Hoppe verließ das Zelt, hob am anderen Ende des Weges das Absperrband an und verließ diesen Hexenkessel an Betriebsamkeit. Er lief auf dem unbefestigten Uferweg weiter bis er an einer dieser schmalen Straßen eines Neubaugebietes landete. Neue Gehwege, dünne Bäume, frisch eingezeichnete Parkplatzmarkierungen. Die Blocks trugen Namen wie Hafengold oder Luv und Lee. Er ging an Appartementhäusern aus Granit mit dunkelbraunen Fensterrahmen und kleinen Balkonen vorüber. Auf anderen Häusern prangten Terrassen mit Glasumrandung, einige waren ganz klar als Bürokomplexe auszumachen. Mit Holzbohlen und dicken Tauen an einem eingemauerten Stück Flussarm versuchte man maritimes Flair vorzugaukeln. Eine junge Frau schob einen Kinderwagen Richtung Main. Sollte er ihr zurufen, dass es hinter dem Block heute nicht weiterging? Wortlos wandte er sich ab. Weit hinter dem vermeintlichen Hafenbecken führte eine mehrspurige Straße an ausgeblichenen Altbaublöcken vorüber. Weiter den Fluss hinauf standen Lagerhallen, Fabrikgebäude, Gasspeicher, Kräne und ein kleines Umspannwerk. Ein Bagger fuhr an seinem Eisengestell durch die Luft. Laufkatze hießen diese Dinger. Drei, vier Schiffe lagen im Wasser. In windschiefen Baracken wurden wahrscheinlich Frachtpapiere ausgefüllt, Telefonate geführt und Kaffee oder Würstchen warm gemacht. Kleine Gewerbetreibende machten dort ihre Geschäfte. Eine Eisenbahnbrücke durchschnitt den Horizont. Dahinter ragte die EZB auf und noch weiter stromabwärts die Frankfurter Skyline. Doch weder das Krachen der Kohle, die vom Bagger in den Rumpf eines Schiffes fiel, noch das Quietschen des Zuges auf den Schienen der Brücke und erst recht nicht den Trubel der Stadt konnte Hoppe hier hören. Hier wo er stand, war es leise, aufgeräumt und geruchlos. Keine Abgase, kein Kaffee, keine Fritten, keine Blumen, keine Pisse, kein Stoff, kein Parfüm. Wie sollte man da einen Riecher entwickeln?
Irgendwo flussabwärts hatte sich Isabel Schlegel unter die Dusche geschleppt. Das heiße Wasser rieselte an ihr herunter. Der Kopf schmerzte. Herrgott, ich weiß doch, dass der nächste Morgen kommt. Das Shampoo roch nach Thymian und Veilchen, doch es half nichts. Der Sonntagabend schmerzte wieder einmal nachhaltig. Mit geschlossenen Augen legte sie ihren Kopf in den Nacken. Wasser und Schaum rannen ihr übers Gesicht. Gestern Abend war Viktor wieder einmal in seinem Arbeitszimmer abgetaucht und ihr blieb nichts anderes, als die Diplomarbeit dieser kleinen Schnepfe durchzuschauen. Die ist so ausgebufft, sogar schlau. Viel schlauer als ich es je gewesen bin. Wahrscheinlich wird die niemals irgendwo hängen bleiben. Aber wer wusste das schon im Voraus? Blieb der gute Rote, der sie gestern verlässlich versöhnlich gestimmt hatte. Sie stellte erst die Dusche ab, nachdem das Bad vom heißen Wasser diesig geworden war. Als Viktor aus seinem Arbeitszimmer herausgekommen war, hatte er mit ihr das letzte Glas der Flasche getrunken und hatte danach noch eine geholt. Sie schlang ihr Handtuch eng um sich herum. Niemand konnte Füße kraulen wie er. Gedanklich waren sie am Nord-Ostsee-Kanal gelandet, an dem sie in diesem Jahr entlangradeln wollten. Nach Main, Weser, Mosel, Inn, Donau, Chiemsee, Müritz nun also Nord-Ostsee-Kanal. Warum auch nicht. Das Handtuch war so schwer. Es kratzte. Als Viktor eingeschlafen war, hatte sie sich den Nachtfilm auf arte angeschaut und die zweite Flasche allein geleert. Warten, Radeln, Fernsehen? Genau das hatte es mit dem Montagmorgen auf sich. Alles war wie immer. Im Badschrank suchte sie die Schachtel Ibuprofen. Reiß dich zusammen, sagte sie leise zu ihrem Spiegelbild und beschloss, heute etwas später aus dem Haus zu gehen. Was für ein Wagnis! Isabel legte das Handtuch über ein Holzregal, nahm den weichen Morgenmantel von einem Haken und streifte ihn über. In der Küche griff sie mechanisch nach der Espressokanne. Als das Espressopulver vom Löffel in den Siebträger hineinrieselte, schaute sie ihren Händen hinterher, überlegte kurz und stellte das ganze Espressozeug