Iwan Gontscharow - Oblomow

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Ilja Iljitsch Oblomow verkörpert mit Leib und Seele den Typus des faulen russischen Adligen und Müßiggängers. Durch seinen materiellen Stand in die Lage versetzt, Introvertiertheit und Untätigkeit zu pflegen, verbringt er seine Tage mit Nichtstun. Er liegt die meiste Zeit Mittagsschlaf haltend im Bett. Vorhaben, das väterliche Gut zu pflegen, schiebt er unablässig vor sich her, so dass dieses immer mehr verfällt. Als sein Freund Stolz, ein Deutschrusse, ihn mit der jungen Olga bekannt macht, holen ihr Intellekt und ihre Anziehung Oblomow kurzzeitig aus seiner Lethargie. Doch auch das ist nicht von Dauer. Gontscharows erfolgreichster Roman und bedeutendes Werk der russischen Literatur.

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»Ach, wenn doch Andrei recht bald käme!« sagte Oblomow. »Der würde alles in Ordnung bringen . . .«

»Na, das ist mir auch der richtige Wohltäter!« unterbrach ihn Tarantjew. »So ein verfluchter Deutscher, so ein geriebener Schwindler! . . .«

Tarantjew hegte eine Art von instinktiver Abneigung gegen die Ausländer. In seinen Augen waren die Worte Franzose, Deutscher, Engländer gleichbedeutend mit Gauner, Betrüger, Preller oder Dieb. Er machte nicht einmal zwischen den Nationen einen Unterschied: sie waren in seinen Augen alle von gleicher Art.

»Hör' mal, Michei Andrejewitsch«, sagte Oblomow in strengem Tone, »ich möchte dich bitten, dich in deinen Ausdrücken zu mäßigen, besonders wenn es sich um einen mir so nahestehenden Menschen handelt . . .«

»Um einen dir so nahestehenden Menschen!« erwiderte Tarantjew voller Haß. »Wie ist er denn mit dir verwandt? Er ist ja doch ein Deutscher!«

»Er steht mir näher als jeder Verwandte: ich bin mit ihm zusammen aufgewachsen, bin mit ihm zusammen in die Schule gegangen und dulde keine Schmähworte über ihn . . .«

Tarantjew wurde vor Zorn dunkelrot.

»Ah, wenn du einen Deutschen mir vorziehst«, sagte er, »so setze ich keinen Fuß mehr über die Schwelle.«

Er setzte den Hut auf und ging zur Tür. Oblomow wurde augenblicklich sanfter.

»Du solltest in ihm meinen Freund achten und von ihm mit größter Vorsicht sprechen. Das ist alles, was ich verlange! Ich möchte meinen, das ist kein großer Dienst«, sagte er.

»Einen Deutschen achten?« erwiderte Tarantjew höchst verächtlich. »Wofür?«

»Ich habe es dir schon gesagt; wenigstens dafür, daß er mit mir zusammen aufgewachsen und mit mir zusammen in die Schule gegangen ist.«

»Das ist auch wohl eine große Sache! Mit wem ist man nicht alles in die Schule gegangen!«

»Wenn der hier wäre, so würde er mich schon längst von allen Sorgen und Plackereien befreit haben, ohne daß er Porter und Champagner verlangt hätte . . .« sagte Oblomow.

»Ah, du machst mir Vorwürfe! Hol' dich der Teufel mitsamt deinem Porter und deinem Champagner! Da, nimm dein Geld zurück . . . Wohin habe ich es nur gesteckt? Habe ich doch ganz vergessen, wo ich dieses verdammte Zeug gelassen habe!«

Er zog ein fettfleckiges beschriebenes Blatt Papier heraus.

»Nein, das ist es nicht . . .« sagte er. »Wo habe ich es nur? . . .« Er wühlte in seinen Taschen umher.

»Bemühe dich nicht, hole es nicht hervor!« sagte Oblomow. »Ich mache dir keinen Vorwurf; ich bitte dich nur, in anständigeren Ausdrücken von einem Manne zu sprechen, der mir nahesteht und so viel für mich getan hat.«

»Viel für dich getan!« entgegnete Tarantjew zornig. »Warte nur; er wird noch mehr für dich tun; höre du nur auf ihn!«

»Warum sagst du mir das?« fragte Oblomow.

»Weil, wenn dein Deutscher dich ausgeplündert haben wird, du wissen wirst, wie töricht es ist, einem Landsmann, einem Russen einen beliebigen Landstreicher vorzuziehen . . .«

»Höre, Michei Andrejewitsch . . .« begann Oblomow.

»Da ist nichts zu hören, ich habe schon genug gehört und genug Kränkungen von dir erduldet! Gott weiß, wieviel Beleidigungen ich ertragen habe . . . Sein Vater hat wohl in Sachsen nichts zu beißen und zu brechen gehabt, und da ist er hierher gekommen, um die Nase hochzutragen.«

»Warum störst du die Ruhe der Toten? Was hat denn der Vater Unrechtes getan?«

»Sie haben beide Unrechtes getan, der Vater und der Sohn«, erwiderte Tarantjew finster mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Nicht ohne Grund hat mir mein Vater den Rat gegeben, mich vor diesen Deutschen zu hüten, und der hatte in seinem Leben alle möglichen Menschen kennengelernt!«

»Aber warum mißfällt dir denn zum Beispiel der Vater?« fragte Ilja Iljitsch.

