Am zweiten Abend, die Bartels saßen gerade beim Abendbrot in einer Ecke des Wirtshauses, fragte sie der Wirt, nachdem er jedem einen großen Humpen Bier serviert hatte: „Wo seid Ihr eigentlich her? Ihr sprecht schon etwas anders als wir.“
„Wir kommen aus Windsheim, einer Reichsstadt zwischen Rothenburg und Nürnberg. Etwa zehn Tagesreisen südlich von hier, im Frankenland“, antwortete Christoph dem freundlichen Mann.
„Windsheim? Das habe ich doch schon mal gehört - Else!“, schrie er nach hinten, „woher kennen wir Windsheim?“
„Na einer der Studenten, der Medikus, der Große! Wie hieß er doch gleich nochmal? Der war schon einige Zeit fertig mit dem Studium, hatte nur noch keine rechte Lust zum Arbeiten“, erklärte seine Frau.
„Ach, du meinst den Stellers Georg, oder?“
„Ja, genau den!“
„Der ist doch im letzten Jahr nach St. Petersburg aufgebrochen, an die Akademie des Zaren.“
„Meint Ihr den Georg Wilhelm Steller, einen Studenten der Medizin, der Theologie und vieler anderen Wissenschaften?“, fragte Christoph nach.
„Ja, aber der ist wie gesagt kein Student mehr. Der ist schon fertig mit seinem Studium und ist nun ein Arzt“, erwiderte der Wirt, „der Meiers Friedrich, einer der Philosophiestudenten, der kennt ihn gut. Ist auch so ´n Eigenbrötler wie der Steller. Morgen am Sonntag, da kommt er gewöhnlich zum Mittag vorbei. Soll ich Euch miteinander bekannt machen?“
„Wenn sie wollen“, Christoph war nicht sehr begeistert, er kannte den Steller ja nur aus seiner Anfangszeit vor über zehn Jahren in Windsheim, da war er ihm ein paar Mal begegnet. Was wollte er nun mit diesem Meier? Aber was soll´s, war vielleicht eine kleine Abwechslung während der Warterei.
Am nächsten Tag stellte der Wirt die beiden einander vor: „Meister Bartel kommt, setzt Euch hier an den Tisch. Das ist der Student Meier, er kann Euch weiterhelfen.“
Widerwillig setzte sich Christoph.
Es wurde erfreulicherweise ein lustiger und unterhaltsamer Nachmittag, den man in der Sonne sitzend vor dem Wirtshaus gemeinsam verbrachte. Von dem Studenten der Philosophie und Theologie erfuhr der Schneidermeister, dass von den Abgesandten des Zaren immer noch Wissenschaftler aller Fachrichtungen und auch Handwerker zur Erkundung des großen russischen Reiches gesucht wurden. Auch Steller versuchte dort sein Glück.
„Wäre das nicht etwas für uns?“, fragte Anna Maria ihren Mann, „Wir bräuchten dann nicht über das große Meer.“
Im Grunde war das die größte Angst der Windsheimerin, das durfte sie sich aber nicht anmerken lassen, denn ihr Mann zeigte dafür kein Verständnis.
„Fahrt nach Leipzig, dort ist die Gesandtschaft. Zahlen sollen die auch recht gut. Viele Studenten von hier sind schon in deren Dienste getreten“, riet Meier ihnen.
„Das müssen wir noch einmal in Ruhe besprechen. Habt jedenfalls vielen Dank. Sollten wir nächsten Sonntag immer noch hier sein, junger Freund, so seid Ihr gerne zum Mittagessen eingeladen“, damit verabschiedete sich Christoph.
Später am Abend drängte Anna Maria ihren Mann: „Nun sag doch schon was! Was hältst du davon? Gehen wir nach Russland! Neu anfangen wolltest du doch, warum nicht im Osten statt im Westen? Seit der Zarin Katharina sprechen doch viele Russen auch deutsch.“
„Ich weiß nicht. Amerika soll das Land der Freiheit sein. Dort in Russland herrscht genauso der Adel wie bei uns. Aber wenn du meinst, können wir uns ja in Leipzig bei der Gesandtschaft erkundigen.“
Die Zarin Anna Iwanowna setzte die wissenschaftlichen Forschungen ihres vor drei Jahren gestorbenen Onkels, Zar Peter, fort. Sie sei als eine Freundin der Deutschen bekannt, hatten ihm Meier und seine Kommilitonen erzählt. „Vielleicht kann ich dort mein neues Glück versuchen. Forschungsreisen - so richtig vorstellen, was das ist, kann ich mir nicht”, meinte Christoph zu seiner Frau, als er das Licht ausblies, „schlaf jetzt, morgen wird ein harter Tag.“
Lange noch blieb Christoph in dieser Nacht wach liegen und grübelte vor sich hin. Vielleicht kam er dort, in den Weiten des russischen Reiches, zur Ruhe?
