So blieb Tarantjew sein ganzes Leben über nur Theoretiker. In dem Petersburger Amte konnte er mit seinem Latein und mit seiner feinausgebildeten Theorie, gerechte und ungerechte Prozeßsachen nach seinem Belieben durchzuführen, nichts anfangen; dabei aber war er sich bewußt, daß er eine schlummernde Kraft in sich trug, die durch feindliche Umstände in ihm für immer ohne Hoffnung und Befreiung eingeschlossen lag, so wie in den Märchen böse Geister in enge, verzauberte Mauern eingeschlossen und der Macht zu schaden beraubt sind. Vielleicht war dieses Bewußtsein der in ihm ruhenden ungenutzten Kraft die Ursache, weswegen Tarantjew im Verkehr grob, mißgünstig und stets ärgerlich und zänkisch war.
Mit Bitterkeit und Verachtung blickte er auf seine gegenwärtigen Beschäftigungen: das Abschreiben von Schriftstücken, das Heften von Akten und so weiter. Ihm lächelte in der Ferne nur eine einzige letzte Hoffnung: eine Anstellung bei der Verwaltung der Branntweinpacht zu bekommen. Auf diesem Wege sah er den einzigen vorteilhaften Ersatz für die Karriere, die ihm sein Vater hatte vermachen wollen, und die er nicht erreicht hatte. Und in Erwartung dessen wandte er die ihm von seinem Vater überlieferte gebrauchsfertig daliegende Theorie der Bestechlichkeit und Schlauheit, da ihr die beste und ihrer würdigste Laufbahn in der Provinz entgangen war, auf alle Kleinigkeiten seiner nichtigen Existenz in Petersburg an; und diese seine Kunstfertigkeit stahl sich, in Ermangelung einer Betätigung im amtlichen Leben, in alle seine freundschaftlichen Beziehungen ein.
Er war auf Grund seiner Theorie nach seiner ganzen Denkweise bestechlich und brachte, in Ermangelung von Prozessen und Bittstellern, es durch Schlauheit fertig, von seinen Kollegen und Freunden, Gott weiß wie und wofür, Bestechungen einzuheimsen, veranlaßte sie, wo und wann er nur konnte, bald durch List, bald durch Aufdringlichkeit, ihn zu traktieren, verlangte von allen einen Respekt, den er nicht verdiente, und suchte mit jedem Händel. Über seine abgetragenen Kleider empfand er nie Scham oder Verlegenheit; aber es beunruhigte ihn, wenn ein Tag ihm nicht die Perspektive auf ein tüchtiges Mittagessen mit einer gehörigen Quantität Wein oder Schnaps bot.
Infolgedessen spielte er im Kreise seiner Bekannten die Rolle eines großen Wächterhundes, der alle anbellt und nicht duldet, daß sich jemand rührt, der aber gleichzeitig unfehlbar jedes Stück Fleisch im Fluge auffängt, woher es auch immer geflogen kommt.
Von dieser Art waren die beiden eifrigsten Besucher Oblomows.
Warum kamen diese beiden russischen Proletarier zu ihm? Sie wußten recht gut, warum sie das taten: um zu essen, zu trinken und gute Zigarren zu rauchen. Sie fanden bei ihm ein warmes, ruhiges Obdach und eine wenn auch nicht freudige, so doch immer in gleicher Weise gleichmütige Aufnahme.
Aber warum Oblomow diese Leute zu sich ließ, darüber gab er sich selbst schwerlich Rechenschaft. Wohl aus demselben Grunde, aus welchem noch heutzutage bei uns in jedem abgelegenen wohlhabenden Gutshaus sich ein Schwarm solcher Personen beiderlei Geschlechts herumdrängt, ohne Brot, ohne Kunstfertigkeit, sozusagen ohne Hände zur Produktion und nur mit einem Magen zur Konsumtion, aber fast immer mit einem Rang und Titel.
Es gibt noch immer Sybariten, denen im Leben solche Anhängsel unentbehrlich sind; sie langweilen sich in der Welt ohne etwas Überflüssiges. Wer wird eine abhanden gekommene Tabaksdose wieder zur Stelle schaffen oder ein hingefallenes Taschentuch aufheben? Wem kann man mit einem Rechte auf Teilnahme etwas von seinen Kopfschmerzen vorklagen oder einen bösen Traum erzählen und dessen Ausdeutung verlangen? Wer liest einem vor dem Schlafengehen aus einem Buche vor und hilft einem so zum Einschlafen? Manchmal wird ein solcher Proletarier auch nach der nächsten Stadt geschickt, um etwas einzukaufen, oder er hilft in der Wirtschaft – man kann sich doch mit dergleichen nicht selbst abgeben!
