Und wie jede Zeit, hat auch unsere Zeit neue Herausforderungen an uns. Wir, die wir heute handeln, handeln nicht automatisch besser oder schlechter als die, die vor uns gehandelt haben, aber unser Handeln muss sich an den konkreten Problemen und Konflikten, die uns aktuell begegnen, neu messen lassen. Dabei hilft uns das Handwerkzeug, das wir in den vielen Jahren, die hinter uns liegen, teils mit Freuden, teils aber auch mit Tränen erworben haben. Wir wissen nicht, wie unsere Vorfahren heute handeln würden, aber wir wissen, wie sie angesichts der Probleme ihrer Zeit gehandelt haben. Dieses Wissen, dieses Handwerkszeug, ist keine Garantie für eine sorgenfreie Zukunft mit kontinuierlich richtigem Handeln, sondern das Rüstzeug, um weiter durch das vor uns liegende Leben lernen zu können.
Viele der Anwesenden haben mich in den letzten Jahren als eine Person kennengelernt, die nicht immer bequem ist, wenn es um Denkstrukturen geht, die aktuell en vogue sind, mir aber nicht spontan einleuchteten. Und so will ich da heute Abend auch keine Ausnahme von machen.
Wir treten hinein ins Leben als Erwachsene. Doch was heißt das? Welche Ziele verfolgen wir, was hat das Leben mit uns vor?
Jede Zeit, hat ihre eigenen eingetretenen Pfade. Wie in Geleisen verläuft das kommende Leben für viele von uns. Andere suchen sich ihre eigenen Pfade und hoffen, ihr Glück auf eigenen Wegen zu finden. Dennis, mein Bruder, beschäftigt sich mit dem Thema Weltraum, seit ich denken kann. Sein Weg als Raufahrt-Ingenieur war ihm vielleicht schon in die Wiege gelegt. Wenn mich jemand hingegen mit fünfzehn gefragt hätte, was ich einmal werden will, hätte ich bestenfalls Tierärztin sagen können. Mehr wäre mit beim besten Willen nicht eingefallen.
Nun bin ich ein paar Jahre älter, und es scheint mir heute so selbstverständlich, was ich machen will, dass sich mich für einen Studiengang in Molekularbiologie beworben habe. Eine Menge Ereignisse in meinem Leben waren notwendig, dass es dazu gekommen ist. Und das war gut so.
Gut kann es aber auch sein, wenn sich jemand nach dem Abitur aus ganzem Herzen für die Rolle als Mutter entscheidet und eventuell später erst andere Wege geht. War es für unsere Großmütter eine Selbstverständlichkeit, so erfordert ein solcher Weg heute sogar fast mehr Mut als der Gang in die Universität. So wichtig die Errungenschaften der Emanzipation auch sind, und den Kämpferinnen des vergangene Jahrhunderts gebührt unser Respekt und Dank, diese neuen Freiheiten dürfen letztlich nicht dazu dienen, andere Menschen im umgekehrten Weg ein Leben aufzuzwingen, das ihnen nicht liegt, oder schlicht jetzt noch nicht zusagt. Das Leben ist im stetigen Fluss und deshalb erlauben Sie mir die letzte These noch einmal umzukehren. Wir müssen als Gesellschaft natürlich ebenso akzeptieren, dass Väter sich nach dem Abitur eine Auszeit nehmen, die Familie versorgen, während ihre Frauen oder Männer der Erwerbsarbeit nachgehen, um die junge Familie zu versorgen.
Ein Raunen ging durch die Menge.
Ich habe niemanden versprochen, dass meine Rede angenehm weichgespült sein wird. Wir stehen an einem Wendepunkt - eine Reifeprüfung sollte eine solche Zäsur sein - und da bietet sich auch ein Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse an, wie sie waren, wie sie sind, und wie sie perspektivisch seien könnten.
Viele von uns, deren Schulzeit nun hinter uns liegt, schreiten in eine Zukunft, die bereits jetzt geplant ist. Diese Phase der Muße, diese Monate des Nichtstuns, die nun vor uns liegen, sind willkommen, um Kraft zu sammeln für die kommenden Anstrengungen. Andere benötigen diese Phase vielleicht, um noch den zu gehenden Weg abzustecken, zwischen verschiedene Optionen zu entscheiden. Und wieder andere stecken im Gestrüpp der Entscheidungen so fest, dass sie gar keinen Weg finden.
Uns allen möchte ich Mut machen, uns in den kommenden Wochen Zeit füreinander zu nehmen. Offen miteinander ins Gespräch zu treten und auch offen denen unseren Dank auszusprechen, die uns in den letzten Jahren, Monaten und Wochen mit Rat und Tat unterstützt haben auf dem Weg zu diesem Etappenziel, das wir heute feiern wollen.
