Nein, ich war immer ein soziales Wesen, was sich ja auch darin zeigt, dass mir per Akklamation die Rolle der Rednerin übertragen wurde. Das ist zumindest eine schönere Vorstellung, als die, Pa könnte den Kultusminister zwischen zwei Terminen kurz angerufen haben. Nein, ich bleibe dabei, ich bin beliebt, trotz der Tatsache, dass mein Herz an einem Blumentopf hängt und bereits vergeben ist.
Dennis hat sein Herz ebenfalls vergeben, an Ashley, die er in seinem Austauschjahr in den USA kennen- und lieben gelernt hat. Ashley ist blonder als erlaubt, so kurvig, dass man immer wieder erstaunt ist, dass sie die Jeans beim Ausziehen doch über die Hüften bekommt und lächelt einen mit so weißen Zähnen an, dass man eine Sonnenbrille tragen möchte. Ich kenne Ashley nur von Fotos und den Video-Botschaften, die Dennis in Auszügen der Familie zeigt. Ich habe mich noch nicht mit ihr unterhalten, außer an Weihnachten, wenn die Familien gemeinsam vor den Laptops sitzen und sich per Skype ein frohes Fest wünschen. Wahrscheinlich würden wir aber auch kein gemeinsames Thema finden. Dennis ist jedenfalls Feuer und Flamme von ihr. Für mich ist das immer der ultimative Test. Wenn mich Ashley so gar nicht ‘anprickelt’, dann bin ich doch sicher gar keine richtige Lesbe, oder? Ach, ich weiß nicht, ob ich es bereits erwähnt habe, Chiòcciola ist eine Frau. Na ja, nicht immer. Aber in den letzten Jahren schon recht dauerhaft. Und, ich liebe sie trotzdem.
Noch eine Fernbeziehung also in unserer Familie, die dritte. Auch Ashley kann leider nicht zu unserem Abi-Ball kommen. Ihre Abschlussfeier findet in derselben Woche statt. Wenigsten müssen Dennis und ich nicht allein am Tisch sitzen. Wir sitzen zumindest gemeinsam allein. Eigentlich bin ich seit einigen Jahren recht froh darüber, dass ich einen Zwillingsbruder habe. Früher war das anders. Aber da war mein Leben auch irgendwie öder.
„T-30“, höre ich von oben, dem Spitzboden in unserem Doppelhaus, in dem Dennis sein Zimmer hat. „T-30“ ist NASA-Code uns soll mir sagen, dass wir in einer halben Stunde losmüssen. Zeit also, für einen Gang zur Toilette und dann auf in den Kampf mit dem Abendkleid.
Ich nehme das Kleid vom Bügel. Draußen klingelt es an der Tür. Naike öffnet und den Gesprächsfetzen entnehme ich, dass es Jupp ist. Pa hat uns also wirklich seinen Dienstwagen mitsamt Fahrer geschickt, um uns zum Abi-Ball zu fahren. Toll, mit Limousine vorfahren, das hat schon was.
Als ich das Kleid fast anhabe, fällt mir das mit der Toilette wieder ein. Mist! Rauspellen und in BH und Slip im ersten Stock über den Flur huschen. Unten unterhalten sich Naike und Jupp. Sie ruft von unten hoch:
„Soll ich dir nachher beim Reißverschluss helfen?“
Aufgewecktes Kind. Super süß, die Kleine. „Danke Naike, das wäre sehr nett!“
„T-20“, schallt es durchs Haus.
Blick in den Spiegel. Ist das Make-up nicht völlig übertrieben? Ma meint, wegen der Scheinwerfer muss das so sein. Ich komme mir vor wie Rotbäckchen. Wenigstens ist das Kleid blau. Zurück in mein Zimmer. Naike wartet schon.
Wieder rein in die enge Pelle. Naike zumpelt noch etwas zurecht. Der Reißverschluss klemmt. Ich setze mich auf das Bett, damit sie besser drankommt. Endlich geschafft!
„T-10. Stopp! Abbruch!“
Das ist jetzt ungewöhnlich, warum sagt er das? Und dann bemerke ich das Leuchten auf unserem Rasen ebenfalls. Es ist ein leuchtend schimmerndes Ei, das da auf unserem Rasen steht. Es ist etwa zwei Meter hoch und schimmert in interessanten Farben. Gestern war es noch nicht da. Quatsch! Es war auch vor fünf Minuten noch nicht da!
„Erstkontakt! In unserem Garten ist ein Raumschiff gelandet.“
„Cool“, sagt Naike. „Nehmen wir es mit zum Abi-Ball?“
„Es ist Chiòcciola!“, ruft Dennis von unten und öffnet die Terrassentür. „Es ist Chiòcciola und sie ist…“
Beim ‘Erstkontakt’ bin in schon die Treppe heruntergestürzt. Die Pumps hatte ich zum Glück noch nicht an. Barfuß, so schnell Feinstrumpfhose und das enge Kleid es zuließen, rauschte ich nach unten.
