„Na aber min Deern, meinst nicht, dass Du diese Arbeit ganz getrost der Polizei überlassen kannst? Die sind doch für so was mit all ihrer Technik und den vielen Computern bestens gerüstet.“ Konterte Henning, der mit diesem Satz einmal mehr unter Beweis stellte, wie sehr er allen Fortschritt hasst. Nicht umsonst flickt er nach wie vor alles selber zusammen, von seinen Netzen bis hin zu seinem über alles geliebten Boot. Welches er von seinem Großvater geerbt hatte. Er machte überhaupt noch alles wie zu Grußvaters Zeiten und der alte Seebär war stolz darauf. Den Großteil seines, nun mittlerweile schon fast sechzig Jahre dauernden Lebens hatte er auf dem Meer verbracht, auf seinem Kutter, wie schon sein Vater und dessen Vater vor ihm. Und wehe dem, einer der Touristen ließ eine abfällige Bemerkung über sein Boot fallen, dann brach eine plattdeutsche Schimpftirade über ihn herein, die niemand verstand, die aber letztlich besagte, dass eben jener Kutter schon seinem Vater und seinem Großvater treue Dienste geleistet hatte und wenn eben jener Kutter untergehen sollte, dann würde er, Henning Fischer, er hieß wirklich so, mit stolz geschwollener Brust zusammen mit seinem Kutter in die ewigen Meeresgründe eintauchen.
Tamara hatte ihn einmal nach der Bedeutung dieser plattdeutschen Schimpferei gefragt und dies lange bereut, denn die Antwort folgte auf dem Fuße in Form eines langen Vortages über Treue, Traditionen und Pflichtbewusstsein. Der alte Henning ließ sich seinerzeit lang und breit darüber aus, dass die jungen Leute heute ja überhaupt keine Ahnung vom Leben hätten, nichts und niemanden zu schätzen wussten und ihnen schon gar nicht bewusst war, wie schön doch ihr sorgloses Leben war, in dem ihnen nahezu alle Sorgen abgenommen wurden. Und dann erzählte er von seiner eigenen Kindheit, von der seines Großvaters und diesem Teil des Vortrages lauschte Tamara andächtig und aufmerksam und zog sich hier und da ein passendes Detail für ihre ersten großen Romanfiguren heraus.
Mittlerweile war es lichter Vormittag, die Sonne brannte erbarmungslos hernieder und man war im Grunde genommen kein Stück weiter gekommen. Der Tee war leer, die Flasche Rum hatte Einiges an Inhalt einbüßen müssen und so machten sich die Männer langsam wieder auf den Weg, nun jedoch wesentlich besser gelaunt, als sie gekommen waren.
Tamara stand auf der Terrasse und blickte ihnen noch lange nach, tief in Gedanken versunken. Wie es wohl war wenn sie bald ihren Frauen erklären mussten, wenn es die nächsten Tage vielleicht kein Geld geben würde, alles noch einmal erzählen zu müssen. Sie stellte es sich grausam vor und so zwang sie sich nach einer gefühlten Ewigkeit, wieder zu ihrem Tagesablauf zurück zu kehren.
So räumte sie denn das Teegeschirr in die Küche und fütterte die Katze, die jeden Vormittag vor ihrer Haustür auftauchte und erbärmlichst nach Futter bettelte. Niemand wusste, wo sie herkam und eigentlich war es Tamara auch egal. Sie stellte ihr jeden Vormittag eine Schüssel mit Futter und eine Schüssel mit Milch vor die Tür, was ihr die Katze damit dankte, dass sie ihr zärtlich um die Füße strich und laut zu schnurren begann. Tamara liebte dieses Ritual, die Katze war vor zwei Jahren plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht, kurz nachdem sie sich dieses Häuschen gekauft hatte.
Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken zurück zu jener Zeit, in der sie vor lauter Verzweiflung nicht wusste, was sie tun sollte. Sie hatte ihre Eltern kurz zuvor bei einem Autounfall verloren. Ihr selber war so gut wie nichts passiert, doch ihre Eltern waren auf der Stelle tot. Ihr Vater hatte versucht, einem entgegenkommenden LKW auszuweichen, war gegen einen Baum gefahren und beide waren sofort tot. Tamara wurde aus dem Auto geschleudert und kam mit Rippenprellungen und einer mittelschweren Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Henning, der alte Seebär war damals als erster an der Unfallstelle und hatte sich liebevoll um sie gekümmert, hatte ihre Hand gehalten, bis der Krankenwagen da war und auch noch während der ganzen Fahrt ins Krankenhaus. Erst als man Tamara in das Untersuchungszimmer schob, ließ er sie los, doch wartete er geduldig auf dem Flur vor dem Zimmer, bis man ihm Auskunft über ihr Befinden gab.