»Weil er in unser Gouvernement seinerzeit im September im bloßen Rocke und ohne Überschuhe gekommen ist und hier auf einmal seinem Sohne eine beträchtliche Erbschaft hinterlassen hat; wie geht das zu?«

»Er hat seinem Sohne nur ungefähr vierzigtausend Rubel hinterlassen. Einen Teil davon hat ihm seine Frau als Mitgift zugebracht, und das übrige hat er sich dadurch erworben, daß er Kinder unterrichtete und ein Gut verwaltete: dafür bezog er ein schönes Gehalt . . . Du siehst, daß der Vater nichts begangen hat. Was hat denn nun der Sohn begangen?«

»Das ist ein nettes Bürschchen! Auf einmal hat er die vierzigtausend Rubel seines Vaters in ein Kapital von dreihunderttausend Rubeln verwandelt, und in der dienstlichen Laufbahn hat er es zum Hofrat gebracht, und ein Gelehrter ist er auch . . . jetzt reist er überdies umher! Er ist ein Hans in allen Gassen! Wird etwa ein richtiger braver Russe all dergleichen tun? Ein Russe wählt sich ein einzelnes Gebiet für seine Tätigkeit aus und verfährt auch da nicht eilig, sondern langsam, bedächtig, mit Gemütsruhe; aber wie hat es der gemacht! Ja, wenn er noch zur Branntweinakzise gegangen wäre, dann könnte man es schon verstehen, wovon er reich geworden ist; aber nein, es ist ihm so zugefallen, durch Spitzbüberei! Die Geschichte ist unsauber! Ich meine, man müßte solche Leute vor Gericht stellen! Da treibt er sich nun jetzt weiß der Teufel wo umher!« fuhr Tarantjew fort. »Warum treibt er sich in fremden Ländern umher?«

»Er will lernen, alles sehen und wissen.«

»Lernen! Hat er denn noch nicht genug gelernt? Was will er denn noch mehr lernen? Er lügt; glaube ihm nicht; er betrügt dich ins Gesicht hinein, wie man ein kleines Kind betrügt. Lernen denn Erwachsene noch etwas? Das ist ja alles nur Schwindel! Wie wird denn ein Hofrat noch etwas lernen! Du hast in der Schule gelernt; aber lernst du etwa jetzt noch? Oder lernt etwa der hier noch?« (Er zeigte auf Alexejew.) »Oder lernt sein Verwandter noch? Welcher brave Mann lernt denn noch? Sitzt er etwa dort in einer deutschen Schule und lernt, was ihm aufgegeben wird? Er lügt! Ich habe gehört, er sei hingefahren, um eine Maschine anzusehen und zu bestellen: gewiß eine Presse, um russisches Geld herzustellen! Ich würde ihn ins Gefängnis setzen . . . Auch mit Aktien gibt er sich ab. Ach, diese Aktien, das ist nun erst der höhere Schwindel!«

Oblomow lachte auf.

»Was fletschst du die Zähne? Sage ich nicht die Wahrheit?« rief Tarantjew.

»Na, lassen wir das!« unterbrach ihn Ilja Iljitsch. »Geh in Gottes Namen dahin, wohin du gehen wolltest, und ich werde mit Iwan Alexejewitschs Hilfe alle diese Briefe schreiben und versuchen, meinen Reformplan so schnell wie möglich aufs Papier zu werfen; bei der Gelegenheit wird sich beides zusammen machen lassen . . .«

Tarantjew ging ins Vorzimmer, kehrte aber plötzlich wieder zurück.

»Das hatte ich ganz vergessen! Ich kam heute zu dir mit einem Anliegen«, begann er, jetzt in ganz höflichem Tone. »Ich bin morgen zu einer Hochzeit eingeladen: Rokotow verheiratet sich. Borge mir dazu deinen Frack, Landsmann; weißt du, meiner ist schon ein bißchen abgescheuert . . .«

»Aber wie geht denn das?« antwortete Oblomow, der bei dieser neuen Forderung ein finsteres Gesicht machte. »Mein Frack paßt dir nicht . . .«

»Er wird mir schon passen; warum sollte er mir nicht passen?« unterbrach ihn Tarantjew. »Erinnerst du dich: ich habe einmal deinen Rock anprobiert, und er saß, als ob er für mich gemacht wäre! Sachar, Sachar! Komm mal her, altes Rindvieh!« rief Tarantjew.

Sachar brummte wie ein Bär, kam aber nicht.

»Rufe ihn doch, Ilja Iljitsch! Was ist das von deinem Diener für ein Benehmen!« schalt Tarantjew.

»Sachar!« rief Oblomow.

»Ach, daß euch doch . . .« ertönte es aus Sachars Zimmer, zugleich mit dem Sprung der Beine von der Ofenbank.

»Nun, was wollen Sie?« fragte er, sich an Tarantjew wendend.

»Gib meinen schwarzen Frack her!« befahl Ilja Iljitsch. »Michei Andrejewitsch wird ihn anprobieren, ob er ihm paßt; er muß morgen zu einer Hochzeit . . .«

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