Hoch über dem Tal des Fiume Ladro thronte majestätisch auf einem senkrecht aufragenden Felsvorsprung der Landsitz des Conte Paolo Alessandro de Cardinali. Das Adelsgeschlecht der Cardinali reichte zurück bis weit vor Kaiser Friedrich, der seinen Hauptwohnsitz in Palermo hatte. In den zurückliegenden Jahrhunderten hatte es die Familie zu Ruhm und Reichtum gebracht. Der Vater des jetzigen Conte hatte allerdings fast alles verspielt, sodass die Familie zwar noch einige Palazzi, Fattorie und den Hauptwohnsitz auf der Piazza di Duomo in Siracusa hatte, politische Macht und Vermögen aber waren verschwunden.
Wenn die Hitze im Sommer in der großen Stadt unerträglich wurde, entflohen sie in die vor einigen Jahren neu errichtete Villa in der Campagna. Die angeschlossene Fattoria sorgte für den nötigen Unterhalt und machte das Landleben für die Herrschaften recht angenehm.
Obwohl er schon zehn Jahre alt war, hatte Tommaso noch nicht mal seine Erstkommunion erhalten. Aber der Monsignore Alfredo, der ab und zu einmal aus Palazzolo Acreide herüberkam, übersah ihn immer, weil er so zierlich und klein war - selbst für einen Sizilianer.
„Für dich hat es nicht mehr ganz gereicht“, meinte Mutter immer scherzhaft. Alle seine Geschwister waren für sizilianische Verhältnisse ziemlich groß. Er gab die Hoffnung nicht auf, dass auch er noch etwas wachsen würde. Sehnsüchtig schaut er nach oben zum Palazzo.
„Der ist bestimmt so hoch oben wie die Kirchturmspitze vom Dom in Palazzolo Acreide“, vermutete seine Mutter.
Er wusste nicht, wie hoch der war, denn er war noch nie aus dem kleinen Tal herausgekommen, allerhöchstens bis zu Giovanni, dem alten Schweinehirten vorne am Berg. Von dort konnte man weit in der Ferne die Stadt schimmern sehen, zu Fuß etwa eine Tagesreise hin und zurück.
„So möchte ich auch einmal wohnen oder wenigstens da oben arbeiten“, träumte Tommaso. Aber das hatte ja noch ein wenig Zeit. Er hoffte noch immer, die Schule besuchen zu dürfen. Das Wenige, das ihm bisher seine Mutter beigebracht hatte, reichte ihm nicht. Er wollte mehr wissen. Aber seine Eltern konnten es sich nicht leisten, den Jüngsten nun auch noch zur Schule zu schicken. Bei Zia Giovanna, einer Schwester seines Vaters, die in der kleinen Stadt am Ende des Tales wohnte, waren schon drei Kinder der Casserinos untergebracht. Und mehr passten in das Häuschen einfach nicht hinein. Sehnsüchtig wartete Tommaso darauf, dass am Samstagabend seine Geschwister heimkamen und ihm von der Schule berichteten.
“Bitte, bitte erzählt! Was hat der Lehrer euch erklärt?“, bettelte er.
Francesco, sein ältester Bruder, meinte genervt: „Jetzt sei endlich ruhig, ich bin froh, wenn ich nichts mehr von der Schule höre. Ich freue mich schon auf den Sonntagnachmittag, wenn ich wieder in der Stadt bin, dann muss ich mir nicht mehr deine ständige Fragerei anhören.“
Die Frauen der Landarbeiter, die auf ihrem Weg zu den Feldern oft bei ihnen vorbeikamen, wuschelten ihm immer durch seine tiefschwarzen Locken und küssten ihn auf beide Wangen. Dabei kreischten sie: „Ach was für ein süßer kleiner Kerl.“ Er zog seine Stirn in Falten und versuchte, mit seinen schwarzen Kulleraugen so finster wie möglich drein zu schauen. Dieses Getue konnte er überhaupt nicht ausstehen. Natürlich hatte das aber auch sein Gutes, die Frauen steckten ihm immer etwas Süßes zu. Wenn er sie jedoch rechtzeitig kommen sah, suchte er schleunigst das Weite.
Die Casserinos, das heißt seine Eltern und seine zehn älteren Geschwister, wohnten in den Grotten am Fuße des hohen Schlossfelsen. Dabei hatten sie es bei Weitem noch besser als die einfachen Landarbeiter. Als Ziegenhirte war sein Vater für eine vielhundertköpfige Herde verantwortlich, seine Mutter betreute die Imkerei.
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