Es war in dieser Zeit, dass jemand zu mir sagte, irgendein Kollege, dass ich ja geradezu der "geborene Zorro" sei, der Rächer der Enterbten, Geschlagenen, Erniedrigten, Ausgebeuteten, Versklavten und überhaupt. Irgendwer hatte dann auch noch eine Fotomontage gemacht, meinen Kopf auf den Reiter montiert, mit der obligaten Augenmaske auf einem schwarzen Rappen, mit Degen, vor einem blutroten Sonnenuntergang. Ich lachte ein etwas schiefes Lachen. Es kam mir fast schon ein wenig komisch vor, jetzt, einige Jahre nach diesen Anfangs-, Einstiegsschwierigkeiten. Heute saß ich in einer Bar, am Strand in Queensland, in Australien, beobachte die wie geölt durch die Brandung gleitenden Surfer, auf ihren Brettern. Hier war alles voller Touristen, da fiel ich nicht auf, mit meiner kleinen Gestalt, die nahmen mich gar nicht wahr und das war gut so. Denn ich hatte gerade mal wieder einen "Auftrag" erledigt, ein Kerbe mehr, im Griff meines imaginären Colts. Nein, das war nur eine Metapher, ich verwendete ja keine externen Waffen für meine Vorhaben, das hatte ich nicht nötig - die Waffe war ich selbst !
Ich begann mich ernsthaft mit meinen geheimnisvollen Kräften auseinanderzusetzen, als ich die Zeitung bereits hinter mir gelassen hatte und erst einmal – bevor ich dann Fernsehen machte – einen längeren "Urlaub" antrat, wie ich meinen Freunden sagte, aber eigentlich war es alles andere, als ein Urlaub gewesen.
Ich hatte mich eingelesen in die Materie, obwohl es da, auf ernster Ebene, nicht so viel zu erfahren gab, wie ich es mir wünschte. Da gab es den bekannten VooDoo-Zauber, wo man Puppen mit Nadeln spickte und der Betreffende dann an genau diesen Stellen Schmerzen erlitt, erkrankte oder sogar daran verstarb. Auch dem Schamanismus sagte man nach, dass dessen "Priester" über geheime Kräfte verfügten und sie alles Mögliche an Unheil über Menschen hereinbrechen lassen konnten.
Vieles davon musste man einfach in den großen Bereich von Humbug einordnen, aber da gab es auch Berichte von gar eigenartigen, mysteriösen Geschehnissen. Vielleicht war ja doch etwas dahinter, ganz abwegig erschien es mir, gerade auch in meiner Situation, mit meinen eigenen seltsamen Erlebnissen, dann doch wieder nicht. Wahrscheinlich waren nur ganz wenige dieser Voodoo-Zauberer wirklich fähig Dinge zu bewegen, auf rein immaterieller, abgehobener, komplett vergeistigter Ebene, der Rest war Hörensagen und Märchen. Die Mythen waren aber dennoch so stark, die Menschen die dem jeweiligen Glauben angehörten, in Angst und Schrecken zu versetzen.
Außerdem gab es da noch Hypnose, aber die war nicht auf derselben Ebene, denn die hypnotisierten Menschen vollbrachten in ihrem Dämmerzustand keinerlei Taten, die sie bei klarem Bewusstsein nicht tun würden. Also stand auch, zum Beispiel, ein befohlener Selbstmord, wie auch ein Mordauftrag, völlig außer Frage, das wusste man.
Interessanter war es dann schon, anlässlich einer Reportage in der Schweiz, auf eine Gruppe tibetischer Mönche zu treffen, die man dort, in einem Tal angesiedelt hatte. Insgesamt lebten
2.500 von ihnen in diesem Tal, in dem sie Zuflucht gefunden hatten, als China sie ganz besonders gewalttätig verfolgte, in der Mitte der Siebziger-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ich wurde Zeuge einer wunderlichen Begebenheit. Es war leider nicht erlaubt Kameras dabei zu haben, es gab deshalb keine Fotos oder Filmmaterial. Es war auch nur eine kleine, ausgewählte Schar von Journalisten zugelassen, ich fühlte mich geehrt, als man mich namentlich nannte und persönlich einlud.
Der Mönch trug das bei den Tibetern übliche Gewand, eine Art Toga, in tiefem Weinrot, kahl geschorenen Kopf mit breitem Lächeln und funkelnden Augen, die die Besucher anstrahlten, als seien sie die erwarteten Freunde.
