Iwan Gontscharow - Oblomow

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Ilja Iljitsch Oblomow verkörpert mit Leib und Seele den Typus des faulen russischen Adligen und Müßiggängers. Durch seinen materiellen Stand in die Lage versetzt, Introvertiertheit und Untätigkeit zu pflegen, verbringt er seine Tage mit Nichtstun. Er liegt die meiste Zeit Mittagsschlaf haltend im Bett. Vorhaben, das väterliche Gut zu pflegen, schiebt er unablässig vor sich her, so dass dieses immer mehr verfällt. Als sein Freund Stolz, ein Deutschrusse, ihn mit der jungen Olga bekannt macht, holen ihr Intellekt und ihre Anziehung Oblomow kurzzeitig aus seiner Lethargie. Doch auch das ist nicht von Dauer. Gontscharows erfolgreichster Roman und bedeutendes Werk der russischen Literatur.

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»Wo werde ich eine andere derartige finden?« sagte Oblomow. »Und noch dazu in der Eile? Die Wohnung ist trocken und warm; im Hause geht es ruhig und ordentlich zu: nur ein einziges Mal bin ich bestohlen worden! Sehen Sie, die Zimmerdecke da sieht zwar defekt aus, der Putz ist ganz abgefallen; aber sie stürzt trotzdem nicht ein.«

»Nun sagen Sie um alles in der Welt!« sagte Alexejew, den Kopf hin und her wiegend.

»Wie läßt es sich nur einrichten, daß ich nicht auszuziehen brauche?« sagte Oblomow nachdenklich vor sich hin.

»Haben Sie die Wohnung auf Grund eines Kontraktes gemietet?« fragte Alexejew und musterte dabei mit den Augen das Zimmer von der Decke bis zum Fußboden.

»Ja; aber der im Kontrakt festgesetzte Termin ist schon überschritten; ich habe in der ganzen letzten Zeit monatweise bezahlt . . . ich erinnere mich nur nicht, seit wann.«

»Was beabsichtigen Sie denn nun?« fragte Alexejew nach einigem Stillschweigen. »Wollen Sie ausziehen oder hierbleiben?«

»Ich beabsichtige gar nichts«, erwiderte Oblomow; »ich mag überhaupt nicht daran denken. Mag Sachar etwas ausfindig machen!«

»Manche Leute lieben das Umziehen sogar«, sagte Alexejew, »und finden darin geradezu ein Vergnügen, als ob der Wohnungswechsel ein Genuß wäre . . .«

»Na, dann mögen diese ›manchen Leute‹ umziehen! Ich für meine Person bin ein Feind von Veränderungen. Und das ist noch das wenigste, die Geschichte mit der Wohnung«, fuhr Oblomow fort. »Aber sehen Sie mal, was mir mein Dorfschulze schreibt. Ich werde Ihnen den Brief gleich zeigen . . . wo ist er nur? Sachar, Sachar!«

»Ach, du Königin des Himmels!« rief Sachar in seinem Zimmer mit heiserer Stimme und sprang von der Ofenbank herab. »Wann wird mich Gott zu sich nehmen?«

Er kam herein und blickte seinen Herrn mit trüben Augen an.

»Warum hast du den Brief noch nicht gefunden?«

»Wie soll ich ihn denn finden? Weiß ich etwa, was für einen Brief Sie haben wollen? Ich kann nicht lesen.«

»Ganz egal, suche ihn!« sagte Oblomow.

»Sie selbst haben gestern Abend irgendeinen Brief gelesen«, erwiderte Sachar; »aber nachher habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

»Wo ist er denn nun?« versetzte Ilja Iljitsch ärgerlich. »Ich habe ihn doch nicht hinuntergeschluckt. Ich erinnere mich ganz genau, daß du ihn genommen und irgendwohin gelegt hast. Also sieh zu, wo er ist!«

Er schüttelte die Bettdecke: der Brief fiel aus den Falten derselben auf den Fußboden.

»Na, da haben wir es; so geben Sie mir immer die Schuld! . . .« – »Na, nun geh, geh!« schrien Oblomow und Sachar einander gleichzeitig an. Sachar ging hinaus; Oblomow aber begann den Brief vorzulesen, der mit braunem Siegellack gesiegelt und auf grauem Papier wie mit Kwaß geschrieben war. Die gewaltig großen Buchstaben zogen sich wie eine feierliche Prozession, ohne einander zu berühren, in steil abfallender Linie von der oberen Ecke zur unteren hin. Ihre Reihe wurde manchmal durch einen großen blassen Tintenklecks unterbrochen.

