloß noch eine ebenso entschlossene Mitstreiterin. Außerdem ist das Boxen der Fahrerin während der Fahrt strengstens verboten.“
„Okay, ich bin dabei.“ Gesa lacht. „Ich stelle meinen Balkon als Testfeld zur Verfügung.“
„Hm, wenn das so ausgeht wie mit deinem letzten Petersilientopf, sehe ich schwarz.“
„Vorsicht. Fahrerin hin, Fahrerin her: Noch so ein Spruch und es gibt blaue Flecken.“
„Jetzt gibt es erst mal eine Blitzausladung deiner Klamotten. Wir sind nämlich zu Hause.“
Mit Schwung hält Michelle in der zweiten Reihe vor Gesas Haustür und steigt aus.
„Komm schnell, hopp, hopp! Ich helfe dir, die Sachen in den Flur zu tragen und dann suche ich einen halbwegs vernünftigen Parkplatz.“
Die Kiste mit den Setzlingen und der Rucksack sind schnell ausgeladen. Gesa sieht Michelle verwundert an.
„Warum machst du denn plötzlich eine solche Hektik? Hast du noch einen Termin? Ich dachte, wir trinken noch einen Kaffee…“
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