Die anderen Journalisten, Teilnehmer an der Demonstration, saßen ganz unbewegt, beobachteten nur genau, was sich hier, vor ihrer aller Augen abspielte, aber dieselbe Erregung wie ich hatten sie dabei offensichtlich nicht.
Es musste meine eigene Veranlagung sein, die hier, bei diesem Vorgang, in irgendeiner geheimnisvollen und auch tonlosen Sprache angesprochen wurde, ich reagierte heftig darauf, Schweißperlen standen auf meiner Stirn, ich konnte spüren, wie sie mir übers Gesicht, bis in den Hemdkragen liefen.
Es dauerte nicht lange, nur etwa eine halbe Minute, aber mir schien es wie eine halbe Ewigkeit und als es dann geschah, kam es ganz unspektakulär. Es war keine Explosion, die da den Tisch zum Wanken brachte. Erst knackte es, nur ganz leise, dann erklang ein glockenheller Ton, das Glas fiel auseinander, in lauter kleine Teile, keine großen Scherben, es zerfiel mehr als es zerbrach. Das Wasser im Glas wurde zum größten Teil von der Serviette aufgefangen. Rimpong saß noch immer mit geschlossenen Augen, bewegte sich nicht und auch niemand anderer rührte auch nur einen Finger, man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können.
Rimpong öffnete die Augen, löste seine Hände, sah auf das kaputte Glas vor sich, wischte das restliche Wasser vom Tisch und lächelte sie breit an. Man war fast versucht zu klatschen, wie nach einer Zaubervorführung, im Zirkus oder im Varieté.
Ich griff nach den kleinen Glasteilen, fragte nach, ob ich dürfe, was der Lama lächelnd bejahte. Das Glas war heiß, als ob das Wasser darin gekocht hatte, was aber eindeutig nicht der Fall gewesen war, wir hatten ja alle ganz genau zugesehen, da war keine Hitze zu bemerken gewesen, das Wasser hatte auch nicht gedampft oder Luftblasen gezeigt. Es war etwas anderes, eine uns gänzlich unbekannte Kraft, die hier eingewirkt haben musste, ich war völlig gefangen genommen, musste nun mehr erfahren und wenn es mein Untergang war.
Die Mönche versanken in einem gemeinsamen, nur ganz leise gemurmelten Gebet, die Räucherstäbchen verbreiteten den angenehmen Duft von Sandelholz im ganzen Raum. Dann wurde es nochmals ganz still, bis Rimpong, der Chef-Lama, seine Augen öffnete und in die Runde lächelte. Das Murmeln der anderen Mönche wurde nun wieder zunehmend lauter, erhob sich schließlich zur üblichen Lautstärke tibetischen Singsangs, Schellen wurden geschlagen, Gebetsmühlen heftig in Drehung versetzt.
Rimpong hob die Hände, das Gebet ebbte ab.
"Danke, für ihre… Aufm… Aufmerksamkeit… und verzeihen Sie meine noch bisschen, Träumen… es ist, wie… Sie können es so vergleichen, als wenn westliche Menschen Haschisch rauchen und der Kopf im Nebel ist und… es dauert noch eine kleine Weile bis wieder alles klar, in mein… Gehirn."
Ein junger Mönch kam, um frischen Tee zu bringen, ja, man hatte sogar – aus Höflichkeit den Gästen gegenüber, sogar Wein und Bier in den Raum gebracht.
Mein Mund war während der Demonstration extrem trocken geworden, ich musste unbedingt etwas trinken, ließ mir eine Flasche Bier geben, schenkte ein und trank ein Glas, nein, ich stürzte es hinunter. Rimpong, der dies beobachtet hatte, lächelte mich an.
"Ihr Mund ist trocken, so wie die Wüste Gobi… ich sehe, sie haben auch reagiert, auf meine… Vorführung. Das ist nicht sehr häufig."
"Ja, mir ist auch recht warm geworden, dabei, ich hätte mir gern das Sakko ausgezogen, wollte aber auf keinen Fall stören."
"Danke, dass Sie ruhig geblieben sind… Ich kenne das auch, so reagieren nur Menschen mit einem gewissen seltenen Talent."
Er lächelte geheimnisvoll, wandte sich dann aber wieder der allgemeinen Unterhaltung zu. Die anderen mitgereisten Journalisten wollten, verständlicherweise, jede Menge Fragen stellen. Ich hielt mich zurück, war noch immer innerlich aufgewühlt, als ob ich unter extremen emotionalen Stress gestanden hätte, ich zitterte leise.