»Gnädiger Herr«, begann Oblomow, »Euer Wohlgeboren, unser Vater und Ernährer, Ilja Iljitsch . . .«

Hier ließ Oblomow mehrere Begrüßungsphrasen und Wünsche für sein Wohlergehen weg und fuhr aus der Mitte fort: »Ich melde Deiner herrschaftlichen Gnaden, daß auf Deinem Familiengute, Du unser Ernährer, alles in guter Ordnung ist. Seit fünf Wochen hat es nicht geregnet; wir müssen wohl den Herrgott erzürnt haben, daß er uns keinen Regen schickt. Auf eine solche Dürre können sich die ältesten Leute nicht besinnen: die Sommersaat ist wie ein Feuer verbrannt. Die Wintersaat haben an manchen Stellen die Würmer und an anderen die Frühfröste verdorben; wir haben versucht, sie zu Sommersaat umzupflügen, aber man kann nicht wissen, ob etwas Ordentliches wachsen wird. Vielleicht wird der barmherzige Gott mit Deiner herrschaftlichen Gnaden Erbarmen haben; um uns sorgen wir nicht: mögen wir immerhin verrecken. Zu Johannis sind noch drei Bauern davongegangen: Laptew, Balotschow, und für sich allein ist Waska, der Sohn des Schmiedes, davongegangen. Ich habe die Weiber weggejagt, damit sie ihre Männer zurückholen möchten; aber die Weiber sind nicht wiedergekommen, sondern leben, wie es verlautet, in Tschelki. Mein Gevatter aus Werchlowo fuhr nach Tschelki; der Verwalter hatte ihn dorthin geschickt; es hieß, es sei dort ein überseeischer Pflug angekommen, und der Verwalter hatte meinen Gevatter nach Tschelki geschickt, um sich den Pflug anzusehen. Da trug ich meinem Gevatter auf, sich nach den entlaufenen Bauern umzusehen. Dann wandte ich mich in aller Demut an den Bezirkshauptmann; der sagte zu mir: ›Reiche ein Gesuch ein; dann wird jedes Mittel zur Anwendung gebracht werden, um die Bauern nach dem Orte ihrer Ansässigkeit zurückzuschaffen‹, und weiter sagte er nichts. Ich fiel ihm zu Füßen und flehte ihn unter Tränen an; aber er schrie aus voller Kehle: ›Mach, daß du fortkommst! Ich habe dir gesagt, daß alles getan werden wird; reiche nur ein Gesuch ein!‹ Aber ein Gesuch habe ich nicht eingereicht. Es ist niemand hier, den man zur Arbeit annehmen könnte: alle sind sie nach der Wolga gegangen, zur Arbeit auf den Schiffen, – so dumm ist heutzutage hier das Volk geworden, Du unser Ernährer, Väterchen Ilja IIjitsch! Leinewand wird in diesem Jahre von uns keine auf dem Jahrmarkt sein; ich habe den Trockenraum und die Bleichkammer zugeschlossen und Sytschug angestellt, um bei Tage und bei Nacht aufzupassen; er ist ein nüchterner Mensch, und damit er nichts von dem herrschaftlichen Eigentum entwendet, passe ich auf ihn Tag und Nacht auf. Die andern sind arge Trinker und bitten darum, auf Zins gesetzt zu werden. Von den Rückständen ist wenig eingegangen; in diesem Jahre werden wir Dir, Du unser Väterchen und Wohltäter, wohl ungefähr zweitausend Rubel weniger schicken als im vorigen Jahr, vorausgesetzt, daß uns die Dürre nicht ganz und gar zugrunde richtet; sonst werden wir es Dir schicken, wovon wir Deine Gnaden benachrichtigen.«

Dann folgten Versicherungen der Ergebenheit und die Unterschrift: »Dein Dorfschulze und allerniedrigster Sklave Prokofi Wytjaguschkin hat dies eigenhändig unterschrieben.« Wegen Unkunde der Schrift war ein Kreuz hingezeichnet. »Geschrieben hat dies nach dem Diktate des Dorfschulzen sein Schwager Djomka, der Krumme.«

Oblomow blickte auf den Schluß des Briefes.

»Es steht kein Monat und kein Jahr da«, sagte er; »wahrscheinlich hat der Brief bei dem Dorfschulzen seit dem vorigen Jahre herumgelegen; darum redet er auch von Johannis und von der Dürre! Nun endlich ist es ihm eingefallen, ihn abzusenden!«

Er versank in Nachdenken.

»Nun?« fuhr er fort, »was meinen Sie dazu: er stellt mir ungefähr zweitausend Rubel weniger in Aussicht! Wieviel bleibt mir dann noch? Wieviel habe ich doch im vorigen Jahre bekommen?« fragte er, indem er Alexejew anblickte. »Habe ich es Ihnen damals nicht gesagt?«

Alexejew wandte die Augen zur Zimmerdecke und dachte nach.

»Ich muß Stolz danach fragen, wenn er kommt«, fuhr Oblomow fort; »ich glaube sieben- oder achttausend Rubel . . . es ist schlimm, wenn man sich so etwas nicht notiert! Also jetzt will er mich auf sechstausend setzen! Da kann ich ja Hungers sterben! Wovon soll ich da leben?«

»Warum regen Sie sich so auf, Ilja Iljitsch?« sagte Alexejew. »Man muß sich nie der Verzweiflung überlassen; es wird schon alles wieder gut werden.«

»Hören Sie wohl, was er schreibt? Statt mir Geld zu schicken, mich irgendwie zu trösten, bereitet er mir wie zum Hohn nur Unannehmlichkeiten! Und so macht er es jedes Jahr! Ich weiß jetzt gar nicht, wo mir der Kopf steht! Zweitausend Rubel weniger!«

»Ja, das ist ein großer Verlust«, sagte Alexejew; »zweitausend Rubel sind kein Spaß! Alexei Longinowitsch hat, wie es heißt, ebenfalls in diesem Jahre nur zwölftausend bekommen statt siebzehntausend.«

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