Iwan Gontscharow - Oblomow

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Ilja Iljitsch Oblomow verkörpert mit Leib und Seele den Typus des faulen russischen Adligen und Müßiggängers. Durch seinen materiellen Stand in die Lage versetzt, Introvertiertheit und Untätigkeit zu pflegen, verbringt er seine Tage mit Nichtstun. Er liegt die meiste Zeit Mittagsschlaf haltend im Bett. Vorhaben, das väterliche Gut zu pflegen, schiebt er unablässig vor sich her, so dass dieses immer mehr verfällt. Als sein Freund Stolz, ein Deutschrusse, ihn mit der jungen Olga bekannt macht, holen ihr Intellekt und ihre Anziehung Oblomow kurzzeitig aus seiner Lethargie. Doch auch das ist nicht von Dauer. Gontscharows erfolgreichster Roman und bedeutendes Werk der russischen Literatur.

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Es begegnet ihm auf der Straße ein Bekannter und fragt ihn: »Nun, wohin?« – »Ich gehe aufs Büro«, antwortet er oder: »Ich gehe in einen Laden« oder: »Ich will mich nach etwas erkundigen.« – »Kommen Sie doch lieber mit mir mit«, sagt jener, »auf die Post, oder wir wollen zum Schneider herangehen oder einen Spaziergang machen.« Dann geht er mit ihm mit, geht auch zum Schneider mit heran und auf die Post und spazieren, wenn auch die Richtung die entgegengesetzte von derjenigen ist, nach der er selbst gehen wollte. Außer seiner Mutter hat kaum jemand sein Erscheinen auf der Welt bemerkt; sehr wenige bemerken ihn im Laufe seines Lebens; aber gewiß wird niemand sein Verschwinden aus der Welt bemerken; niemand wird nach ihm fragen, niemand ihn bedauern, aber auch niemand sich über seinen Tod freuen. Er hat keine Feinde und keine Freunde, aber eine Menge von Bekannten. Vielleicht wird sein Leichenzug die Aufmerksamkeit eines Passanten auf sich ziehen, der dieser farblosen Persönlichkeit eine ihr zum ersten Male zuteil werdende Ehre erweist, indem er ihr eine tiefe Verbeugung macht; vielleicht wird sogar ein andrer aus Neugier an die Spitze des Leichenzuges laufen, um den Namen des Verstorbenen zu erfahren, ihn aber sofort wieder vergessen.

Dieser Alexejew, Wasiljew, Andrejew, oder wie man ihn sonst nennen will, ist eine Art von unvollständiger, unpersönlicher, andeutungsweiser Kopie der großen Masse, ein dumpfer Widerhall von ihr, ihr undeutlicher Abglanz.

Sogar Sachar, der in offenherzigen Gesprächen bei Zusammenkünften am Haustor oder im Kaufladen alle, die seinen Herrn besuchten, in mannigfaltiger Weise zu charakterisieren pflegte, wurde jedesmal verlegen, wenn dieser, sagen wir, Alexejew an die Reihe kam. Er dachte lange nach, suchte lange in dem Äußern, in dem Benehmen und in dem Charakter dieser Persönlichkeit nach einem hervorstechenden Zuge, an dem die Kritik ansetzen könnte; aber zuletzt machte er eine resignierte Handbewegung und drückte sich so aus: »Der, der ist weder Fisch noch Fleisch noch sonst was.«

»Ah!« sagte Oblomow, als er ihn erblickte. »Sie sind es, Alexejew? Guten Tag. Wo kommen Sie her? Kommen Sie nicht so nahe heran, kommen Sie nicht so nahe heran; ich werde Ihnen nicht die Hand geben: Sie kommen aus der Kälte!«

»Aber was reden Sie? Es ist ja gar nicht kalt! Ich hatte eigentlich gar nicht vor, heute zu Ihnen zu kommen«, sagte Alexejew; »aber Owtschinin begegnete mir und nahm mich mit zu sich nach Hause. Nun komme ich, um Sie abzuholen, Ilja Iljitsch.«

»Wohin denn?«

»Nun, zu Owtschinin, kommen Sie nur mit. Da sind Matwjei Andrejewitsch Aljanow, Kasimir Albertowitsch Pchailo und Wasili Sewastjanowitsch Kolymjagin.«

»Wozu haben sie sich denn da versammelt, und wozu brauchen sie mich dabei?«

»Owtschinin ladet Sie zum Mittagessen ein.«

»Hm! Zum Mittagessen . . .« wiederholte Oblomow eintönig.

»Und dann wollen wir alle nach Jekateringof fahren; er läßt Ihnen sagen, Sie möchten einen Wagen nehmen.«

»Aber was sollen wir denn da anfangen?«

»Welche Frage! Heute ist doch da Korso. Wissen Sie denn nicht, daß heute der erste Mai ist?«

»Setzen Sie sich doch; wir wollen die Sache überlegen . . .« sagte Oblomow.

