„Kind, aber da steht die Antwort doch bereits in Zeile vier, hast du das denn nicht gelesen?“
„Ach so, das hätte man nachlesen dürfen? Im Text nachlesen, das ist ja geschummelt, das kann ja jeder.“
Manche Kinder sind so grundehrlich, die glauben, man müsse den Text überfliegen, ihn sich gleich auswendig merken, die Fragen zum Inhalt beantworten und dürfe da nicht mehr hinschauen.
Man muss fairerweise zugeben, dass die Frau Herzig ihre Schüler mit Lernzielkontrollen rein gar nicht stresst. Im Gegenteil, sie macht überhaupt keinen Druck. Die Julia merkte anfangs gar nicht, wenn ein Test geschrieben wurde, weil sie das Wort Lernzielkontrolle nicht lesen konnte. Sie dachte das sei ein Arbeitsblatt und je nach Laune hat sie es besser oder schlechter ausgefüllt. So kann gleich gar kein Schulstress oder Adrenalin aufkommen. Da geht es bei Frau Grantel in der Parallelklasse schon anders rund. Die schreiben jede Woche mindestens einen Test, die Kinder werden gedrillt und fit gemacht im Hinblick auf das, was da noch kommen wird. Das muss die reinste Bundeswehr sein, verglichen mit unserem Dasein. Anscheinend ist bei der 1a bereits jegliche Freude an der Schule dahin.
In Julias Klasse gibt es den Linus. Der ist so aufgeweckt, dem müsste man das Mundwerk extra erschlagen, wie meine Oma sagen würde. Der wäre ein prima Früchtchen für die Frau Grantel. Den könnte sie wunderbar zurechtstutzen aber nicht unsere Frau Herzig. Weil ihr Sohn als Kind auch recht aufgeweckt war, ist sie den lebhaften Schülern gegenüber sehr tolerant. Linus rennt laut plärrend durch die Klasse und stört permanent. In Mathe kritzelt er aus purer Langeweile irgendetwas aufs Papier, marschiert durchs Klassenzimmer und delegiert den andern Schülern, was sie zu schreiben haben. Er möchte außerdem gescheit rechnen, nicht nur bis 20, das kann er seit dem Kindergarten und vor allem richtig Lesen und Schreiben, nicht nur Silben wie in der „Mimi und Bibu“ Fibel. Eines Tages geht er einfach während des Unterrichts nach Hause mit der Begründung er hätte jetzt keinen Bock mehr. Da hat sich die Frau Herzig diplomatischerweise mit den Eltern geeinigt, dass der Bub besonders weit entwickelt, ja sogar hochbegabt ist. Er würde sich nur langweilen, weil er den kompletten Erstklass-Stoff bereits mehr oder weniger intus hat und man empfiehlt, ihn eine Klasse überspringen zu lassen. Die Eltern natürlich mächtig stolz, dass er nun gleich in die Zweite darf und Frau Herzig hatte wieder ihre wohlverdiente Ruhe. Die kann sich nämlich nicht mehr allzu sehr verausgaben, weil viel Energie hat so eine Lehrerin nicht mehr übrig die paar Jahre vor der Pensionierung.
Bei einer Matheprobe gilt es folgende Textaufgabe zu lösen: Der Papa geht mit seinen 2 Kindern in den Zoo, der Eintritt für einen Erwachsenen kostet 6 Euro, für ein Kind 3 Euro. Frage: Wie viel muss der Vater bezahlen? Als Antwort schreibt Julia: Es kostet 12 Euro. Falsch! Sie hätte schreiben müssen: Der Vater muss 12 Euro bezahlen und es gibt gleich Punktabzug. Ist das jetzt eine Deutschprobe oder ein Mathetest? Frau Herzig meint sie könne nichts dafür, das sei so vorgegeben vom Kultusministerium, daher sei es ganz wichtig, dass die Kinder das bereits jetzt üben. Ab der dritten Klasse stünden nämlich bei den Sachaufgaben die Fragen nicht mehr dabei. Die Kinder müssen sich die Fragen selbst dazu denken und zwar ganz akribisch formuliert.
Wie bitte? Textaufgaben ohne Fragen? Das kann ja heiter werden.
Als wir uns eines sommerlichen Nachmittages mit der Gerti am Flaucher – unserem Lieblingsplatz an der Isar – treffen, üben wir pflichtgemäß Frage-Antwort:
“Welche Farbe hat der Himmel ?“
“Der Himmel ist blau.“
“Nicht ganz, überleg nochmal!“
“Die Farbe des Himmels ist blau.“
“Nah dran, weiter!“
“ Der Himmel hat die Farbe Blau. “
Bingo!
Frage: „...hat der Himmel?“
Antwort: „Der Himmel hat...!“
Einfach stur nach Schema, ohne einen Funken Kreativität bitte!
„Ist das jetzt für Deutsch oder Mathematik?“, fragt uns die Gerti interessiert.
Der Flaucher ist ein prima Badeplatz für Kinder. Da er genau in der Mitte zwischen Gertis Villa in Pullach und unserer Wohnung liegt, treffen wir uns dort im Sommer regelmäßig zum Baden. Hier verläuft die Isar nicht reißend, es wurden liebevoll Kiesel aufgeschüttet und verschiedene Planschbecken für die Kleinen geschaffen. Am anderen Ufer befindet sich ein FKK Strand, rechts der Isar laufen nur die Kinder nackt. So ganz Natur, das ist schon ein Gefühl von Freiheit, das man den Kleinen nicht vorenthalten darf.
„Da drüber ist der Kevin aus dem Hort! Der hat neulich die kleine Schwester von der Nelly gefragt, ob sie nicht Lust hätte, mit ihm auf das Mädchenklo zu gehen und seinen Pipi abzuschlecken, iiiiih, der ist so eklig!“, kichert die Julia. Gerti erbleicht unter ihrer schwerverdienten Rentnerbräune, ich denke hierbei kann es sich nur um ein Missverständnis handeln und versuche dem Auftritt hier in aller Öffentlichkeit nicht all zu viel Bedeutung zu schenken.
Die Geschichte macht allerdings bald die Runde. Ja die kleine Linda, aufgeklärt und nicht blöd habe dem Kevin selbstverständlich den Vogel gezeigt und selbstbewusst geantwortet, sie hätte auf so etwas natürlich keine Lust! Die Kindergartenleitung ist so ganz und gar nicht aus dem Häuschen, im Gegenteil, die Kleinen würden hier ein prima Sozialverhalten üben, indem sie auch einmal „nein“ sagen lernen.
Kurzentschlossen melde ich Julia aus dem Hort ab, sehr zu Nellys Leidwesen.
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