Er überlegte gerade einen versöhnlichen Einstiegssatz, als Hofmacher bereits an der Tür seines Bürotrakts stand. „Viktor, hast du den Artikel über Brückners Campus gelesen? Wärst du nur dabei gewesen. Es war grandios, eine mitreißende Stimmung, die uns guttat.“
„Ich frage mich, ob das der richtige Anlass und Zeitpunkt gewesen war, auf einen Richtungswechsel der EnVer hinzuweisen“, erwiderte er. „Wir sind der größte Energieversorger, wir sollten unsere Entwicklungen nicht über ein Hintertürchen platzieren.“
„Ach was. Es ist immer gut, wenn man sich in positivem Licht sonnt.“
„Aber von solch einem Projekt war nie die Rede.“
„Wir brauchen aber jetzt schnell etwas für den guten Ruf“, sagte Hofmacher.
„Das bedeutet einen enormen Spezifikationsaufwand, der uns von dem eigentlichen Ziel ablenken wird.“
„Ach was, wir müssen das doch nicht schnell durchziehen. Hauptsache, wir sind erst einmal mit von der Partie.“ Hofmacher wechselte in eine ruhigere Tonlage. „Dieses Projekt hat eine unglaubliche Strahlkraft. Ob wir da drei oder 30 MWh hinstellen, ist doch ganz egal. Von dem neuen Vertrauen in uns werden letztlich alle, erst recht dein Team und auch du ganz persönlich profitieren.“
Ist es Begeisterung oder Artillerie? Bin ich eitel, wenn es um meine Akkus geht? „Ich dachte, wir hätten einen Forschungszeitraum ohne Störungen vereinbart.“
„Das sollt ihr auch haben. Viktor, wärst du dabei gewesen, du hättest die Gunst der Stunde ebenfalls genutzt. Es herrschte eine unglaubliche Dynamik.“
Während Hofmacher zu Viktor von Dynamik sprach, gönnte sich Isabel wieder einmal ihren ganz eigenen Tagesbeginn, in dem der Tee langsam sein Aroma entfaltete. Durch das spaltbreit geöffnete Küchenfenster bahnten sich frische Luft, Sonnenschein und Vogelstimmen ihren Weg. Ihren Gefallen daran hatte Isabel vor einige Wochen widergefunden. Heute blätterte sie in der Zeitung und nicht in einer Diplomarbeit. Beim Campusprojekt und Stephan Brückner blieb sie hängen und erinnerte sich an ihr Mittagessen mit Sarah. Der Tee floss heiß ihre Kehle hinunter. Warum war Viktor nicht dabei gewesen? Es war sein Forschungsgebiet, worüber sich Hofmacher und der Brückner im Artikel geäußert hatten. War sich Viktor wieder zu fein gewesen, waren seine Akkus zu schade, seine Abneigung gegenüber solchen Veranstaltungen zu groß? Dabei wartet die Welt auf sein Wissen und auf ihn. Es wird wirklich Zeit, dass er jetzt einen wie den Brückner zur Seite bekommt. Wie nannte es Hofmacher? ‚Strategische Tragweite.‘ Mit der heißen Teetasse in der Hand lehnte sie sich zurück. Ihr Kopf schmerzte wieder einmal. Etwas lustlos sah sie auf die Uhr und erhob sie sich nur schwerfällig. Im Bad griff sie nach dem Kajalstift. Danach Lippenstift und so weiter. Gleich wird sie zu ihren Kollegen und ihren Studenten fahren. Isabel nahm ein Kleenex zwischen ihre Lippen und küsste den Lippenstift stumpf. Studenten. Ha! Sie sind kleine Schuljungen und -mädchen ohne Inspiration und Mut. Sie gieren nach ihren Abschlüssen, nach dem heilbringenden guten Job. Sie sollten sich alle ein Beispiel an diesem Stephan Brückner nehmen. Einem Mann, der gewiss keine Milchbrötchen zum Frühstück bekommen hatte und ganz ohne Master in Economic Sciences der Maiers Business School ausgekommen war. Sie nahm zwei Tabletten gegen ihren Kopfschmerz, verließ das Badezimmer und schnappte sich im Flur ihre Tasche.
Als Isabel ins Auto stieg, unterhielt sich Viktor immer noch mit Hofmacher. „Was ist jetzt mit diesem Brückner? Es sieht so aus, als müsste ich mich ernsthaft mit ihm auseinandersetzen.“
„Überzeug dich selbst davon, was für ein Zugpferd der Mann ist. Der platziert unseren Turnaround zur richtigen Zeit bei den richtigen Leuten wie von selbst. Sei beim nächsten Mal einfach dabei!“ Hofmacher klopfte Viktor auf die Schulter.
