1 ...6 7 8 10 11 12 ...16 „Am Bug befindet sich der Whirlpool.“ Torres riss ihn grinsend aus seinen Betrachtungen.
Natürlich gehörte so ein Ding zu diesen Dimensionen, zu einer lasziven Art, sich den hohen Temperaturen zu stellen, dachte Hoppe.
„Und man kennt ihren Namen in Deutschland wirklich nicht?“, wurde er von seinem spanischen Kollegen gefragt.
Woher sollte er das wissen? Hoppe holte ein wenig aus und erklärte Torres, was es mit dem Namen Schmidt in Deutschland auf sich hatte. Dann schmunzelten sie beide und erhoben sich, um durch eine gläserne Schiebetür ins Innere des Schiffes zu treten. Er brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Vor ihnen lag ein Zimmer unvorstellbaren Ausmaßes. Außer der allgemeinen Üppigkeit erweckte ein drei mal vier Meter großes Gemälde am anderen Ende des Raumes seine Aufmerksamkeit. Ein an Michelangelos Adam erinnernder Mann und eine ihm ebenbürtige Frau badeten in der Natur. Ein Picknick war für die beiden angerichtet. Ein Schinken, ein Korb mit Früchten, Brot. Im Vordergrund gleich neben dem Paar ragten Zypressen in den abendlichen Himmel. „Was für ein Schinken.“
„Wie?“, fragte Torres.
Wie sollte er erklären, dass er dem Essen auf dem Bild nichts abgewinnen wollte? Mit ein paar diffusen Worten auf den Lippen ging Hoppe zu einem Bücherregel, um mit etwas Konkretem zu beginnen. In Griffhöhe lagen ein paar Zeitschriften. In den oberen Fächern standen gebundene dicke Bücher. Gesamtwerk Goethes in zehn Bänden, eine Bibel, ein Weltatlas, Meyers Tierlexikon, Mallorquinische Küche. Er wandte sich von der Bücherauswahl in der Leseecke ab. Der vielversprechendere Teil lag weiter hinten, wo Torres zwischen Polstern und ungefähr 100 Kissen bereits wartete. Gläser für Cocktails, Wasser, Bitter, Flaschen, Schälchen, Teller, Cocktailshaker. Flecken hatten sich vor umgekipptem Geschirr ausgebreitet. Teller mit zerlaufenem und wieder angetrocknetem Käse, mit schmierigem Schinken, mit Obst, inzwischen unappetitlich braun. Chips, Nüsse und Badesachen. Aschenbecher. Alles war auf dem Tisch und irgendwie auch darunter verteilt. Ein kleines silbernes Tablett mit ein paar Kratzspuren und weißen pulverigen Krümeln stand auf einer Polsterlehne. Hatte das dem Vleih das Leben gekostet? Hoppe war gespannt auf die Frau, die dieses Schiff und ihren nun toten Lover dirigiert hatte.
Ein Deck höher bot sich das Bild von einem japanischen Restaurant. Eine geräumige Edelstahlkombüse grenzte offen aber unaufdringlich an den Essbereich. Blumen hingen schlaff aus einer Vase bis hinunter auf eine glänzende Tischplatte hinab. Hinter dem Essbereich und einer Glaswand standen etliche Sessel vor Panoramafenstern. „Wohin geht es durch diese Tür?“, fragte er und deutete aufs Ende des Raums.
„Schlafzimmer, Bäder, Kinderzimmer“, antwortete Torres.
Sie liefen treppauf und treppab. Sahen in Gästezimmer verschiedener Stilrichtungen hinein, konnten drei Zimmer eindeutig als Kinderzimmer ausmachen, liefen auf endlosen Gängen, besahen sich Kunstgegenstände und Vorratskammern. Vor der Brücke ein Zimmer im Stil eines englischen Herrenclubs mit Kamin, Chesterfieldsesseln und Teppichen. Die Brücke selbst erinnerte an eine Kraftwerksleitzentrale. Noch einmal durchmaßen sie das Schiff, diesmal von oben nach unten, bis sie wieder auf der Badeplattform am Heck standen. Wie viel Zeit mochte vergangen sein? Zwei Stunden? Eindrücke, Vermutungen, Indizien. „Ich habe hier genug gesehen“, sagte Hoppe.
Hätte er an seinem ersten Tag in Frankfurt davon erzählen sollen? Wie hätte das ausgesehen? Und hätte man ihn überhaupt verstanden? Sollte diese Marlene sticheln! Sollte sie glauben, er habe etwas übersehen. Sie hatte ja keine Ahnung!
II Frühling
Trotz des kalten Wetters waren Markisen heruntergelassen und Sonnenschirme aufgespannt. Auf der Terrasse des Clubhauses standen gedeckte Tische und gepolsterte Korbsessel bereit. Warum sollte man nicht schon Anfang Februar die Gäste einladend umfangen und auf die bevorstehende Sommersaison hinweisen?
