>>Das lässt sich leicht feststellen. Drei oder vier alte Kirchenbänke habe ich schon entdeckt. Und ein uraltes Gemälde, das da hinten verstaubt, könnte man über den einfachen Altar hängen. Es ist sicherlich kein Michelangelo, aber eine recht gute Kopie, wenn ich das richtig einschätze.<<
>>Du meinst es wirklich ernst, nicht? Bisher hat sich deine Religiosität doch eher in Grenzen gehalten.<<
>>Ich will dort auch nicht beten. Oder vielleicht doch? Auf jeden Fall ist es eine Schande, das alte Gemäuer so verkommen zu lassen. Glaubst du, es hat mal zum Kloster gehört?<<
>>Du meinst, die spätere Irrenanstalt? Nein, das halte ich für ausgeschlossen. Dazu liegt es nicht nah genug beieinander. Ich denke eher, eine frömmelnde Signora wollte ihre ganz private Kapelle haben. Deshalb wird es hier auch mit Sicherheit keine Nonnen gegeben haben. Ich bin ja schon froh, dass du keine Orgel gehört hast. Dafür ist das Gemäuer nämlich eindeutig zu klein.<<
>>Du bist blöd. Also, erfüllst du mir den Wunsch, oder nicht?<<
>>Bis morgen früh kannst du aber noch abwarten, ja? Entrümpelungsunternehmen machen keine Nachtschichten, soviel ich weiß.<<
Kiara zeigte ihrem Mann einen Vogel und ging dann ins Haus zurück.
Die Firma kam dann zwei Tage später. Kiara überwachte jeden Handgriff, damit nicht etwas verloren ging, das sich lohnte, behalten zu werden. Und sie erlebte eine Überraschung nach der anderen. Zwischen Kisten voll Unrat und hinter brüchigen Zimmertüren und halbverfaulten Dielen kamen zwei wunderschöne, alte Kerzenleuchter, ein weiteres verstaubtes Gemälde und ein nur leicht beschädigtes buntes Kirchenfenster mit Bleiverglasung zum Vorschein. Kiara war überglücklich und sah die restaurierte Kapelle schon bildlich vor sich. Wie sehr sie von der Idee gefangen war, zeigte sich schon in der folgenden Nacht.
Wieder weckte sie der Gesang der Nonnen. Alles war wie in der vorigen Nacht. Nur erstrahlte die Kapelle jetzt in neuem Glanz. Die Wände waren frisch geweißt, die alten Bänke restauriert und das bunte Fenster wiederhergestellt. Der Clou aber waren das Altargemälde, das Christi Himmelfahrt zeigte und durch den neuen Firnis erstrahlte. Sogar der arg in Mitleidenschaft gezogene breite Stuckrahmen sah aus wie neu. Das zweite, kleinere Gemälde mit dem Motiv Madonna mit Kind hing seitlich an der Wand und schmückte diese ungemein. Neben dem nach alten Vorbildern errichteten Altar, auf dem ein tiefrotes Tuch aus Samt lag, standen die hohen Kerzenhalter, in denen dicke weiße Kerzen brannten. Die Idylle war perfekt.
Und diesmal war der Gesang der Nonnen auch nicht verstummt, als Kiara eintrat, sondern erst, als sie sich vorsichtig dem Altar näherte. Wie auf Kommando drehten sich die Ordensschwestern mit ihren schwarzen Hauben um. Aber sie hatten keine blassen Gesichter mit entrückten Mienen, sondern geradezu teuflische Fratzen. Ihre blicklosen, schwarz umränderten Augen waren die von Toten. Und ihre schwarzen Lippen entblößten lange, spitz zulaufende Zähne. Kiara schrie vor Entsetzen laut auf.
Sie schrie immer noch, als Delano sie weckte und zärtlich in die Arme nahm. Doch die Vision war noch so deutlich, dass Kiara sich heftig wehrte und nur langsam beruhigen konnte.
>>Scht, ist ja gut. Du hattest einen Albtraum, tesoro. Scheinbar hast du etwas zu viel historischen Staub eingeatmet. Wollen wir die jetzt fast leere Kapelle wieder verschließen und doch lieber ihrem Schicksal überlassen?<<
>>Nein, auf keinen Fall. Ich habe nur eben Szenen aus einem Horrorfilm erlebt. Alles war so real … