Iwan Gontscharow - Oblomow

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Ilja Iljitsch Oblomow verkörpert mit Leib und Seele den Typus des faulen russischen Adligen und Müßiggängers. Durch seinen materiellen Stand in die Lage versetzt, Introvertiertheit und Untätigkeit zu pflegen, verbringt er seine Tage mit Nichtstun. Er liegt die meiste Zeit Mittagsschlaf haltend im Bett. Vorhaben, das väterliche Gut zu pflegen, schiebt er unablässig vor sich her, so dass dieses immer mehr verfällt. Als sein Freund Stolz, ein Deutschrusse, ihn mit der jungen Olga bekannt macht, holen ihr Intellekt und ihre Anziehung Oblomow kurzzeitig aus seiner Lethargie. Doch auch das ist nicht von Dauer. Gontscharows erfolgreichster Roman und bedeutendes Werk der russischen Literatur.

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»Schaffen Sie sich erst Ihren eigenen Sachar an, und dann schimpfen Sie!« sagte Sachar, der ins Zimmer trat und Tarantjew grimmig anblickte. »Und wie Sie den Fußboden vollgetreten haben, wie ein Hausierer!« fügte er hinzu.

»Er redet auch noch, der Unverschämte!« sagte Tarantjew und hob das Bein in die Höhe, um dem vorbeigehenden Sachar von hinten einen Tritt zu versetzen; aber Sachar blieb stehen, drehte sich nach ihm hin und machte sich zur Gegenwehr fertig.

»Rühren Sie mich nur an!« rief er wütend mit seiner heiseren Stimme. »Was soll das heißen? Ich gehe wieder hinaus . . .« sagte er und ging wieder nach der Tür zurück.

»So hör' doch auf, Michei Andrejewitsch; wie heftig du gleich bist! Warum reizt du ihn denn?« sagte Oblomow. »Gib mir meine Kleider her, Sachar!«

Sachar kehrte wieder um und schlüpfte, nach Tarantjew hinschielend, hurtig an ihm vorbei.

Oblomow stützte sich mit dem Ellbogen auf ihn, stand mit Selbstüberwindung wie ein sehr ermüdeter Mensch vom Bette auf, ging mißmutig zu einem großen Lehnstuhl, ließ sich in ihn hineinsinken und verharrte regungslos in der Haltung, wie er sich hingesetzt hatte.

Sachar nahm von einem Tischchen Pomade, einen Kamm und eine Bürste, pomadisierte ihm den Kopf, machte ihm einen Scheitel und frisierte ihn dann mit der Bürste.

»Wollen Sie sich jetzt auch waschen?« fragte er.

»Ich will noch ein bißchen warten«, antwortete Oblomow. »Geh nur wieder nach deiner Stube.«

»Ach, sind Sie auch da?« sagte Tarantjew auf einmal, sich zu Alexejew wendend, während Sachar seinen Herrn frisierte. »Ich hatte Sie gar nicht gesehen. Weshalb sind Sie denn hier? Aber was ist Ihr Verwandter für ein gemeiner Kerl! Ich hatte es Ihnen schon sagen wollen . . .«

»Was für ein Verwandter? Ich habe gar keinen Verwandten«, antwortete der bestürzte Alexejew schüchtern und sah Tarantjew mit großen Augen an.

»Na, der, der hier ebenfalls angestellt ist, wie heißt er doch? . . . Afanasjew heißt er. Wie sollte er denn nicht Ihr Verwandter sein? Natürlich ist er Ihr Verwandter.«

»Ich heiße ja aber nicht Afanasjew; ich heiße Alexejew«, erwiderte Alexejew. »Ich habe keinen Verwandten.«

»Na, daß das nicht ein Verwandter von Ihnen ist! Er sieht ebenso unansehnlich aus wie Sie und heißt ebenfalls Wasili Nikolajewitsch.«

»Bei Gott, er ist nicht mit mir verwandt! Ich heiße Iwan Alexejewitsch.«

»Na, ganz egal, er hat mit Ihnen Ähnlichkeit. Aber er ist ein gemeiner Kerl; das können Sie ihm wiedersagen, wenn Sie ihn sehen.«

»Ich kenne ihn nicht und habe ihn nie gesehen«, sagte Alexejew und öffnete seine Tabaksdose.

»Geben Sie mir mal eine Prise!« sagte Tarantjew. »Haben Sie da nur gewöhnlichen Schnupftabak, keinen französischen? Wahrhaftig«, fuhr er fort, nachdem er geschnupft hatte; »warum haben Sie keinen französischen?« fügte er dann in strengem Tone hinzu.

»Ja, so ein gemeiner Kerl wie Ihr Verwandter ist mir noch nie vorgekommen«, fuhr Tarantjew fort. »Da habe ich mir einmal (es wird jetzt schon zwei Jahre her sein) fünfzig Rubel von ihm geborgt. Na, fünfzig Rubel, ist das etwa eine große Summe? Man möchte meinen, das könnte er doch wohl vergessen. Aber nein, er denkt daran: alle Monat, wo er mich nur trifft, sagt er: ›Wie steht es denn mit Ihrer Schuld?‹ Der Mensch wurde mir wirklich langweilig. Und damit nicht genug: gestern kam er zu uns ins Ministerium und sagte: ›Sie haben gewiß Ihr Gehalt bekommen; jetzt könnten Sie mir das Geld zurückgeben.‹ Ich gab ihm mein Gehalt hin; aber dann habe ich ihn vor aller Ohren so madig gemacht, daß er kaum die Tür fand. ›Ich bin ein armer Mensch‹, sagte er, ›ich habe das Geld selbst nötig!‹ Als ob ich es nicht nötig hätte! Bin ich denn ein reicher Mann, daß ich ihm immer fünfzig Rubel hinspucken kann? Gib mir eine Zigarre, Landsmann!«

»Die Zigarren sind dort, in dem Kistchen«, antwortete Oblomow, nach einer Etagere zeigend.

