„Das ist genug fürs Erste“, sagte die Ärztin, nahm den Becher fort und reichte ihn der zweiten Person, die jetzt näher getreten war. Es war eine Krankenschwester. Die Schwester stellte den Becher auf einen Nachtschrank und fummelte dann an meinem Bett, bis sich das Kopfende langsam hob. Sie stoppte, als ich halb aufrecht saß.
„Besser, Sweetheart?“, fragte sie und ich nickte.
Mein Blick ging zurück zu der Ärztin.
„Ich bin Dr. Walder. Deine behandelnde Ärztin“, sagte sie, mich freundlich anlächelnd. „Weißt du, warum du hier bist?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Es ist normal, wenn du noch etwas verwirrt bist. Das wird sich langsam legen. Du wurdest mit aufgeschnittenen Pulsadern eingeliefert. Du hast sehr viel Blut verloren, Abigail. Bei deiner Behandlung haben wir festgestellt, dass es nicht das erste Mal war. Und wir haben auch die anderen Schnitte bemerkt. Deine Tante hat uns eine kurze Zusammenfassung deiner Umstände gegeben und ich denke, dass du für eine Weile in eine professionelle Einrichtung gehen solltest, wo dir geholfen werden kann.“
Mein Herz raste. Ich hatte versucht, mich umzubringen. Ja, die Ärztin hatte recht. Es war nicht das erste Mal gewesen. Die Erinnerung, was dazu geführt hatte, dass ich mir zum zweiten Mal die Pulsadern aufgeschnitten hatte, kamen langsam zurück. Dr. Walder nahm meine Hand und drückte sie leicht. Ihre Worte schwammen in meinem Kopf herum. Was meine sie mit professioneller Einrichtung? Wollte sie mich in ein Irrenhaus stecken? – Ohne mich! Ich sah sie eindringlich an und schüttelte wild den Kopf.
„Nach einem versuchten Selbstmord ist psychologische Betreuung zwingend vorgeschrieben. Normal würde dies bedeuten, dass du mehrere Sitzungen mit einem unserer Hauspsychologen hast. Doch in deinem Fall denke ich, dass mehr erforderlich ist als nur ein paar Sitzungen.“ Sie sah mich aus sanften braunen Augen an. „Du brauchst Hilfe, Honey.“
Tränen rannen aus meinen Augen, als ich den Kopf heftiger schüttelte. Ich wollte mit niemandem über diese Dinge sprechen. Erst recht wollte ich nicht in eine verdammte Klapse, wo sie mich wahrscheinlich mit Drogen vollpumpen würden. Wer wusste schon, ob sie mich jemals wieder gehen lassen würden? Ich kannte ein paar Leute, die das nur allzu gerne sehen würden. Bethany, die verdammte Schlange. Selbst meine Tante würde sich wahrscheinlich freuen, mich los zu sein. Und dann war da noch... Mein Herz krampfte sich zusammen. Kent. Sein Verrat schmerzte am meisten. Ich hätte ihm niemals vertrauen dürfen. Nicht nach allem, was er mir bereits angetan hatte. Wie hatte ich nur so dämlich sein können? So verdammt naiv? Ich schloss die Augen, als der Schmerz mich übermannte. Mein ganzer Körper bebte, als ich heftig schluchzte. Ich hörte die Stimmen von Dr. Walder und der Schwester im Hintergrund, doch die Bedeutung ihrer Worte erreichte mich nicht. Ich spürte einen Stich in meinem Arm und ein leichtes Brennen, doch auch das sank nicht wirklich ein. Ich war zu sehr darauf konzentriert wie der Schmerz, der mich dazu geführt hatte, mir die Pulsadern aufzuschneiden, mit doppelter Wucht zurückkam.
Kapitel 1
Abby
Schweigend starrte ichaus dem Seitenfenster auf die vorbei ziehenden Häuser. Das letzte Mal, dass ich hier in Sinners Field gewesen war, war vor elf Jahren gewesen. Nach Dads Tod war Mom mit mir nach L.A. gezogen. Ich kann mich nur wenig an meine Kindheit in Sinners Field erinnern, doch der Ort musste erheblich gewachsen sein. Die Häuser, an denen wir vorbei fuhren, waren alle neu. Auch die Gebäude entlang der Hauptstraße hatten sich verändert. Einige mussten um die eine oder andere Etage erweitert worden sein. Andere Häuser waren offenbar abgerissen und durch neue Gebäude ersetzt worden. Der Ort hatte jetzt sogar seine eigene High School. Sinners High. Mir wurde ganz schlecht bei dem Gedanken, dass ich am Montag in der neuen Schule anfangen würde. Ich war nicht gerade der Typ, der Freunde machte. Ich brauchte niemanden. Ich war ganz okay damit, allein zu sein. Doch in einem Ort wie Sinners Field war ein neues Gesicht wahrscheinlich eine Sensation und die Aasgeier würden sicher über mich her fallen.