Mit dem Toten, den sie aus dem Main gefischt hatten, war kein unmittelbarer krimineller Akt verbunden. Allenfalls wurde der Mann in den Tod getrieben, aber Mord war es nicht. Nur der Zufall würde sie noch zu den Menschen führen, die vor zwei Jahren in der Reinigungsfirma des Opfers randaliert und dabei alle Computer zerstört, Akten gefleddert, Wände besprüht, Möbel zertrümmert und Fahrzeuge demoliert hatten. Das ganze Programm eben. Vor einem halben Jahr dann der Brand, der die kleine Firma restlos in die Knie gezwungen hatte. Die Mutter und in diesem Fall auch Buchhalterin des Firmenbetreibers war im Feuer ums Leben gekommen. Klar war der Typ fertig, noch dazu als die Branduntersuchungen auf eine seiner Zigaretten als mögliche Brandursache hingewiesen hatten. Wären diejenigen, die seinem kleinen Unternehmen zugesetzt hatten auffindbar, wären sie lediglich für Vandalismus oder Erpressung dranzukriegen. Wirkliche Brisanz und Dringlichkeit war mit diesem Fall also nicht verbunden. Sonst hätte Hoppe auch nicht mit diesem provisorisch zusammengestellten Team zusammengearbeitet. Jeder außer ihm war in den angestammten Abteilungen eingespannt und wurde bei Bedarf zugeordnet. Polizeiarbeit spielen mit einem Teilzeitteam! Austauschschüler eben! Leidlich motiviert war Hoppe auf dem Weg seine neuen Kollegen wiederzutreffen. Sie hatten tatsächlich einen nächsten Fall bekommen. Im Besprechungszimmer fand er nur mühevoll Argumente für die weitere Zusammenarbeit. „Wir werden wieder einen nicht so spektakulären Fall bearbeiten. Ich freue mich darauf und hoffe, das macht Ihnen nichts aus.“ Er machte eine Pause, merkte wie er den Kopf schüttelte. „Ich selbst habe, wie sie auch, noch einige andere Kleinigkeiten zu erledigen. Womit ich nicht sagen will, dass Ihre Aufgaben in Ihren eigentlichen Teams ebenfalls Kleinigkeiten sind.“ Wie sollte man in dieser Lage auch die richtigen Worte finden, fragte er sich. „Jedenfalls müssen wir für die fallspezifische Zusammenarbeit einen Weg finden.“ Wir sollten das Austauschjahr einfach so ehrlich wie möglich miteinander herumbringen und einander in Ruhe lassen.
Diese Hauptkommissarin Marlene Saalfeld sah ungeduldig aus. „Ich bin noch immer der Meinung, dass der Brandherd platziert worden war. Der Fall wäre mit mehr Zeit durchaus ergiebig gewesen.“
„Du wieder“, sagte der ältere Kollege Wolfgang Merz.
„Der Mann war absolut vom Pech verfolgt.“ Der Junge, wie Hoppe den jungen Polizeimeister Julian Keller heimlich nannte, hatte es erfasst.
„Man kann jemanden auch töten, indem man ihn fertig macht“, so der erfahrene Kollege.
Hoppe musste sich einbringen, bevor noch mehr Mutmaßungen und Philosophisches vom neuen Thema ablenkten. „Wir haben keinen Anlass, die Untersuchungen in Richtung eines Gewaltverbrechens fortzusetzen. Keine Spur.“ Der Fall war abgeschlossen!
„Das kennen wir ja bereits“, knallte diese Saalfeld einfach mal so hin.
Niemand ging auf ihre Anmerkung ein. Dennoch war sich Hoppe nicht sicher, ob das eine weitere Spitze Richtung Mallorca-Fall war. Die Kollegin konnte sich ja schon bei der ersten Begegnung nicht zurückhalten.
„Es gibt keine konkreten Anhaltspunkte. Ohne die bekommt kein Team weitere Ressourcen, um eventuelle und mittelbare Todesursachen zu untersuchen.“ Das wusste jeder im Raum. Hoppe kam sich rechtfertigend vor. „Wie dem auch sei, heute wollte ich Ihnen persönlich sagen, dass wir uns nun regelmäßiger sehen werden. Wir wurden vor ein paar Wochen ad hoc zur konkreten Zusammenarbeit …“
„Sagen Sie jetzt nicht genötigt“, fiel ihm der Alte ins Wort.
Zum Glück hat der wenigstens Humor, dachte Hoppe. „Wenn sie das nicht so sehen, umso besser.“
„Wenn ich etwas vorschlagen darf“, unterbrach ihn wieder dieser Wolfgang. „Wir zeigen Ihnen ein Stück Frankfurt und lernen uns dabei besser kennen.“
Hoppe war überrascht. Ich bin zwar der Austauschschüler, aber ich muss denen doch nicht auch noch privat zur Last fallen. Die uninteressanten Fälle genügten doch, um schlechte Laune zu verbreiten. Er kramte gerade nach einer höflichen Floskel, als der Alte etwas von „Stöffche“ zu den beiden anderen Kollegen sagte. Die verwiesen auf heute Abend. Mit Kollegen? Heute? Stoff?
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