Die Fragen der Kollegen waren mannigfaltig, wie es sich für ihre Zunft gehörte, sie versuchten alle möglichen Punkte nachzufragen, zu ergründen, was da eben vor ihrer aller Augen stattgefunden hatte. Ein Journalist, der von der größten Tageszeitung - etwas arrogant und unwillig - meinte, dass man das so wohl nicht zweifelsfrei als "wundersam" bezeichnen konnte, es gäbe zu viel Möglichkeiten, dass hier irgendein Trick angewandt worden war. Man müsste das unter wissenschaftlichen Bedingungen, wenn überhaupt, noch einmal verifizieren. Erst dann wäre er bereit zu "glauben", was er eben gesehen hatte.
"Ich war auch schon mal bei diesem amerikanischen Superstar, ein Zauberkünstler, der Menschen schweben lassen konnte oder verdampfen, um sie später an anderer Stelle, im Saal, wieder zu 'materialisieren' – das ist alles zwar sehr erstaunlich, aber…"
Rimpong lächelte ihm offen ins Gesicht.
"Ja, ich kenne diesen Zauberer auch, er ist faszinierend… Aber es hat nichts mit mir zu tun. Und ja, manchmal kann auch ich Dinge schweben lassen, manchmal, nicht immer, es kommt immer sehr darauf an, wie die Umstände sind, der Ort, vielleicht sogar das Wetter."
Wieder lachte Rimpong aus voller Kehle, er war völlig frei von Sarkasmus oder Doppeldeutigkeit, er sprach und jedermann wusste, dieser Mann meinte genau das, was er sagte, er war ohne jegliche Arg oder List, sein Herz war rein. Man konnte dies in seinen klaren grauen Augen sehen. Er hielt jedem Blick stand, lächelte dem Betreffenden offen ins Gesicht.
Nach dem gemeinsamen Mahl, es gab Hähnchen mit Reis, mit einer faszinierenden Gewürzmischung - so etwas hatte ich noch nie gegessen, es roch verführerisch gut - wollte ich mich einfach etwas näher an diesen Mönch heranmachen. Ich musste die Frage wohl in meinem Gesicht geschrieben tragen, denn Rimpong antwortete schon wieder, ohne dass ich ein Wort gesagt hatte.
"Das ist Kardamom, schwarzer und weißer Kardamom, und Kreuzkümmel – aber nicht in der Pfanne braten, sonst wird es bitter und nicht gut für den Magen."
Diesmal wunderte ich mich nicht mehr, dass er meine unausgesprochene Frage beantwortete, bei diesem Mann durfte man sich über gar nichts wundern. Auch nicht, als er sich neuerlich an mich wandte, mich direkt und persönlich ansprach.
"Sie haben Fragen an mich, wollen Sie mit mir kurz nach draußen gehen, auf die Veranda, ich antworte gerne, kein Problem."
Wir gingen hinaus, die trockene kalte Luft fühlte sich gut an, auch in meiner Lunge. Wir lächelten einander an.
"Sie haben… Erfahrungen gemacht, mit ihrem Kopf, mit ihrem Geist, nehme ich an… etwas Geheimnisvolles, Unerklärliches ?"
Ich blickte an ihm vorbei, sah in das gleißende, makellose Weiss des Berges auf der anderen Seite des Tals. Was sollte ich ihm sagen, was konnte ich ihm sagen… was durfte ich ihm sagen, ohne gleich alles zu verraten.
"Ich, äh, ja… da waren schon ein paar eigenartige Ereignisse, in der Tat, wo ich völlig im Dunkeln tappe…"
"Bitte haben Sie keine Angst, stellen Sie sich vor, ich wäre Priester, die müssen auch… schweigen. Sind Sie religiös veranlagt oder sollte ich sagen, spirituell… Das Wort 'Gott' und ganz besonders der europäische Gott, ist ja etwas… bedrohlich. Mit all diesen Die haben da einen Fehler drin, Gott ist Liebe und Wärme, nicht Strafe !“
Er lächelte mich an, sodass mir neuerlich ganz warm wurde, ich zog mein Sakko aus. Er lachte noch mehr.
"Ihre Reaktion zeigt mir, dass ich da wohl nicht ganz falsch liege, Sie reagieren, wie ich es in meiner Jugend getan habe, als ich auch noch nichts wusste…"
Ich verharrte noch eine Weile, den Blick in die Ferne gerichtet, spürte meine Verunsicherung, erst der Anstoß durch die Vorführung, schließlich die klare Ansage des Mönches. Ich musste wissen, woran ich war, musste einfach nachfragen, worauf wollte ich denn warten. Dies hier war die Gelegenheit, die Wahrheit, oder zumindest Hinweise zu bekommen. Vielleicht war es ja doch nur alles Zufall.
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