Iwan Gontscharow - Oblomow

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Ilja Iljitsch Oblomow verkörpert mit Leib und Seele den Typus des faulen russischen Adligen und Müßiggängers. Durch seinen materiellen Stand in die Lage versetzt, Introvertiertheit und Untätigkeit zu pflegen, verbringt er seine Tage mit Nichtstun. Er liegt die meiste Zeit Mittagsschlaf haltend im Bett. Vorhaben, das väterliche Gut zu pflegen, schiebt er unablässig vor sich her, so dass dieses immer mehr verfällt. Als sein Freund Stolz, ein Deutschrusse, ihn mit der jungen Olga bekannt macht, holen ihr Intellekt und ihre Anziehung Oblomow kurzzeitig aus seiner Lethargie. Doch auch das ist nicht von Dauer. Gontscharows erfolgreichster Roman und bedeutendes Werk der russischen Literatur.

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»Also doch zwölftausend und nicht sechstausend«, unterbrach ihn Oblomow. »Dieser Dorfschulze hat mich ganz aus der Fassung gebracht! Und selbst wenn es sich wirklich so mit der Mißernte und Dürre verhält, warum bereitet er mir diesen Schmerz im voraus?«

»Ja . . . das sollte er wirklich nicht tun«, begann Alexejew. »Aber was kann man von einem Bauern für Zartgefühl erwarten? Dieses Volk hat ja kein Verständnis.«

»Na, was würden Sie denn nun an meiner Stelle tun?« sagte Oblomow und blickte Alexejew fragend an, in der schwachen Hoffnung, daß dieser vielleicht etwas ersinnen werde, was zu seiner Beruhigung dienen könne.

»Das muß man sich überlegen, Ilja Iljitsch; so plötzlich kann man da keine Entscheidung treffen«, antwortete Alexejew.

»Soll ich vielleicht an den Gouverneur schreiben?« meinte Ilja Iljitsch zweifelnd.

»Wer ist denn bei Ihnen Gouverneur?« fragte Alexejew.

Ilja Iljitsch gab ihm keine Antwort und dachte nach. Alexejew verstummte und überlegte ebenfalls etwas.

Oblomow knitterte den Brief in den Händen zusammen, stützte den Kopf in die Hände, setzte die Ellbogen auf die Knie und saß so eine Zeitlang da, gequält von den auf ihn einstürmenden unruhigen Gedanken.

»Wenn wenigstens Stolz recht bald käme!« sagte er. »Er schreibt, er werde bald herkommen, und dabei treibt er sich weiß der Teufel wo umher! Der würde alles in Ordnung bringen.«

Er wurde wieder trübsinnig. Lange Zeit schwiegen beide. Oblomow war der erste, der sich endlich aufraffte.

»Das ist's, was man tun muß«, sagte er in entschiedenem Tone und wäre beinahe vom Bette aufgestanden, »und zwar so schnell wie möglich, ohne jede Zögerung . . . Erstens . . .«

In diesem Augenblicke ertönte ein höchst energisches Läuten im Vorzimmer, so daß Oblomow und Alexejew zusammenfuhren und Sachar schleunigst von der Ofenbank heruntersprang.

III

»Ist er zu Hause?« fragte jemand im Vorzimmer laut in grobem Tone.

»Wohin soll er zu dieser Tageszeit gegangen sein«, gab Sachar in noch gröberem Tone zur Antwort.

Der Eintretende war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, zu einem derben Menschenschlage gehörig, hochgewachsen, breit in den Schultern und im ganzen Rumpf, mit grobgeschnitzten Gesichtszügen, einem großen Kopfe, einem kräftigen, kurzen Halse, großen, vorstehenden Augen und dicken Lippen. Ein flüchtiger Blick auf diesen Menschen rief die Vorstellung von etwas Grobem, Unsauberem hervor. Es war augenscheinlich, daß er nicht auf Eleganz seines Anzuges bedacht war. Nicht immer glückte es einem, ihn sauber rasiert zu sehen. Aber das war ihm anscheinend auch völlig gleichgültig; er genierte sich nicht wegen seiner Kleidung und trug sie mit einer Art von zynischer Würde.

Das war Michei Andrejewitsch Tarantjew, Oblomows Landsmann.

Tarantjew blickte alles grimmig und halb verächtlich an; er war seiner ganzen Umgebung offenbar feindlich gesinnt und stets bereit, auf alles und alle in der Welt zu schimpfen, als wäre er ein durch Ungerechtigkeit tief gekränkter oder in Bezug auf irgendwelche treffliche Eigenschaft nicht anerkannter Mensch, ja schließlich ein vom Schicksal verfolgter starker Charakter, der sich ihm nur widerwillig und trotzig füge. Seine Bewegungen waren immer kühn und schwungvoll; er sprach laut, keck und fast immer in ärgerlichem Tone; wenn man ihn aus einiger Entfernung hörte, so war es, als ob drei leere Bauernwagen über eine Brücke fuhren. Mochte anwesend sein, wer da wollte, er legte sich in seinen Worten keinen Zwang auf, gebrauchte sein Mundwerk ganz gehörig und war überhaupt beständig grob im Verkehr mit allen Leuten, seine Freunde nicht ausgenommen, als wollte er zu verstehen geben, daß, wenn er mit jemandem redete, oder sogar auch, wenn er bei ihm zu Mittag oder zu Abend speiste, er ihm damit eine große Ehre erwiese.

