„Aber die Kinder, die sind da fei schon ausstaffiert, womöglich kommt sogar das Fernsehen.“ Wahnsinn!
„Aber die Schultüte, die kaufe ich, das habe ich ihr schon versprochen.“, bot die Gerti bereits im April an.
„Das ist lieb von dir, aber Julia hat bereits im Kindergarten eine gebastelt.“
„Dann kaufe ich ihr eben noch eine Schöne dazu!“
„Das geht nicht, wegen der Wertschätzung, außerdem IST die schön.“
„Ja, wennst meinst.“
Die Kindern haben weiße Schultüten mit Wasserfarben bemalt. Das ist jetzt wirklich nicht der kreative Brüller, aber immerhin haben sie es ganz alleine gemacht und das muss man würdigen.
Ich blicke gehetzt aus dem Fenster während ich versuche Spiegelreflex-Kamera und Camcorder in meinem Handtäschchen zu verstauen. Die Nachbarn von gegenüber sind schon auf dem Weg in die Schule, begleitet von einer Schar Omas und Opas, Tanten und Onkels und wir haben jetzt noch nicht einmal die Gerti dabei!
„Schnell, schnell, die Nachbarn sind schon unterwegs!“, dränge ich. Ich bin ungern zu spät, lieber eine halbe Stunde zu früh als fünf Minuten zu spät. Daher bin ich tendenziell ständig in Eile.
„Nur keine Hektik!“, gähnt mein Mann Hannes schlaftrunken, „es ist noch genügend Zeit.“ Er hingegen ist die Ruhe in Person. Sehr selten platzt ihm der Kragen, da muss ich es ihm schon abbetteln, dass der mal aus der Haut fährt. Eigentlich heißt er Johannes, aber er mag es nicht, wenn ich ihn so nenne, das mache ich nämlich nur ernsten Tones, zum Beispiel wenn ich sauer auf ihn bin.
Schnell noch ein Foto mit Schultüte vor der Haustür gemacht. Einmal alleine, einmal mit Papa, einmal mit Mama.
„Jetzt schau ein bissl glücklicher Julia, nicht so gequält! Ja, so ist es besser.“
Julia und Papa schreiten voran, ich hinterher, bewaffnet mit Foto und Filmkamera, um den Schulranzen von hinten zu filmen. Irgendwie haben die beiden den selben Gang. Überhaupt ist Julia ganz der Papa. Ob sie wohl auch so ungern in die Schule gehen wird wie ihr Vater? Darüber möchte ich jetzt lieber noch nicht nachdenken.
Hannes hat immerhin BWL studiert, sogar an einer englischen Universität und Karriere in der internationalen Weltwirtschaft gemacht, allerdings über den zweiten Bildungsweg.
Das klingt schon so anstrengend, finde ich. Da kann man den schulischen Weg doch gleich beim ersten Mal richtig beschreiten, oder etwa nicht?
„Mei, er war ja so ein lieber Bub, nur Lernen hat er halt nie mögen“, erzählt meine Schwiegermutter heute noch, als wäre es erst gestern gewesen. Das darf die Julia aber nicht hören, weil Lernen ist das Allertollste, man muss als Eltern ja ein Vorbild sein.
Rein intellektuell sehe ich im Hannes jetzt eher einen Geschichtsprofessor. Nicht, weil er aussieht, wie man sich rein optisch so einen Professor vorstellt, mit grüner Cordhose. Nein, der Hannes ist stets top gekleidet, wie BWLer es halt so sind, nur, dass er noch diese Glockenbach-Note mit einbringt. Er verfügt über eine stark ausgeprägte humanistische Ader, die er leider gymnasial nicht ausleben konnte, weil er in der Grundschule leider nicht hat Lernen mögen. Außerdem hat er viel mehr Tiefgang als so ein normaler BWLer, dem nichts anderes eingefallen ist, als BWL zu studieren. Aber was willst machen. Damals auf dem zweiten Bildungsweg gab es auf der FOS – sprich Fachoberschule – noch kein allgemeines Abitur, aus diesem Grund blieb ihm halt nur mehr die Wirtschaft.
Als gutes Vorbild habe ich mich für einen Griechisch-Kurs an der Volkshochschule eingeschrieben. Da fängt man noch einmal ganz von vorne an, bei Alpha. Wie ein Erstklässler lernt man erst die Buchstaben, dann Lesen und Schreiben. Im Übrigen haben die Griechen das Alphabet ja erfunden. Das wird die Julia mit Sicherheit anspornen, mir möglichst rasch nachzueifern. Und wer weiß, vielleicht gehört Griechenland ja sowieso bald zu Deutschland, wenn wir es demnächst abbezahlt haben, darauf sollte man vorbereitet sein.