„Wann wollte Stephan hier sein?“, fragte Sarah ihren Mann.
„Halb Zehn. Wir wollen alle 18 Loch schaffen.“
Kaum erwähnt, trat der schon durch eine der offenen Terrassentüren. Im Arm seine Frau Yvonne.
„Die war nicht eingeplant“, murrte Rüdiger. „Kannst du dich um sie kümmern?“
Sarah wollte auch aufs Grün. Was sollte sie mit Stephans Frau? Doch sie kam nicht dazu, ihren Unmut zu äußern. „Guten Morgen, meine Liebe.“ Küsschen links und rechts. Beide Frauen taten einander gleich.
Brückners Yvonne verkündete: „Kümmert euch nicht um mich. Ich möchte nur hier sitzen.“
Na also, dachte Sarah. Kaffee und Champagner wurden gebracht. „Es macht dir wirklich nichts aus, wenn ich mitgehe?“, säuselte sie gegenüber Brückners Frau.
„Nein, geh nur. Wenn das auch für Rüdiger und Stephan passt.“
„Mein Häschen kann zum Einlochen ruhig mitkommen.“ Rüdiger wollte komisch sein, sprach laut und umarmte seine Frau wie immer etwas barsch.
Sarah hatte sich an derlei Männlichkeitsattacken gewöhnt. Diese waren doch harmlos! Gleich werde ich ihm zeigen, wer wen einlocht. In ihre Vorfreude auf das Spiel mischten sich abschweifende Gedanken. Einlochen! Ab in den Knast! Weg mit ihm! Wie sehr sie daran gearbeitet hatte.
Abschlag! Die Weite der Herren würde sie am sechsten oder siebenten Loch wieder aufgeholt haben. Vorerst ließ sie Rüdiger und Stephan ziehen. Schade, dass Isabel noch nicht so weit war. Weit vor ihr auf dem Rasen redeten die beiden Männer. Wie sie miteinander lachten und gestikulierten. Sie sind wie Brüder. Jungs, die nie groß geworden waren. Für sie ist alles ein Spiel. Kaum ein Wochenende vergeht ohne Stephan. Dabei haben sie von Montag bis Freitag miteinander zu schaffen. Ihr neuester Clou waren diese Appartementhäuser, für die sie Gelder vom Land erhalten hatten. Eingliederung sozial Schwacher und Einwanderer via Job und Wohnung. So etwas hatte sie noch nie zuvor gehört. Sarah zerrte an ihrem Trolley und suhlte sich in ihrer Einsamkeit.
Das erste Loch mit 6 Schlägen. Sie musste erst warm werden. Sich konzentrieren. Isa blitzte in ihren Gedanken auf. Seitdem sie sich wiedergetroffen hatten, fasste Sarah etwas Mut. All die Jahre waren ohne sie vergangen. Orange, hellblau und rosa hatten wir unsere Wohnung gemalert. Isa in ihren abgeschnittenen Jeans und dem weißen Hemd. Sie hatte ausgesehen wie ein Model für einen Baumarktspot. Sarah platzierte den Ball auf dem Stick und zog das 3er Eisen heraus. Viktor war immer häufiger gekommen und hatte beim Renovieren geholfen. Sie schlug zu. Der Ball flog viel zu weit. Danach war es trauriger geworden.
„Sarah, schaffst es nicht?“ Rüdiger rief über den Platz. Er erlaubte sich immer und überall alles.
Was weiß der schon, was sie nicht geschafft hatte. Sie ließ ihn rufen. Weihnachten war ein guter Anlass gewesen, um sich bei Isabel nach fast 20 Jahren einmal zu melden. Beim dritten Treffen war auch Viktor mitgekommen. Er war aufgestanden, hatte ihr geholfen, den Stuhl heranzurücken, er hatte leise mit dem Kellner gesprochen, er hatte sie angeschaut und hatte immer noch dieses jungenhafte Lachen. Er war kein bisschen älter geworden. Sie stützte sich auf ihren Golfschläger. Die Männer vor ihr johlten auf, schauten zu ihr zurück. Rüdiger sagte etwas zu Stephan, lachte dabei, zeigte auf sie.
Stephan kam zu ihr. „Sarah, ich bin mal dein Caddie.“
Beinahe hätte sie losgeheult. Er tätschelte sie unbeholfen. Wie immer hatte er ein Gespür für Menschen in Not. Erneuter Abschlag. Sie schaute dem Ball gar nicht hinterher. Erst als sie Stephans verwunderten Gesichtsausdruck bemerkte, sah sie, dass ihr Ball in 60 Meter Entfernung aufgeschlagen war. Auf dem Weg dorthin nahm Brückner das Gespräch auf. „Rüdiger hat mir erzählt, dass du sogar froh darüber bist, mit deiner alten Freundin Kontakt aufgenommen zu haben.“
Читать дальше