Vor dem Bücherregal angekommen ging ich in die Hocke und schob die literarischen Werke, die über die Zeichnungen gelegt waren, beiseite. Im ersten Moment erkannte ich das Motiv gar nicht richtig, wahrscheinlich wollten meine Augen mich vor der Überraschung und dem Entsetzen, dass mich erwartete, schützen und verschleierten meinen Blick.
Doch nachdem ich meine Sicht geschärft und die Bilder erneut betrachtet hatte, wusste ich, warum meine Augen mir solch einen Streich spielen wollten.
Es waren bestimmt zehn oder mehr Bilder gewesen, die ich alle eines nach dem anderen in die Hand nahm und betrachtete. Jedes von ihnen zeigte eine junge Frau, mit langen blonden Haaren, haselnussbraunen Augen und einem mir vertrauten Gesicht. Dieses Gesicht war mir vertrauter als jedes andere, das ich kannte. Denn es war mein Eigenes. Mein Antlitz schaute mir auf diesen Bildern entgegen. Auf jedem Einzelnen war ich zu sehen, sitzend auf einer Wiese (moment mal, diese Wiese kannte ich doch), lehnend an einem Baum und lachend, oder die Hände nach jemandem ausstreckend. Das was ich sah verwirrte mich dermaßen, dass ich wie gelähmt vor den Bildern sitzen blieb ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
Ich entdeckte Brians Unterschrift am unteren Rand der Zeichnungen und eine Datumsangabe. Doch das Erstellungsdatum der Zeichnungen lag weit vor unserem ersten Treffen. Er musste diese Kunstwerke also gemalt haben bevor wir uns das erste Mal begegnet waren.
Tausend Gedanken schossen gleichzeitig durch meinen Kopf. Wie konnte er mich zeichnen bevor er mich sah. Woher wusste er jedes Detail meines Gesichts, sogar den Leberfleck auf der rechten Wange hatte er miteinbezogen. Das konnte doch kein Zufall sein.
Ich merkte gar nicht, dass Brian den Raum mittlerweile wieder betreten hatte. Erst als er sich neben mich auf den Boden setzte und mich erwartungsvoll, ein wenig eingeschüchtert und peinlich berührt ansah und sein Geruch meine Nase füllte, sah ich auf zu ihm und registrierte, dass ich nicht mehr alleine im Zimmer war. Meine Augen waren noch immer ungläubig geweitet und mein Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
„Wieso hast du mich gezeichnet?“, flüsterte ist, noch immer geschockt von meiner Entdeckung.
Ich konnte seine Antwort nicht abwarten und stellte gleich die zweitwichtigste Frage.
„Wie konntest du ein Bild von mir zeichnen wenn du mich noch nicht mal gekannt hast?“ Ich zeigte auf das Datum auf einem der Bilder und sah ihm direkt entgegen.
Er senkte seinen Blick, sah auf die Zeichnungen und dann wieder in meine Augen.
„Ich habe dich in meinen Träumen gesehen.“
Nein, das konnte nicht sein. So etwas existierte nicht. So etwas war nicht möglich. Im realen Leben würde so etwas doch nie passieren. Ich sah abwechselnd auf die Zeichnungen und zu Brian. Ich spürte wie eine überwältigende Angst in mir aufstieg. Alles in mir zitterte und bebte. Ich sprang auf, packte meine Sachen und verließ Brians Haus. Mit schnellen Schritten rannte ich die Straße hinunter. Ich hörte wie Brian mir nachrief und die ersten paar Schritte folgte. Doch dann ließ er ab und ich verschwand hinter der Hecke unseres Gartens, hinein in die Haustüre und hinauf in mein Zimmer.
Ich warf den Rucksack in eine Ecke, schmiss mich aufs Bett, presste die Augen so fest ich konnte zusammen und sagte immer und immer wieder denselben Satz.
„Das ist nicht möglich. Das gibt es nicht. Das ist einfach nicht möglich. So etwas Verrücktes gibt es nicht.“
Ich hoffte durch das häufige Aussprechen der Worte eine Wirkung zu erzielen. Ich wünschte mir ich hätte mir das alles nur eingebildet und in Brians Zimmer waren keine Zeichnungen von mir, die er vor unserem Kennenlernen angefertigt hatte.