Er saß nachdenklich in der ihm eigenen schönen, trägen Haltung auf dem Lehnstuhl, ohne zu bemerken, was um ihn herum geschah, und ohne zu hören, was gesprochen wurde. Liebevoll betrachtete und streichelte er seine kleinen weißen Hände.

»Ach herrje! Sind das immer noch dieselben?« fragte Tarantjew in strengem Tone, indem er eine Zigarre herausnahm und Oblomow anblickte.

»Ja, es sind dieselben«, antwortete Oblomow mechanisch.

»Und ich habe dir doch gesagt, du möchtest andre kaufen, ausländische! Du merkst dir immer gar nicht, was man dir sagt! Also sorge dafür, daß am nächsten Sonnabend unbedingt welche da sind, sonst werde ich lange Zeit nicht mehr zu dir kommen. Nun seh einer, was das für ein Schund ist«, fuhr er fort, nachdem er die Zigarre angezündet und eine Rauchwolke in die Luft geblasen, eine zweite eingesogen hatte. »Gar nicht zu rauchen!«

»Du bist ja heute so früh gekommen, Michei Andrejewitsch«, sagte Oblomow gähnend.

»Du bist meiner wohl überdrüssig, ja?«

»Nein, ich meinte nur so; du kommst sonst gewöhnlich erst unmittelbar vor dem Mittagessen; jetzt ist es aber erst zwölf durch.«

»Ich bin absichtlich früher gekommen, um mich zu erkundigen, was es bei dir heute zu Mittag geben wird. Du fütterst mich immer mit so elenden Gerichten, daß ich fragen möchte, was du heute zu machen angeordnet hast.«

»Frage doch dort, in der Küche«, antwortete Oblomow.

Tarantjew ging hinaus.

»Aber ich bitte dich«, sagte er, als er zurückkam: »Rindfleisch und Kalbsbraten! Ach, Bruder Oblomow, du verstehst nicht zu leben, und dabei bist du doch Gutsbesitzer! Ist das ein Leben für einen adligen Herrn? Du lebst ja wie ein Kleinbürger und verstehst es nicht, einen Freund zu bewirten! Na, ist Madeira gekauft?«

»Ich weiß es nicht; frage Sachar«, erwiderte Oblomow, der fast gar nicht nach ihm hinhörte. »Wein wird gewiß da sein.«

»Die frühere Sorte, von dem deutschen Weinhändler? Nein, laß welchen im Englischen Magazin kaufen.«

»Na, dieser wird auch gut genug sein«, sagte Oblomow. »Sonst muß ich erst noch hinschicken.«

»Warte mal, gib mir Geld; ich muß noch anderswohin gehen; da komme ich dort vorbei und werde welchen mitbringen.«

Oblomow kramte im Tischkasten umher und nahm einen Zehnrubelschein (damals von roter Farbe) heraus.

»Madeira kostet sieben Rubel«, sagte Oblomow: »hier sind zehn.«

»Gib nur alles her: die Leute geben mir da heraus; sei unbesorgt!«

Er riß die Banknote Oblomow aus den Händen und steckte sie schnell in die Tasche.

»Na, dann werde ich jetzt gehen«, sagte Tarantjew, indem er den Hut aufsetzte. »Um fünf bin ich wieder hier. Ich muß noch anderswohin gehen: es ist mir eine Anstellung bei der Branntweinakzise in Aussicht gestellt, und ich soll dort einmal nachfragen . . . Ja, was ich noch sagen wollte, Ilja Iljitsch: willst du nicht heute einen Wagen nehmen und nach Jekateringof fahren? Dann könntest du mich mitnehmen.«

Oblomow schüttelte zum Zeichen der Verneinung den Kopf.

»Wie steht's? Bist du zu faul, oder tut dir das Geld leid? Ach, du Mehlsack!« sagte Tarantjew. »Na, adieu einstweilen!«

»Warte, Michei Andrejewitsch«, unterbrach in Oblomow. »Ich möchte dich über etwas um Rat fragen.«

»Was ist denn noch? Sprich schnell, ich habe keine Zeit.«

»Es ist ein zwiefaches Unglück über mich hereingebrochen. Ich werde aus der Wohnung hinausgejagt . . .«

»Gewiß hast du keine Miete bezahlt; da geschieht dir recht«, sagte Tarantjew und wollte gehen.

»Nicht doch! Ich bezahle immer pränumerando. Nein, der Hauswirt will meine Wohnung zur Herstellung einer andern mitbenutzen . . . Aber warte doch! Wo willst du hin? Rate mir, was ich tun soll: der Wirt drängt mich; in einer Woche soll ich ausziehen . . .«

»Bin ich als dein Ratgeber angestellt? . . . Da hast du eine falsche Vorstellung . . .«

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