Tarantjew machte viel Lärm und rüttelte dadurch Oblomow aus seiner Unregsamkeit und Langeweile auf. Er schrie, stritt, führte eine Art von Theaterstück auf und überhob so den trägen Herrn der Notwendigkeit, selbst zu reden und zu handeln. In das Zimmer, in welchem Schlaf und Ruhe herrschten, brachte Tarantjew Leben und Bewegung und manchmal auch Nachrichten von draußen. Oblomow konnte, ohne einen Finger zu rühren, etwas Lebendiges sehen, das sich vor seinen Augen bewegte und redete. Außerdem besaß er noch die Einfalt zu glauben, Tarantjew sei wirklich imstande, ihm etwas Nützliches zu raten.
Alexejews Besuche ließ sich Oblomow aus einem andern, nicht minder wichtigen Grunde gefallen. Wenn er die Zeit in seiner gewöhnlichen Weise hinbringen, das heißt schweigend daliegen, druseln oder im Zimmer auf und ab gehen wollte, so war Alexejew gewissermaßen nicht anwesend: er schwieg ebenfalls, druselte, oder er sah in ein Buch hinein und betrachtete mit einem trägen Gähnen, das ihm die Tränen in die Augen trieb, die Bilder und Nippsachen. Er konnte nötigenfalls drei Tage in dieser Weise verbringen. Wenn aber Oblomow des Alleinseins überdrüssig wurde und das Bedürfnis verspürte, sich auszusprechen, zu reden, etwas vorzulesen, zu disputieren, eine Erregung zu äußern, dann war er immer ein gehorsamer, bereitwilliger Zuhörer und Partner, der mit stets gleichbleibender Zustimmung an seinem Stillschweigen und an seinem Gespräche und an seiner Erregung und an seiner Anschauungsweise, wie auch immer sie beschaffen war, teilnahm.
Andere Besucher kamen nur selten, nur auf einen Augenblick, wie die ersten drei, die sich an diesem Tage eingefunden hatten; die lebendigen Beziehungen zwischen ihm und ihnen allen starben immer mehr ab. Oblomow interessierte sich manchmal für irgendeine Neuigkeit und führte manchmal gern fünf Minuten lang ein Gespräch; dann aber fühlte er sich dadurch befriedigt und schwieg. Jene Herren jedoch beanspruchten, daß er ihnen die entsprechenden Gegendienste leiste und an dem, was sie selbst interessierte, Anteil nehme. Sie fühlten sich unter den Menschen in ihrem Elemente; jeder von ihnen faßte das Leben auf seine Weise auf, so wie Oblomow es nicht auffassen wollte, aber sie zogen auch ihn in das Leben hinein: all das mißfiel ihm, stieß ihn ab, widerstrebte seinem ganzen Wesen.
Nur ein einziger Mensch sagte ihm zu: auch dieser störte ihn in seiner Ruhe, liebte Neuigkeiten und die Gesellschaft und die Wissenschaft und das ganze Leben, aber in einer tieferen, wärmeren, aufrichtigeren Art als andere – und obgleich Oblomow gegen alle freundlich war, so war dies doch der einzige Mensch, den er von Herzen liebte, der einzige, dem er Vertrauen schenkte, vielleicht deshalb, weil er mit ihm aufgewachsen war, mit ihm zusammen die Schule besucht und mit ihm zusammen gelebt hatte. Das war Andrei Karlowitsch Stolz.
Er war abwesend, aber Oblomow erwartete ihn stündlich.
»Guten Tag, Landsmann!« sagte Tarantjew in barschem Tone und streckte Oblomow seine haarige Hand hin.
»Warum liegst du denn zu dieser Tageszeit noch im Bette wie ein Klotz?«
»Komm nicht so nah heran, komm nicht so nah heran; du kommst aus der Kälte!« sagte Oblomow und deckte sich fest mit der Bettdecke zu.
»Was ist das für eine Idee: ›aus der Kälte‹!« schrie Tarantjew. »Wenn dir jemand die Hand gibt, dann nimm sie! Es ist bald zwölf, und er liegt noch im Bett!«
Er wollte Oblomow vom Bette in die Höhe heben; aber dieser kam ihm zuvor, streckte schnell die Beine heraus und fuhr mit den Füßen gleichzeitig in beide Pantoffeln.
»Ich wollte diesen Augenblick selbst aufstehen«, sagte er gähnend.
»Ich kenne dich, wie du aufstehst: du hättest dich bis zum Mittagessen im Bette herumgerekelt. He, Sachar! Wo steckst du denn, alter Esel! Hilf mal schnell deinem Herrn beim Anziehen!«
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