Anfänglich dachten noch alle Ärzte und Pfleger, Henning wäre ein Verwandter von ihr, erst einige Tage später stellte sich heraus, dass er die junge Frau gar nicht kannte und eigentlich nur Unfallhelfer war. Doch der alte Henning war der Einzige, der während der fünf Tage Krankenhausaufenthalt stets an ihrer Seite stand, der ihre Hand hielt und sie tröstete, als die Ärzte ihr schonend beizubringen versuchten, dass ihre Eltern den Unfall nicht überlebt hatten. Als sich nun herausstellte, dass die junge Frau niemanden mehr hatte, zögerte der alte Fischer nicht lange und nahm sie bei sich auf. Später stellte sich heraus, dass seine Frau und er mal eine Tochter hatten, die wenige Wochen nach der Geburt verstorben war und nun in etwa das Alter von Tamara hätte.
Seit der Zeit war Tamara also ein fester Bestandteil der kleinen Fischerfamilie und auch Mechthild, die Frau des Fischers, war eine überaus reizende Frau, die Tamara sofort in ihr Herz schloss. Und backen konnte die Frau, das war einfach überirdisch. Naja und so kam Tamara damals nach Boiensdorf. Aufgewachsen war sie eigentlich in Wismar, dort hatten ihre Eltern in Wendorf ein kleines Häuschen, direkt am Strand. Das schlimme für die junge Frau war immer nur die Tatsache, dass sie damals gerade auf dem Weg nach Boiensdorf waren, Tamara liebte diesen Strand schon seit ihrer frühen Kindheit, weil ihr Vater mal ein Boot hier liegen hatte und die kleine Tamara schon früh mit auf das Wasser hinaus nahm. So machte sie sich ewig lange Vorwürfe, weil sie genau an jenem Tag lang und breit drauf bestanden hatte, dass sie hier her fahren. Sie hatte im Büro extra früher Schluss gemacht und niemand hätte zu dem Zeitpunkt auch nur im Entferntesten daran gedacht, welche Wendung ihr Leben nehmen würde, geschweige denn, dass die gelernte Steuerfachangestellte, die in ihrem Job hervorragende Arbeit leistete und gutes Geld verdiente, alles hinschmeißen würde um Bücher zu schreiben. So verkaufte sie das Häuschen ihrer Eltern und kaufte sich das kleine, schnuckelige Fischerhaus, das einst der Großvater von Henning erbaut hatte, jedoch nur kurze Zeit darin gewohnt hatte, da es für die Kinder zu eng wurde. Sowohl der alte Henning als auch sein Vater hatten das kleine Haus über all die vielen Jahrzehnte immer gute gepflegt und instand gehalten, sodass Tamara bereits nach einigen kleineren Renovierungsarbeiten einziehen konnte. Das alles war jetzt knapp zweieinhalb Jahre her und mit dem Geld, was ihr aus dem Verkauf ihres Elternhauses bleib und der Erbschaft konnte sie sich lange genug über Wasser halten, bis sie sich auf Hennings und Mechthilds Drängen hin ihren ersten Roman schrieb. Sie fand schnell einen Verlag, der sie unter Vertrag nahm und alle freuten sich riesig, als gleich ihr erstes Buch ein durchschlagender Erfolg wurde und direkt auf den Bestsellerlisten landete. Diesem folgten zunächst eine Kurzgeschichtensammlung und ein Gedichtband, beide wurden ebenfalls mit großem Erfolg verlegt.
Ja und so hatte diese junge Frau, die nach dem Tod ihrer Eltern nicht mehr daran glaubte, weiterleben zu können, hier draußen in einem kleinen Fischerdorf an der Ostsee eine neue Familie gefunden und war endlich wieder glücklich.
Fleißig schrieb sie ein Buch nach dem anderen, was ihr inmitten dieser inspirierenden Umgebung so leicht fiel wie das Fahrrad fahren.
Während Tamara nun also der Katze beim fressen zusah und dabei ihren Gedanken nachhing, beschloss sie, sich auf die Suche zu machen. Auf die Suche nach der Identität der Toten und auf die Spur ihres Todes. Sie wollte Henning helfen, denn sie wusste, dass dieser auf sein Boot angewiesen ist, ebenso wie seine drei Männer. Sie wusste auch, dass die Polizei sein Boot so lange beschlagnahmen würde, bis der Fall abschließend geklärt werden konnte.
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