„… sie ist schwanger!“, ergänze ich den Satz, den Dennis nicht vollendet hat.
Vor mir steht Chiòcciola, blond, die Haare etwas länger, blaue Augen, und ein zierliches Gesicht. Und einen Bauch, in dem sie locker zwei Medizinbälle verstecken könnte.
‘Hallo, gut, dass ich an der richtige Stelle gelandet bin. Ich bin zum ersten Mal allein geflogen. Darf ich mich setzen?’, dann sank sie auf dem Sofa zusammen.
„Cool, ist das die Frau aus deiner Topfpflanze?“, Naikes Kombinationsgabe und unaufgeregte Natürlichkeit waren einfach entwaffnend.
Jupp deutete auf seine Uhr.
„Meine Rede!“, fiel es mir siedend heiß ein. Chiòcciola konnte ich in dem Zustand nicht mitnehmen. Obwohl ich sie vorhin so gern an meiner Seite gewusst hätte. Schweißperlen standen ihr auf der Stirn und sie atmete heftig. Alleine lassen in diesem Zustand, kam ebenfalls nicht infrage. Aber ich konnte doch auch nicht einfach wegbleiben, meine Rede stand gleich am Anfang auf dem Programm. Der Schuldirektor, die Elternvertreter, dann war ich an der Reihe!
„Ich übernehme das“, meinte Dennis.
„Soll ich dir den eBook-Reader holen?“
Dennis zog seinen eigenen aus dem Jackett. „Meinst du, ich hätte dich ohne Backup-Lösung dahingehen lassen?“
Dennis ist ein Schatz. Wirklich. Toll, so einen Bruder zu haben.
„Ich bleibe hier! Das ist spannender, als so eine doofe Feier“, Naike wirkte entschlossen.
Dann brachen Jupp und Dennis auf. Ma würde, von den Terminen, die sie gerade in der Hauptstadt hatte, direkt dorthin fahren, hatte sie am Vormittag verkündet.
Chiòcciola schien inzwischen zu schlafen, sie wirkte erschöpft.
„Die ist wirklich sehr schön, die Frau aus der Pflanze.“
Ach Naike, was bist du doch für eine tolle Schwester geworden!
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‘Es gilt das gesprochene Wort.’ Das steht immer unter den Redemanuskripten die im Referat „Reden und Texte“ für Pa ausgearbeitet werden.
Dennis betrat das Rednerpult, als Annika aufgerufen wurde. Unter dem allgemeinen Gemurmel rückte er sich das Mikrofon zurecht.
Liebe Mitschülerinnen, liebe Mitschüler! Liebe Lernende, Lehrende und Erziehende! Liebe Anwesende und Abwesende, die uns in Herzen und Verstand verbunden sind!
Soweit sind das die Worte meiner Schwester, die im Redemanuskript stehen, und zu deren Folgesätzen ich gleich zurückkehren will.
Vorab möchte ich allerdings ein paar eigene Worte einflechten. Ich weiß, sie haben meine Schwester erwartet und sind zurecht zumindest irritiert. Meine Schwester lässt sich auf das Herzlichste entschuldigen. Fünf Minuten vor unserer Abfahrt haben sich bei uns sehr persönliche und unerwartete Dinge ereignet, die ihr die Anwesenheit an diesem Pult nicht gestatten. Deshalb bin ich eingesprungen, ihre ausgearbeitete Rede, die sie so gern selbst vorgetragen hätte, hier in ihrem Namen zu präsentieren. Manchmal macht es uns das Leben nicht einfach, die richtige Entscheidung zu treffen. Und oft reicht die Zeit nicht einmal dazu, lange über diese Entscheidungen nachzudenken. Aber ich glaube, Annika hat spontan die richtige Entscheidung getroffen. Eine, bei der Herz und Verstand zudem auf gleicher Wellenlänge sind.
Hoffen wir, dass ich ein halbwegs erträglicher Ersatz für sie sein kann. Und damit übergebe ich wieder an meine Schwester. Seien Sie also nicht zu irritiert, wenn Rede und Sprecher vielleicht für sie nicht immer im Einklang miteinander sind. Ich kenne die Rede meiner Schwester und es bereitet mir keine Schwierigkeiten, sie sowohl vorzutragen, als auch hinter ihr zu stehen.
Es ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen, seit wir angefangen haben, die Schrift zu lernen und sie später auch zu gebrauchen. Die Schrift war es, die den Menschen erlaubte, Gedanken über Generationen hinweg zu konservieren, statt sie nur im direkten Austausch der Generationen im gesprochenen Wort zu vermitteln. So konnten Brücken geschlagen werden über Jahrhunderte hinweg. Die Gedanken vieler Generationen konnten gegeneinander abgewogen werden und zu neuem, zu lebendigem Denken in unserer Zeit verwoben werden.
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