Tarantjew hatte einen lebhaften, klugen Geist; niemand konnte leichter als er eine Frage des gewöhnlichen Lebens beantworten oder eine verwickelte juristische Prozeßsache entscheiden: er stellte sogleich eine Theorie auf, nach der in dem einen oder andern Falle zu handeln sei, und führte sehr scharfsinnig die Beweise dafür an; zum Schluss aber wurde er fast immer grob gegen denjenigen, der ihn über etwas um Rat gefragt hatte.

Trotzdem bekleidete er noch jetzt, wo er schon graue Haare hatte, in einer Kanzlei dasselbe Amt als Schreiber, das er vor fünfundzwanzig Jahren übernommen hatte. Weder ihm selbst noch sonst jemandem kam je der Gedanke in den Sinn, daß er aufrücken könne.

Die Sache war die, daß Tarantjew nur meisterlich zu reden verstand; mit Worten entschied er alle Fragen klar und leicht, besonders solche Fragen, die andere Leute betrafen; aber sobald es erforderlich war, auch nur einen Finger zu rühren, sich vom Flecke zu bewegen, kurz, die von ihm selbst aufgestellte Theorie auf die Praxis anzuwenden und die Sache in Gang zu bringen, Organisationstalent und Promptheit zu zeigen, da war er ein ganz andrer Mensch, da versagte er: es wurde ihm plötzlich zu schwer, oder er fühlte sich unwohl, oder es war ihm unbequem, oder es kam ihm etwas anderes in den Wurf, das er ebenfalls nicht in Angriff nahm oder, wenn er es ja tat, nicht zu einem ordentlichen Ende führte. Er war dabei wie ein Kind: hier ließ er es an Achtsamkeit fehlen, dort wußte er irgendwelche Kleinigkeiten nicht, da verspätete er sich, und das Ende vom Liede war, daß er die Sache halbvollendet liegen ließ oder sie falsch angriff und alles so verdarb, daß keine Möglichkeit war, es wieder in Ordnung zu bringen; und dann fing er noch an zu schimpfen.

Sein Vater, ein Gerichtsschreiber vom alten Schlage in der Provinz, wollte seinem Sohne seine Geschicklichkeit und Erfahrung in der Betreibung fremder Prozesse und seine klug zurückgelegte Laufbahn beim Gerichte als Erbe hinterlassen; aber das Schicksal fügte es anders. Der Vater, der seinerzeit in russischer Weise selbst nur für wenige Groschen Schulunterricht genossen hatte, wollte nicht, daß sein Sohn hinter der Zeit zurückbleibe, und wünschte, ihn noch außer der schwierigen Kunst der Führung von Prozessen etwas lernen zu lassen. Er schickte ihn daher drei Jahre lang zu einem Geistlichen, damit er bei diesem Lateinisch lerne.

Der von Natur wohlbefähigte Knabe machte sich im Laufe der drei Jahre die lateinische Formenlehre und Syntax zu eigen und sollte gerade anfangen, Cornelius Nepos zu lesen, als sein Vater zu der Ansicht kam, es sei auch an dem, was er nun wisse, genug; auch diese Kenntnisse gaben ihm schon einen gewaltigen Vorsprung vor der alten Generation, und es könne ihm schließlich eine weitere Fortsetzung der Studien vielleicht gar in seiner dienstlichen Laufbahn beim Gerichte schaden.

Der sechzehnjährige Michei, der nicht wußte, was er mit seinem Latein anfangen sollte, vergaß es allmählich wieder im Elternhause; aber dafür nahm er, in Erwartung der Ehre, beim Land- und Kreisgerichte angestellt zu werden, einstweilen an allen von seinem Vater gegebenen kleinen Gastereien teil, und in dieser Schule, bei den offenherzigen Gesprächen der Fachgenossen, schärfte und entwickelte sich der Verstand des jungen Menschen.

Mit jugendlicher Empfänglichkeit lauschte er den Erzählungen seines Vaters und der Kollegen desselben von allerlei Zivil- und Kriminalprozessen und von interessanten Fällen, die durch die Hände aller dieser Gerichtsschreiber alten Schlages gegangen waren.

Aber all das führte zu nichts. Michei bildete sich nicht zu einem praktischen Rechtskundigen und Rechtsverdreher heraus, obgleich alle Anstrengungen des Vaters darauf gerichtet waren und gewiß auch von Erfolg gekrönt worden wären, wenn nicht das Schicksal die Absichten des Alten zunichte gemacht hätte. Michei machte sich tatsächlich die ganze Theorie der väterlichen Unterweisungen zu eigen und brauchte sie nur noch auf die Praxis anzuwenden; aber zur Zeit des Todes seines Vaters war er noch nicht beim Gerichte angestellt, und so wurde er denn von einem Wohltäter nach Petersburg gebracht, der ihm dort eine Schreiberstelle in einem Ministerium verschaffte und ihn dann vergaß.

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