„Du wirst dich schnell einleben“, sagte Tante Claire in dem wohl hundertsten Versuch, eine Unterhaltung mit mir anzufangen.
„Hmpf“, erwiderte ich.
„Bethany ist ja im selben Alter wie du. Sie kann dir helfen, dich auf der neuen Schule zurechtzufinden.“
Bethany. Meine Cousine. Ich hatte nur vage Erinnerungen an Bethany aus unserer Kindheit, doch ich wusste, dass ich sie damals nicht leiden konnte. Sie war eine kleine Hexe gewesen. Sie hatte mich schikaniert, doch nie vor Zeugen. Für alle anderen war sie der perfekte Engel. Niemand hatte mir damals geglaubt. Ich fragte mich, ob sie sich geändert hatte. Sollte ich zu hoffen wagen, dass die Zicke plötzlich nett sein würde? Ich seufzte leise. Irgendwie bezweifelte ich das. Ich konnte mich wahrscheinlich darauf einstellen, dass sie schlimmer war denn je.
„Hier sind wir schon“, sagte Tante Claire und lenkte den SUV auf die Auffahrt. „Dein neues Zuhause.“
Ich starrte auf das dreigeschossige Monster von einem Haus. Ja, ich erinnerte mich. Ich hatte das Haus gehasst. Es gab so viele dunkle Winkel in diesem verdammten Gebäude. Als Kind hatte ich mir eingebildet, dass es hier spuken würde, doch wahrscheinlich hieß der Poltergeist meiner Kindheit Bethany. Für den größten Teil waren die Erinnerungen an meine Kindheit verschwommen. Man sollte meinen, dass ich bereits in einem Alter gewesen war, indem sich meine Erinnerungen besser ausgebildet haben sollten. Doch das meiste aus meiner Zeit vor Daddys Tod war unerreichbar. Ich konnte mich nicht einmal an meinen Dad erinnern. Mom hatte keine Bilder von ihm gehabt. Sie hatte mir gesagt, dass sie alle Bilder vernichtet hatte, weil die Erinnerungen zu schmerzhaft waren. Manchmal hatte ich das nagende Gefühl, dass ich etwas Wichtiges vergessen hatte. Dass meine Vergangenheit ein Puzzle war, von dem die meisten Teile fehlten. Seit ich zurückdenken konnte, war ich ein stilles, zurückhaltendes Kind gewesen. Ich litt von Kindheit an unter Albträumen. Meine Mom hatte mich für eine Weile zu einem Psychiater geschickt, doch das hatte nichts geholfen. Im Alter von dreizehn Jahren verschwanden die Albträume für ganze zwei Jahre. Bis zu dem Tag, an dem... Ich schloss die Augen, als die Erinnerungen auf mich einpressten. Nein! Ich wollte nicht daran denken. Alles, nur das nicht. Mein Blick fiel auf meine Hand, die sich um den Türgriff klammerte, dann langsam aufwärts über meinen Arm, der mit einem Ärmel bedeckt war. Ich zeigte niemandem, was unter dem Ärmel lag. Ich trug stets langärmelige Kleidung. Selbst beim Sport. Die Narben waren mein.
„Abby?“, riss mich Tante Claires Stimme aus meinen Gedanken. „Ist alles okay, Sweetheart?“
Ich riss meinen Blick von meinem Arm fort und sah meine Tante an. Ihre braunen Augen musterten mich besorgt. Die arme Frau wusste nicht, was für eine Bürde sie sich aufgeladen hatte, als sie zustimmte, mich aufzunehmen. Ich war ein Fiasko. Gestört. Eine Katastrophe. Ich war ein Wrack.
„Alles okay. Ich... ich hab nur gerade an Mom gedacht“, sagte ich.
Mitgefühl schien warm in ihren Augen, die plötzlich ein wenig feucht zu sein schienen. Sie streckte eine Hand aus und legte sie auf mein Knie, drückte leicht.
„Es tut mir so leid, Sweetheart. Deine Mom war ein Engel. Sie und Dan waren wie Tag und Nacht.“
Dan. Mein Onkel. Er erinnerte mich kaum an ihn, doch ich wusste, dass er sich zwei Jahre nach Dads Tod erhängt hatte. Warum, wusste ich nicht. Niemand hatte mir jemals irgendwelche Details verraten. Meine ganze Familiengeschichte war im Großen und Ganzen ein einziges Mysterium.
Читать дальше