Tränen liefen mir das Gesicht herunter. Ich wusste nicht was ich tun sollte. Ich wusste, dass ich etwas für Brian empfand obwohl ich ihn nicht kannte. Er war mir so vertraut und alles in mir wollte bei ihm sein. Ich wusste, dass ich selbst von ihm träumte und ihn aus meinen Erinnerungen heraus gezeichnet hatte. Doch die ganze Zeit über war ich mehr oder weniger davon überzeugt, dass es sich um einen verrückten Zufall handelte. Niemals hätte ich auch nur im Entferntesten erwartet, dass Brian ebenfalls solche Träume von mir hatte.
Ich war völlig verwirrt und aufgelöst und irgendwie erschöpfte mich diese ganze Geschichte so sehr, dass ich voll angezogen und verheult in meinem Bett einnickte.
Etwas später klopfte es an meine Tür. Meine Mutter trat herein und fragte mich ob mit mir alles in Ordnung sei. Ich bejahte. Ich wollte nicht, dass sie sich unnötig Sorgen machte. Mit leiser Stimme informierte sie mich darüber, dass unten jemand auf mich warten würde. Er hätte gemeint es sei dringend und er würde mich gerne sprechen. Ich ahnte bereits wer diese Person war. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mir nachkommen würde. Mein Abgang war doch sehr unhöflich und abrupt.
Meine Angst wandelte sich in Zorn. Wie war das alles überhaupt möglich? Wie konnte so etwas nur passieren? Und vor allem, wieso tat Brian mir das alles an? Wäre er doch nur in London geblieben, dann wäre ich jetzt noch immer glücklich mit Phil zusammen und müsste mir nicht über irgendwelche verrückten Träume und deren Folgen für mein weiteres Leben Gedanken machen. Ich hätte meine nächtlichen Ausflüge in andere Welten abhaken und als kindische Fantasien ablegen können.
Ich bat Mom ihn nach oben zu schicken. Während ich auf sein Eintreffen wartete ging ich nervös von links nach rechts und versuchte mich zu sammeln. Ich musste ihn einfach zur Rede stellen. Er musste mir Antworten auf meine Fragen geben, warum wir voneinander träumten und was es mit diesem ganzen Irrsinn auf sich hatte.
Als er mein Zimmer betrat, hatte sich meine Hysterie ins Unermessliche gesteigert. Ich trat neben ihn, schloss die Tür hinter uns und dirigierte ihn zu meinem Bett. Er ließ sich darauf nieder und ich ging hinüber zu meinem Nachttisch, in dessen Lade sich noch immer meine Zeichnungen von dem Jungen aus meinem Traum befanden. Ich nahm sie und schmiss sie aufs Bett. Brian senkte seinen Blick und betrachtete die Bilder. Er erkannte sich ohne Zweifel sofort in Ihnen wieder.
Er lächelte sanft. Warum lächelte er? Es gab nichts zu lachen. Die ganze Situation war einfach nur verrückt.
„Kannst du mir das erklären?“, plusterte ich hinaus.
„Wieso habe ich dich in meinen Träumen gesehen. Wo kommt dieses Gefühl her und warum verdammt nochmal hast du mich auch gezeichnet? Was ist hier eigentlich los?“
Die letzten Worte schrie ich schon fast, so groß war meine Aufregung. Ich konnte seine Antwort kaum erwarten, mein Herz schlug so schnell, dass ich meinen Puls in den Ohren spüren konnte.
„Ich weiß es nicht.“, stammelte er.
„Ich weiß nicht warum wir uns gezeichnet haben. Und ich weiß auch nicht warum wir voneinander geträumt haben.“
Seine Worte klangen ehrlich. Enttäuscht und verzweifelt ließ ich mich neben Brian auf das Bett sinken.
Ich legte meinen Kopf in meine Hände und seufzte ein paar Mal tief und endlos lang.
Brian rutschte ein Stück näher zu mir.
„Aber ich weiß, dass ich nicht unglücklich darüber bin dich zu sehen. Und ich hatte gehofft es würde dir auch so gehen.“
Mein ganzer Körper war in Aufruhr, alles in mir rebellierte gegen die Gefühle, die ich für Brian empfand.
„Ich weiß es nicht. Du… du bringst mich so durcheinander. Ich kann an nichts anderes mehr denken als...“
Ohne dass ich den Satz beendet hatte, wusste Brian genau was ich meinte, denn er beendete ihn für mich.
„Als bei dir zu sein. Ja, mir geht es genauso.“
Ein Moment der Stille trat ein, dann meinte Brian „Ich habe das Gefühl als würden wir beide zusammengehören, als würde uns irgendetwas verbinden.“
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