„Okay“, sagte Tante Claire schließlich erzwungen enthusiastisch. „Bereit, ins Haus zu gehen und dein neues Leben zu starten?“
„Klar“, erwiderte ich, auch wenn es das Letzte war, was ich wollte. War ja nicht so, als wenn ich eine Wahl hätte. Es war entweder Tante Claire oder das System. Ich hatte kein Verlangen, im System zu landen. Ich wusste, wie viele Kids von ihren Pflegeeltern misshandelt oder missbraucht wurden. Davon hatte ich genug. Nein, danke. Da nahm ich es lieber mit meiner zickigen Cousine auf.
Kent
„Sooo – du hastsie nicht gesehen, seit ihr – was? – fünf gewesen wart?“, fragte Nate, Beth einen irritierten Blick zu werfend.
„Jupp. Dann verschwanden sie und ihre Hure von einer Mutter. Gott sei Dank! Wenn sie doch nur für immer verschwunden wäre.“
„Was genau hast du eigentlich gegen sie? – Ich meine – ihr wart fünf, verdammt noch mal. Was für Probleme können Fünfjährige haben? Hat sie dich bei den Haaren gezogen oder was?“, warf ich ein.
Seit Beth erfahren hatte, dass ihre Cousine bei ihnen einziehen würde, war sie voll aufgeladen. Ich verstand das Problem echt nicht. Was immer zwischen den beiden damals vorgefallen war, war Kinderkram. Wortwörtlich. Vielleicht war diese Abigail jetzt ganz in Ordnung?
„Kent hat recht, Baby. Warte doch erst einmal ab, wie sie ist. Vielleicht ist sie cool.“
Beth sah Nate vorwurfsvoll an und ich konnte an ihren Augen sehen, dass sie dabei war, das Wasserwerk anzuschmeißen. Beth war eine Dramaqueen. Typische Queen B. Zickig, hohl und manipulativ. Ich hatte echt keine Ahnung, was Nate in ihr sah. Sicher, sie war heiß. Blonde Locken, hübsches Gesicht, volle Lippen und Kurven ohne Ende. Doch innerlich war da Nada. Kein Hirn und kein Herz. Ehrlich gesagt war sie es nicht einmal wert, meinen Schwanz in eines ihrer Löcher zu stecken. Sie hatte es mit der halben Schule getrieben. Nämlich der männlichen Hälfte. Inklusive der Lehrer. Ich war wohl einer der wenigen, die ihr Ding noch nicht in sie gesteckt hatten. Und das war auch gut so. Allein der Gedanke verursachte mir Übelkeit. Nicht, dass ich was gegen lockere Mädels hatte, doch sie mussten zumindest etwas Klasse haben.
„Sie ist noch nicht einmal hier, und schon bist du auf ihrer Seite“, schniefte Beth dramatisch und ich rollte mit den Augen.
„Und hier geht’s los“, murmelte ich, mich im Sessel zurücklehnend, um das Drama, welches sich vor mir entfaltete, zu verfolgen.
„Ich bin nicht auf ihrer Seite. Sei nicht immer gleich so dramatisch“, wandte Nate halb genervt, halb verzweifelt, ein. „Ich hab lediglich gesagt, dass sie vielleicht gar nicht so schlimm ist, wie du dir ausmalst. Vielleicht werdet ihr Besties.“
„Diese Schlange und ICH? BESTIES?“, kreischte Beth.
„Kann ich Popcorn haben?“, rief ich den beiden zu. „Dass ich die Drama-Show besser genießen kann?“
Beth schenkte mir einen mörderischen Blick, während Nate mir einen Hilf-mir-Bro-Blick zuwarf. Ich zuckte mit den Schultern. Beth war ganz allein sein Problem. Ein Problem, das ich froh war, nicht zu haben. Wenn ich jemals in die Beziehungsfalle tappen sollte, dann mit einem Mädel, das neben dem obligatorischen TMA (Titten, Möse, Arsch) auch das Doppel H (Herz und Hirn) hatte. Nicht, dass mir Miss Perfekt bis jetzt über den Weg gelaufen wäre. Jedes Mädel unserer Schule, die halbwegs ansprechend aussah, war wie Beth. Und wenn nicht, dann war sie schon vergeben. Ich weiß, ich weiß. Ich sollte nicht auf Äußerlichkeiten gucken, doch war es so falsch, dass ich die Frau, mit der ich zusammen war, wenigstens attraktiv genug finden wollte, dass ich nicht gezwungen war, ihr den Rock über den Kopf zu ziehen, um einen hochzukriegen? Das Drama, welches sich vor mir entfaltete, kam zu einem abrupten Ende, als ein Wagen auf die mit Kies bedeckte Auffahrt fuhr. Beth wischte sich ihre Krokodilstränen aus den Augen und richtete ihr Aussehen. Die Braut war eine Schauspielerin par excellence, das musste ich ihr zugestehen. So wie ihre falschen Tränen von zuvor. Ich wusste, sobald ihre Mom die Haustür öffnete, würde Beth der blonde Engel sein, dessen Herz aus nichts als Gold bestand. Das war einer der Gründe, warum ich die Frau nicht ausstehen konnte. Sie war Fake. Innen und Außen. Ihre Persönlichkeit so Plastik wie ihre Titten und ihre Fingernägel.
„Wir sind daaaa!“, rief Mrs Duncan.