wieder weg. Heute nahm sie sich Zeit für eine Kanne Tee, genau wie am Wochenende. Vielleicht sollte ich auch diese Diplomarbeit noch einmal genauer ansehen. Die Hausaufgaben ihrer großen Kinder, die nicht ganz ihre waren. So wollte sie das doch sehen. Sich um die Studenten kümmern. Sie nahm eine der englischen Teetassen, die Kanne und das Teelicht aus der Vitrine, öffnete ein Küchenfenster. Vogelgezwitscher drang zusammen mit der Kälte herein. Diese Küche hatte sie wirklich gut hingekriegt. Tisch und Stühle waren handgefertigt. Unter dem Essplatz lag ein gewebter Teppich. Die hölzernen Küchenschränke, die riesige Spüle, Herd und Kühlschrank waren großzügig auf den Dielen angeordnet. Mit einem Seufzer goss sie das Teewasser auf. Sie holte die Diplomarbeit, setzte sich an den Küchentisch, trank heißen Tee in der kalten Luft vor dem offenen Fenster, las, machte Notizen. Das war ordentlich, fand sie. Nach zwanzig Seiten hatte sie genug. Isabel verschwand noch einmal im Bad. Ihr Haar musste sie noch ein bisschen in Form bringen. Makeup, Lidschatten, Kajal, Puder, Lippenstift. So, da bin ich wieder. Im Schlafzimmer warf sie ihren Morgenmantel auf das Bett und zog sich an. Einen schwarzen Rollkragenpullover. Dazu suchte sie die Tweedhose heraus, in die sie diesen schönen dunkelbraunen Gürtel ziehen konnte, dazu die dunkelbraunen Pumps. In der Küche hatte sie sich entschieden, das Auto zu nehmen. Mittlerweile war es 8:30 Uhr. Natürlich würde sie im Stau stehen. Vielleicht hätte es außerdem der Gesundheit besser getan, sich ein wenig zu bewegen. Aber nicht heute! Sie nahm den Blazer vom Haken, verließ die Wohnung, lief die Treppen hinunter, hielt der Frau mit dem Kinderwagen die Haustür auf, ging zu ihrem Golf, der unter einem sich regenden Fliederstrauch abgestellt war, schmiss ihre dunkelbraune Aktentasche auf den Beifahrersitz und stieg ein.
Nach ruppigen Wettkämpfen im Straßenverkehr war sie an der Parkhauseinfahrt der Maiers Business School angelangt. Neonröhren erhellten den Parkkeller aus Beton. Sie stellte das Auto auf einem Platz für die Lehrkräfte ab. Klack, klack hallten ihre Schuhe. Klack. In diesem Keller mit diesen schönen Schuhen. Ein Jammer! Zum Institut gelangte sie durch eine Eisentür, deren Farbe an einigen Stellen abgeblättert und dessen Fenster aus kleinen, grünlich schimmernden Glasbausteinen immer staubig war. Heute Morgen fiel es ihr dramatisch auf. Empört ergriff sie die schwarze Plastikklinke und stapfte in das Treppenhaus.
Ganz anders erging es allmorgendlich Viktors Sekretärin, die mit ihm inzwischen in die achte Etage am Hauptsitz der EnVer AG umgezogen war. Ihr sogenanntes Vorzimmer war riesig und nagelneu eingerichtet. Ihr Chef, Professor Doktor Viktor Schlegel, war jedoch ganz der alte geblieben. Nur war er selten da. Vortragsreisen, Verhandlungen mit Partnern und vor allem seine Tätigkeit im neuen Forschungszentrum ließen ihm kaum Zeit, aus seinem neuen Büro heraus zu agieren. Heute war er schon den ganzen Tag lang im Kronberger Schlosshotel. Vorstandsklausur, das hört sich doch gut an, fand die Sekretärin.
Ihr Chef jedoch hatte einen anstrengenden Tag gehabt, wie er jetzt am Abend in seiner Suite feststellte. Sein Hemd war durchgeschwitzt und ein herber Geschmack verklebte ihm den Mund. „Dieser Viktor, wie wir ihn über kurz oder lang alle nennen werden, ist die beste Wahl, denn er ist ein hervorragender Mittelfeldspieler“, hatte Hofmacher heute Nachmittag gesagt. Viktor legte sein Sakko auf das Doppelbett, riss die Krawatte herunter, begann sein Hemd aufzuknöpfen. Er würde auch nach hinten sehen, hatte Hofmacher hinzugefügt. Diese Human-Resources-Dame hatte sich erlaubt, einen Spaß zu machen, wonach er dabei mal nicht gegen seine Anlagen laufen solle. Hofmacher hatte gelacht. Die anderen beiden Vorstandskollegen, darunter Dr. Paul Moritz, hatten auf ihre Unterlagen geschaut. Hofmacher hatte sich geräuspert. „Alle könnten sich an ihm, Viktor, ein Beispiel nehmen.“
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