Bei Marion Nowak schien es wieder genauso intensiv zu sein, wie damals bei Timo, und ein zweiter Vorfall bestätigte mich in dieser Vermutung. Wir waren noch nicht ganz durch mit der Visite, als ich Marion wieder 'hörte'. Sie weinte, und sie schien von der Angst besessen zu sein, nie mehr laufen zu können. Ihr Ruf galt nicht eigentlich mir, nur hörte ihn sonst niemand. Ich war der einzige, der ihre Angst spürte. Ich versuchte, mich auf den Patienten zu konzentrieren, an dessen Bett wir gerade standen, schließlich hatte er ein Recht darauf, daß wir uns zu hundert Prozent mit ihm und seinen Beschwerden beschäftigten. Doch es gelang mir einfach nicht, - immer hatte ich dieses Weinen im Ohr.
"Bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick", sagte ich zu Prof. Jonas, "ich bin sofort wieder da."
Er sah mich ein wenig erstaunt an. Ich wußte, daß er es nicht mochte, wenn man während der Visite nicht bei der Sache war, doch er sagte nichts und nickte nur.
Marion hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als ich zu ihr ans Bett trat. "Sie sind sehr tapfer, Marion", sagte ich. Es war eigentlich nicht meine Art, Patienten mit dem Vornamen anzureden, es war mir einfach so herausgerutscht.
"Nein, ich bin überhaupt nicht tapfer", sagte sie leise, "ich habe ganz schreckliche Angst."
Ein paar Tränen rollten über ihre Wange und verloren sich in ihrem Haar.
"Das verstehe ich, aber das ist vollkommen unnötig", sagte ich. "Sie spüren doch gar nichts von der Operation. Sie müssen eben nur eine Weile länger bei uns bleiben, das ist alles."
"Und wenn ich vielleicht nie wieder richtig...?"
'Oh mein Gott, welche Gedanken macht sich dieses Mädchen', dachte ich. Laut aber sagte ich: "Sie werden ganz sicher wieder richtig laufen können, das verspreche ich Ihnen."
Sie sah mich an. - 'Du mußt nur ganz fest wollen', dachte ich, 'dann wird alles wieder gut.'
Sie rieb sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
"Ok?", fragte ich, und sie nickte und brachte sogar ein kleines Lächeln zustande.
"Glaubst du an Telepathie?", fragte ich Gaby, als wir abends beim Fernsehen saßen. Sie lachte. "Wie kommst du denn jetzt darauf?"
"Ich hab da heute was gelesen", schwindelte ich. Es wäre zu umständlich gewesen, ihr das, was mich bewegte, zu erklären. Außerdem mochte ich nicht darüber reden.
"Sag, glaubst du daran?"
"Mm", meinte sie, "manchmal könnte man schon meinen, du könntest Gedanken lesen."
"Ich? - Wieso?"
"Weil du immer im richtigen Augenblick das Richtige tust", sagte sie, aber ich merkte trotzdem, daß sie dieses Thema nicht besonders ernst nahm.
"Erklär mir das genauer."
"Ganz einfach: Du kommst genau in dem Augenblick in die Küche, in dem das Schnitzel fertig ist", lachte sie, "und du küßt mich genau in dem Moment, in dem ich denke, jetzt sollte er mich eigentlich küssen. Und wenn ich mich gerade mit irgendetwas herumplage und denke, wo ist Bernie jetzt, - immer, wenn man ihn braucht, ist er nicht da, - dann kommst du und sagst: 'Schimpf nicht! Kann ich dir irgendwie helfen?'"
Ich dachte nach. "Ist das wirklich so?"
"Natürlich, deshalb bin ich doch auch mit dir zusammengezogen. Das ist so praktisch, verstehst du?"
Sie kicherte und kuschelte sich enger an mich. "Es funktioniert aber leider nicht immer. Heute zum Beispiel klappt es ganz und gar nicht. Ich wette, du hast überhaupt keine Ahnung, woran ich jetzt gerade denke."
Und der Schalk blitzte ihr aus den Augen.
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