„Wir sind in der Lounge“, erwiderte Beth mit gespielter Fröhlichkeit.
Wenig später näherten sich Schritte und Mrs Duncan kam in den Raum. Hinter ihr ein Mädchen, welches sich halb hinter ihrer Tante versteckt hielt. Mrs Duncan wandte sich zu dem Mädchen um und fasste sie bei der Hand, um sie in den Raum zu ziehen. Mein Herz schien für eine Sekunde auszusetzen. Abigail Baker, Beth’ Cousine, war das schönste Wesen, das ich jemals zu Gesicht bekommen hatte. Und sie gab sich nicht einmal Mühe. Sie trug abgewetzte Jeans, schwarze Chucks und ein langärmeliges T-Shirt. Ihre schwarzen, langen Haare hingen ihr bis zu den Hüften hinab. Sie war kleiner als Beth. Zierlich.
„Oh mein Gott!“, rief Beth theatralisch, die Hände zusammen klatschend. „Ich hätte dich gar nicht wieder erkannt, Abby. Wenn Mom sagte, dass du kommen würdest, dann hab ich mir dieses fette Mädchen vorgestellt...“
„Bethany!“, unterbrach ihre Mom sie scharf.
„Was?“, erwiderte Beth unschuldig. „Das war ein Kompliment. Sie war so fett als Kind und jetzt ist sie so dünn wie...“
„Das ist genug, Baby“, mischte sich Nate ein, Beth auf seinen Schoß ziehend. „Hey, Abby. Nett, dich kennenzulernen.“
Beth lächelte, doch ich konnte die Wut in ihren Augen sehen. Erst unterbrach Nate sie und dann grüßte er das Mädchen, welches sie offenbar als ihre Erzrivalin auserkoren hatte. Und sie war eifersüchtig, denn auch sie musste sehen, dass ihre Cousine umwerfend aussah.
Abby
Jede Hoffnung, dassBethany sich geändert haben könnte, zerplatzte wie eine Seifenblase. Sie war noch genau wie damals. Nach außen zuckersüß, innen giftig wie eine Natter. Der Typ, der offenbar ihr Freund war, ließ seinen Blick über mich gleiten, und ich sah das Interesse in seinem Blick aufblitzen. Noch ein Grund mehr für Bethany, mich zu hassen. Auch wenn ich null Interesse daran hatte, ihr ihren Freund auszuspannen, so war sein offensichtliches Interesse bereits genug, um eine Zielscheibe auf meine Brust zu malen. Mein Blick ging zu dem anderen Typen, der in dem Sessel auf der anderen Seite der Sitzecke saß. Sein dunkler Blick war auf mich geheftet und für einen Moment fühlte ich mich, als wenn jemand den Boden unter meinen Füßen weggezogen hätte. Er war attraktiv, wie Beth’ Freund, doch er hatte eine lässige Unordnung an sich, mit seinen etwas zu langen Ponyfransen, die ihm beinahe in die Augen hingen und dem Dreitagebart, der wahrscheinlich eher ein Fünftagebart war. Schmetterlinge flatterten in meinem Bauch, als er seine Unterlippe zwischen seine weißen Zähne zog. Ich war froh, als Tante Claire mich aus meiner Starre riss.
„Setz dich doch, Abby. Beth kann uns etwas zu trinken holen.“
Sie sah ihre Tochter an, die sich große Mühe gab, ihre Eifersucht nicht zu zeigen. Sie lächelte so krampfhaft, dass ich befürchtete, sie würde sich einen Muskel im Gesicht ausrenken.
„Aber natürlich. Ich hätte daran denken sollen, Erfrischungen vorzubereiten, um die arme Abby ordentlich willkommen zu heißen. Ich meine, nach allem was sie...“
„Danke, Beth!“, unterbrach Tante Claire, ehe Beth ihren Satz vollenden konnte.
Ich folgte meiner Tante zu der Sitzecke, auch wenn ich nichts lieber getan hätte, als auf dem Absatz kehrt zu machen und aus dem Haus zu stürmen. Ich wollte nicht hier sein. Ich wollte zurück nach L.A. Ich wollte, dass Mom lebte und dass sie mir ihre spezielle Limonade machte und mir sagte, dass alles okay wäre. Meine Augen wässerten. Ich spürte, wie die dunklen Wolken in meinem Inneren sich mehr und mehr zu zogen. Die Narben an meinen Armen und Innenseiten meiner Oberschenkel juckten. Der Drang, eine Rasierklinge in die Hand zu nehmen und eine weitere Narbe hinzuzufügen, wurde beinahe unerträglich. Ich hatte es die letzten drei Wochen geschafft, mich nicht zu schneiden, doch ich spürte, wie die Taubheit, die mich seit Moms Tod ergriffen hatte, sich langsam auflöste und ohne die Taubheit kam die Dunkelheit zurück. Meine Hände zitterten, als ich mich in einen freien Sessel setzte und ich grub meine Finger in das Sitzpolster rechts und links von mir, um das Zittern zu verbergen. Jetzt, wo Beth aus dem Raum war, gab sich ihr Freund nicht einmal mehr die Mühe, sein offenkundiges Interesse zu verbergen. Die Einzige, die es nicht zu bemerken schien, war Tante Claire. Sie hatte sich neben mich auf einen weiteren Sessel gesetzt und strich mir sanft den Arm auf und ab.
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