»Stehen Sie doch auf; es ist Zeit, daß Sie sich ankleiden.«

»Warten Sie doch ein bißchen; es ist ja noch früh.«

»Früh? Bewahre! Er bittet Sie, um zwölf Uhr hinzukommen; wir wollen es so einrichten, daß wir mit dem Mittagessen möglichst früh fertig sind, so gegen zwei Uhr; und dann zum Korso. Kommen Sie schnell! Soll ich Ihrem Diener sagen, daß er Ihnen beim Anziehen behilflich sein möge?«

»Wie kann ich mich denn anziehen? Ich habe mich noch nicht gewaschen.«

»Nun, so waschen Sie sich!«

Alexejew begann im Zimmer auf und ab zu gehen; dann blieb er vor einem Bilde stehen, das er früher schon tausendmal gesehen hatte, warf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster, nahm irgendeinen Gegenstand von einer Etagere herunter, drehte ihn in den Händen herum, betrachtete ihn von allen Seiten und stellte ihn wieder hin; dann setzte er seinen Spaziergang im Zimmer pfeifend fort – alles, um Oblomow nicht beim Aufstehen und Waschen zu stören. So vergingen etwa zehn Minuten.

»Aber was ist denn mit Ihnen?« fragte er Ilja Iljitsch plötzlich.

»Wieso?«

»Sie liegen ja immer noch?«

»Muß ich denn aufstehen?«

»Gewiß! Wir werden erwartet. Sie wollten doch mitkommen.«

»Wohin denn? Ich wollte nirgendhin mitkommen.«

»Aber, Ilja Iljitsch, wir haben doch diesen Augenblick davon gesprochen, daß wir zum Mittagessen zu Owtschinin gehen und dann nach Jekateringof fahren wollten . . .«

»Wie werde ich denn in dieser Nässe ausfahren! Und was werde ich dort Neues zu sehen bekommen? Es scheint regnen zu wollen; der Himmel ist so trübe«, sagte Oblomow träge.

»Es ist kein Wölkchen am Himmel; Ihre Befürchtung, es könne regnen, ist die reine Einbildung. Trübe ist es deswegen, weil bei Ihnen die Fenster seit wer weiß wie langer Zeit nicht geputzt sind. Was sitzt da für ein Schmutz darauf! Man kann ja gar nicht hindurchsehen, und das eine Rouleau ist auch fast ganz heruntergelassen.«

»Ja, sagen Sie davon mal ein Wort zu Sachar; dann schlägt er sogleich vor, es sollten Reinemachefrauen angenommen werden, und jagt mich für einen ganzen Tag aus dem Hause!«

Oblomow überließ sich seinen Gedanken; Alexejew aber trommelte mit den Fingern auf dem Tische, an dem er saß, und ließ seine Augen zerstreut an den Wänden und an der Decke umherlaufen.

»Also was wird nun aus uns? Was tun wir? Werden Sie sich anziehen oder so bleiben?« fragte er nach ein paar Minuten.

»Was ist denn los?«

»Wir wollten doch nach Jekateringof?«

»Bleiben Sie mir mit diesem Jekateringof vom Leibe!« versetzte Oblomow ärgerlich. »Können Sie denn nicht ruhig hier sitzenbleiben? Ist es etwa kalt im Zimmer, oder ist hier ein schlechter Geruch, daß Sie durchaus wegwollen?«

»Nein, ich fühle mich bei Ihnen immer wohl; ich bin völlig zufrieden«, antwortete Alexejew.

»Aber wenn Sie sich hier wohlfühlen, warum wollen Sie dann anderswohin? Bleiben Sie doch lieber den ganzen Tag über bei mir, essen Sie hier Mittagbrot, und bringen Sie dann in Gottesnamen den Abend dort zu! . . . Ja, das hatte ich ganz vergessen: ich kann ja gar nicht weg! Tarantjew kommt heute zum Mittagessen zu mir; heute ist Sonnabend.«

»Nun, wenn es so ist . . . ich fühle mich hier sehr wohl . . . wie Sie befehlen . . .« sagte Alexejew.

»Und von meinen materiellen Angelegenheiten habe ich Ihnen noch nichts gesagt?« fragte Oblomow lebhaft.

»Von was für materiellen Angelegenheiten? Daß ich nicht wüßte«, erwiderte Alexejew, ihn mit großen Augen ansehend.

»Warum ich so lange nicht aufstehe? Ich habe ja hier immerzu gelegen und darüber nachgedacht, wie ich aus dieser schwierigen Lage herauskommen könnte.«

»Was gibt es denn?« fragte Alexejew, der sich Mühe gab, ein erschrockenes Gesicht zu machen.

»Ich habe in zwiefacher Hinsicht Unglück! Ich weiß nicht, was ich anfangen soll.«

»Wieso denn?«

»Ich werde aus meiner Wohnung hinausgetrieben; stellen Sie sich das nur einmal vor: ich muß ausziehen. Dabei werden mir meine Sachen ruiniert, und was gibt es dabei für Unruhe und Arbeit! Es ist schauderhaft, daran auch nur zu denken! Acht Jahre lang habe ich ja in dieser Wohnung gewohnt. Der Hauswirt hat mir einen bösen Streich gespielt: ›Ziehen Sie aus‹, sagt er, ›ziehen Sie schleunigst aus!‹«

»Und noch dazu schleunigst! Er drängt ja sehr zur Eile; also werden Sie wohl nicht umhin können. Das ist eine sehr unangenehme Geschichte, das Umziehen; mit einem Umzuge ist immer viel Plackerei verbunden«, sagte Alexejew. »Es kommen Sachen abhanden oder werden zerbrochen. So etwas ist sehr verdrießlich! Und Sie haben eine so prächtige Wohnung . . . was bezahlen Sie denn dafür?«

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