„Ich habe einen Bärenhunger!“, lacht Michelle. „Wir trinken zusammen einen Kaffee und essen eine Pizza und einen Salat und eine Zabaione.“
Dann verschwindet sie im Wagen und braust um die Ecke.
„Landluft macht hungrig“, stellt Gesa fest und geht vergnügt ins Haus.
Sie schultert den Rucksack und nimmt die Kiste mit den Kräuterpflänzchen auf den Arm.
„Ich liebe besondere Herausforderungen“, murmelt sie torkelnd und steigt langsam Stufe für Stufe hinauf in den zweiten Stock. Dort setzt sie die Kiste stöhnend vor der Wohnungstür ab, um den Schlüssel aus dem Rucksack zu kramen.
Der Geruch ihrer ungelüfteten Wohnung schlägt ihr entgegen und bevor sie die Pflanzen hineinträgt, öffnet sie erst einmal alle Fenster. Wieder zu Hause. Die Spätnachmittagssonne scheint ins Wohnzimmer. Schön hier. Nicht so schön wie auf dem Land. Aber doch auch schön. Die Kiste mit den Pflanzen steht kaum auf dem Balkon, als es klingelt. Michelle hat ja schnell einen Parkplatz gefunden. Normalerweise gurkt man am Wochenende, wenn alle zu Hause sind, stundenlang um den Block.
„Oh Wunder! Eben fuhr doch jemand genau vor meiner Nase aus einer Parklücke. Der muss mein Magenknurren gehört und sich erschreckt haben.“
Michelle kommt lachend in die Wohnung.
„Na, was ist? Gehen wir zum Italiener? Ich lade dich ein.“
„Nichts da. Du hast das Wochenende geplant und jetzt bin ich an der Reihe. Der Ausklang geht auf meine Kosten. Aber hat die Küche überhaupt schon geöffnet?“
Gesa sieht auf die Uhr.
„Offiziell erst in einer Stunde. Aber ich hoffe doch, dass sie für Halbverhungerte eine Ausnahme machen. Und wenn nicht: Die eine Stunde kriegen wir auf der Terrasse bei einem leckeren Espresso auch noch rum.“
Eigentlich geht es weniger ums Essen als darum, das schöne Wochenende zu resümieren und zusammen ausklingen zu lassen. Gesa und Michelle lassen es sich bei ihrem Lieblingsitaliener so richtig gut gehen. Dabei vergleichen sie den einen oder anderen Happen mit den wohlschmeckenden Speisen der Brockmanns.
„Zur Pasta kann ich mir einen Löffel Rucola-Pesto sehr gut vorstellen. Du auch?“
Gesa nickt.
„Aber frisch ist er mir doch noch lieber. Pesto ist allerdings eine gute Alternative, wenn man keine frischen Kräuter griffbereit hat. Eigentlich kann man doch aus allen möglichen Kräutern ein Pesto machen. Basilikum kennt man ja bereits. Jetzt Bärlauch und Rucola…“
Sie denkt nach. Sauerampfer vielleicht oder…
„Morgen wieder hinterm Schreibtisch. Ich mag gar nicht daran denken.“
Michelle sieht in den Himmel, als müsse sie morgen eine Gefängnisstrafe antreten. Gesa betrachtet sie verwundert.
„Ich wusste ja gar nicht, dass du mit deiner Arbeit haderst.“
„Nein, nicht wirklich. Aber manchmal träume ich wirklich davon auszusteigen und etwas ganz anderes zu machen. Die Idee mit der Kräuterfarm ist nicht das Schlechteste, weißt du. Wir haben ja schon des Öfteren darüber gesprochen. Ich hätte richtig Lust dazu. Und du? Wie ist es mit dir? Hast du nicht auch Appetit bekommen?“
„Appetit schon.“
Gesa sieht über die Straße.
„Aber woher soll ich das Geld für ein solches Unternehmen herholen? Das ist doch völlig utopisch.“
„Wieso? Das ist doch nicht utopisch. Mit einem guten Business-Plan lässt sich sicher ein preiswerter Kredit als Startkapital bekommen. Da gibt es doch entsprechende Förderprogramme. Man muss sich nur mal schlau machen.“
„Mit dir gehen nach dem Wochenende auf dem Kräuterhof offenbar die Pferde durch“, seufzt Gesa und verschluckt sich am Wein, als Michelle plötzlich laut wiehert und mit den Händen galoppgerecht auf dem Tisch herumtrommelt.
„Schon gut, ganz ruhig, Brauner“, hustet sie mehr als zu reden und kann sich angesichts der Gesichter anderer Gäste das Lachen nicht verkneifen.
„Wir kriegen hier noch Lokalverbot, wenn wir so weitermachen.“
„Nicht, wenn wir den Laden erst mit unseren erstklassigen Kräutern beliefern. Dann wird man sich sprichwörtlich die Finger nach uns lecken, meine Liebe“, gibt Michelle zurück.
Sie ordert einen zweiten Espresso und bedenkt die irritierten Gäste am Nachbartisch mit einem freundlichen Kopfnicken.
Die Freundinnen trennen sich an diesem Abend nur ungern. Aber schließlich ist jede zurück in ihrer Wohnung und lässt während kleiner Vorbereitungen für die neue Woche die Erlebnisse des Wochenendes noch einmal vorüberziehen. Gesa öffnet vor dem Schlafengehen alle Fenster und lässt die Abendluft durch die Räume ziehen. Auf dem Balkon steht immer noch die Kiste mit den Kräuterpflänzchen. Ein paar Handgriffe und die kleinen Dinger beleben die seit zwei Sommern verwaisten Blumenkübel am Geländer.
„Sicher nicht die ideale Aufzuchtstation, aber das Beste, was ich euch momentan bieten kann.“
Gesa buddelt das letzte Baby mit der Wurzel in die alte Erde, füllt die verblasste Kunststoffgießkanne in der Küche mit Wasser und gießt die Setzlinge an.
„Gut, morgen in der Mittagspause besorge ich frische Pflanzerde. Das ist wohl das Mindeste. Aber für heute muss es genügen. Gute Nacht allerseits.“
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.