In der Vorschule, soweit man das eine Vorschule nennen kann – es war eher ein einstündiges wöchentliches Sparprogramm – wurden ein paar Buchstaben geschrieben, Zahlenmengen geschätzt und Experimente durchgeführt. Oft fiel es allerdings aus, weil die Erzieherin krank war oder im Urlaub. Da hätten Sie einmal die Eltern hören sollen, weil die Frau Wastlhofer es gewagt hat außerhalb der Ferienzeiten einen Urlaub zu buchen. Zwar verdient man als Erzieherin nicht die Welt und während der Ferien kostet alles dreimal so viel, aber die Kinder könnten ja etwas verpassen in der Vorschule im Hinblick auf den Übertritt in die Grundschule. Bereits hier droht das magische Wort Übertritt . Als wäre das die Überquerung einer unüberwindbaren Todesschlucht.
„Immer mit der Ruhe, die fangen doch in der Schule sowieso noch einmal bei Null an“, versuchte ich eine weinende Mutter im Sandkasten zu beruhigen.
„Hast du eine Ahnung, die werden doch heutzutage ganz wo anders abgeholt als wir damals“, jammerte sie.
Der Julia machte das Schreiben in der Vorschule jetzt noch nicht so viel Spaß, eher die Experimente. Das lag daran, dass ihre beste Kindergarten-Freundin die Miriam bereits von ihrer großen Schwester das Schreiben abgeschaut hatte und wie gedruckt die Buchstaben niederschrieb.
„Schau, wie ich‘s schön kann!“, prahlte die Miriam jedes Mal. Da hat es der Julia schon wieder gereicht und ich verstehe auch warum.
Frau Wastlhofer nahm mich nach einiger Zeit diskret zur Seite und zeigte mir Julias Vorschulheft. Sie würde so krumm schreiben, die Zeile nicht halten können und einen Kreis, den sie in vier Viertel zerschnitten, hätte sie auch nicht richtig zusammengeklebt. Ob sie vielleicht an einer Augenschwäche leide? An einer, die wenn man sie rechtzeitig erkennt und entsprechend behandelt, die rechte – oder wars die linke – Gehirnhälfte nachtrainieren könnte und dann würde das alles bis zur Einschulung wieder passen.
Überhaupt sei sie immer so still. Jetzt muss man dazu sagen, dass Julia ein Frühchen war und daher vielleicht aber auch nur vielleicht motorisch noch nicht ganz so weit wie die anderen, aber vermutlich ist es einfach so ihre Art. Nach dem Motto: wer viel arbeitet, macht viele Fehler und wer nichts arbeitet, macht keine Fehler, wartet sie lieber erst einmal beobachtend ab, was die anderen so treiben und nach einiger Zeit macht sie dann auch mit. Das ist eigentlich schlau, weil somit blamiert mach sich selten. Dennoch marschierten wir aus Pflichtgefühl zum Augenarzt, es schadet ja nicht.
Der Doktor machte unterschiedlichste Sehtests, von Nahem, von Weitem, in Rot- und Grüntönen und meinte schließlich, Julia sehe wie ein Adler. Ich solle mich bitte nicht verrückt machen lassen, seine Kinder seien bereits in der dritten Klasse und könnten die Zeilen immer noch nicht gescheit halten.
Beruhigt marschierten wir zurück. Das mit dem Frühchen lässt einem lange keine Ruhe, weil vielleicht fehlt ja doch noch irgendwo irgendetwas. Seit dem ersten Atemzug werden die Kinder gecheckt von vorne bis hinten, von oben bis unten und von innen nach außen, wie beim TÜV – sprich dem Technischen-Überwachungs-Verein. Es wird gemessen und verglichen, wer kann schon was, wie viel davon, wie früh und vor allem wie schnell. Da wird man als Mutter schon leicht nervös, wenn da was nicht schnell genug funktioniert, selbst wenn das bei lange genug ausgebrüteten Kindern vielleicht noch länger dauern mag.
Also kaufte ich ein Vorschulbuch, allein schon wegen der Feinmotorik.
„Das brauchst du gar nicht erst zu kaufen, das mache ich sowieso nicht!“, protestierte Julia, während sie lieber eine Kette aus winzigen Perlen fädelte. Ich kaufte es trotzdem. Das war so hübsch aufbereitet mit Prinzessinnen und Aufklebern, das würde ihr bestimmt gefallen. Die Aufkleber gefielen ihr, aber lustlos machte sie ihre Aufgaben. Nach einer Weile beschloss ich, es sein zu lassen, bevor ich ihr die Freude am Lernen schon vor der Einschulung verderbe.
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