Während der Rede scheinen einige vergessen zu haben, dass es gar nicht Annika war, die auf dem Rednerpult stand, sondern Dennis. Jedenfalls kam Jessica hinterher spontan auf Dennis zu, umarmte ihn und sagte „Danke, Annika!“
Der Rest der Feier war zwar recht nett, aber Dennis, hatte nicht so rechte Lust, lange zu bleiben.
Er kassierte noch vereinzelt Lob, für die Gedanken, die sich seine Schwester gemacht hätte und seinen Mut, diese so vorzutragen. Eine feministisch äußerst aktive Lehrerin unterstellte ihm erbost, dass er seine eigenen, stark rückwärtsgewandten Familienideologien heimlich im Namen seiner Schwester vorgetragen hätte, und er somit eine Situation der Hilflosigkeit schamlos ausgenutzt hätte.
Der Direktor kritisierte, dass er seine Redezeit überschritten hätte, das müsse beim nächsten Mal anders werden. Dennis versicherte ihm, dass er sich bei seiner nächsten Abi-Feier kürzer fassen würde.
Jessicas Eltern lobten, dass die Rede nicht zu zeitgeistig wäre und auch heutzutage nicht hofierte Gedankengänge enthalten hätte.
Nachdem er seine Mutter im Gewühl gefunden hatte und sie artig alle nötigen Hände geschüttelt hatten, sagten sie Jupp Bescheid, dass er Feierabend machen könne, und fuhren dann relativ früh mit Mas Auto vom Ball zurück nach Hause. Unterwegs erzählte er ihr von Chiòcciola, dass sie wieder zurück sei. Allein, und doch irgendwie zu zweit.
Mutterfreuden, ‘Vater’freuden
„Die hat aber einen ganz schön dicken Bauch. Im wievielten Monat ist sie denn?“, Naike ließ die schlafende Chiòcciola keinen Moment aus den Augen.
„Ich habe keine Ahnung!“, antwortete ich.
„Doch, du weißt es!“, Chiòcciola öffnete die Augen und sprach! Ich meine: Mit Worten, nicht wie sonst üblich in Gedanken!
„Seit wann benutzt du Worte?“
„Es geht mir im Moment nicht wirklich gut, dann sind Worte einfacher als Gedanken. Außerdem ist da noch die Kleine, deren Namen ich nicht kenne, hier, dann muss ich Gedanken an zwei senden. Das ist schwieriger zu koordinieren, denn ihr könnt mir ja nicht mit euren Gedanken helfen.“
„Und wieso sollte ich wissen, im wievielten Monat du bist?“
„Nun, es ist unser Kind. Wir haben uns geküsst, kurz bevor wir zurückgekehrt sind. Das war vor siebenundzwanzig Monaten.“
„Siebenundzwanzig Monaten? Seither sind fast vier Jahre vergangen.“
„Nicht bei uns. Es sind seither drei mal neun Monate vergangen. Schau auf die Uhr.“
Sie zeigte mir die Armbanduhr, die ich ihr zum Abschied geschenkt hatte. Die Zeiger und das Datum zeigten vogelwilde Werte an.
„Bei euch dauert eine Schwangerschaft dreimal so lange wie bei uns?“, Naike brachte das Thema wieder zum wesentlichen Punkt.
„Neun, üblicher Weise dauert sie wie bei euch neun Monate. Aber das Genmaterial von deiner Schwester und meins passten nicht optimal zusammen. Ihr habt weniger Chromosomen als wir, und bei uns sind an manchen Stellen andere Gensequenzen für andere Aufgaben. Deshalb musste das Genmaterial mehrfach neu arrangiert werden und die Schwangerschaft fing wieder neu an. Das hat mich viel Kraft gekostet.“
Dann schlief sie wieder ein.
Naike fasste alles spontan zusammen:
„Ich werde Tante und Annika ist der Papa von meiner neuen Nichte!“, tanzte sie vom Wohnzimmer ins Esszimmer, gerade als Ma und Dennis die Haustür aufschlossen.
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„Sie sieht recht mitgenommen aus, deine Freundin“, meinte Ma, nachdem sie die schlafende Chiòcciola einige Zeit auf der Couch beobachtet hatte. Dann verschwand sie in der Küche und man hörte sie dort mit allerlei Gerätschaften hantieren.
Nach einer Weile kam die mit einer heißen Hühnersuppe heraus, die ihre Geheimwaffe gegen allerlei Wehwehchen der Welt war. Noch ehe ich einschreiten konnte, hatte sie sich neben Chiòcciola gesetzt, die mühsam erst ein Auge, dann das nächste öffnete und hatte ihr die ersten Löffel bereits eingeflößt.
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