Man hatte an einem lang gestreckten, eher niedrigen Tisch Platz genommen, der Mönch von dem ich hier nun berichte, saß am Kopfende, hinter ihm ein atemberaubendes Bergpanorama, das durch das wandgroße Fenster ganz besonders nahe schien. Er selbst wirkte, wie von den hellen Strahlen durchdrungen, als ob er selbst Teil des Lichtes war. Sie murmelten gemeinsam, einige Verse eine Gebets, die Gebetsmühle wurde gedreht, man sang auch gemeinsam, eigenartige Laute, alles in dem ganz spezifisch tibetischen Sing-Sang. Sie verstummten wie auf ein geheimes Kommando, alle auf einmal, der Mönch an der Stirnseite sprach Deutsch, mit etwas kantigem Akzent, Schweizerdeutsch mit tibetischem Akzent – eine doch etwas eigenartige Sprachmischung - ich musste unwillkürlich lächeln.
Meine Verwunderung verwandelte sich in Erstaunen, als mich der Mönch ansprach und sagte, dass er es schön fand, wenn Menschen lachen, er müsse sich entschuldigen für seinen Akzent, das werde sicher, mit den Jahren noch viel besser. Er lachte auch, als er direkt zu mir sprach.
Woher hatte er gewusst, worüber ich lachen musste, niemand hatte darüber ein Wort verloren, nichts, alle waren ganz ernst geblieben.
Aber es war nicht Zeit, weiter über dieser Frage zu brüten, denn der Mönch schickte sich nun an, zu seiner Demonstration zu kommen. Zuerst sprach er auch noch über die tibetische Medizin, die ja, ganz für sich, eigenständige und einzigartige Behandlungsmethoden anwandte. Viele Schulmediziner westlicher Natur reisten genau deshalb an, nach Dharmsala in Nord-Indien, wo die geflüchteten Tibeter eine neue Heimstatt gefunden hatten, einschließlich des Dalai Lama. Man konnte dort auch studieren, eine eigene Universität lehrte verschiedene tibetische Künste, Wissenschaften, Philosophie und eben auch Medizin.
Es war schon ein wenig eigenartig, da saß man in den Schweizer Bergen und lauschte einem Vortrag der lokalen tibetischen Mönche.
"Ich möchte sie nun höflichst und dringend ersuchen, höchste Aufmerksamkeit walten zu lassen, wie auch absolute Stille. Ich darf bei dem, was ich Ihnen nun zeige, auf gar keinen Fall, ich wiederhole, auf gar keinen Fall gestört werden… sonst könnte eventuell großer Schaden entstehen, an meiner Person. Ich kann dabei auch sterben, wenn die Sphären sich plötzlich begegnen, in mir, dann verbrenne ich oder ich ertrinke, vielleicht sogar beides !"
Seine Erklärung war auch vollkommen logisch und verständlich, auch in unserem westlichen Verständnis, zwingend und selbstverständlich, jeder kannte den Vergleich, den er gleich brachte.
"Sie müssen sich das so vorstellen, es ist als ob ich Feuer und Wasser, zu einer gezielten, komprimierten, aber immer noch kontrollierten Reaktion bringe… das ist wie eine kleine Explosion. Wenn etwas schief geht, ich gestört, unterbrochen werde, dann kann es sein, dass ich dabei auch explodiere und... dass da vielleicht auch noch jemand anders dabei verletzt werden könnte."
Die anderen anwesenden Mönche saßen mit konzentrierten Mienen, leicht vornübergebeugt, sie sahen zu Boden, ihre Hände auf den Knien, völlig entspannt, niemand gab einen Laut von sich. Rimpong, der Chef-Lama, so war sein Name, griff nun nach der Wasserkaraffe, die bis jetzt unbeachtet in der Tischmitte stand, goss ein Glas etwa halb voll, um es anschließend auf eine Papierserviette, direkt vor sich zu stellen.
Seine Augen fest geschlossen, führte er seine gespreizten Hände zusammen, sodass sich die Fingerspitzen leicht berührten, schloss dann die Finger, woraus sich eine fast schon westlich geformte Bet-Haltung ergab. Er blickte nach oben, nach nirgendwo, ich vermeinte sehen zu können, wie sich sein Geist erhob und von ihm löste, ein seltsames Zittern erfüllte den Raum. Aber was zitterte hier, war es der Fußboden oder war es die Luft, die Welt, der Kosmos. So etwas hatte ich bislang noch nie erlebt und war sogleich völlig fasziniert, wusste, dass ich nun auch den Anfang meines Weges sehen konnte, ich war am richtigen Ort, bei der richtigen Person gelandet. Oder war ich hierher geschickt worden und wenn, wer schickte mich, was ging hier vor ? Es machte mich frösteln, und um ein Haar hätte ich nachgefragt, hätte genau jene Störung bewirkt, die dann eben Höchstgefahr bedeutete. Meine Neugier stieg ins Unermessliche, die Spannung im Raum war fast mit Händen zu greifen, oder erging es nur mir so?
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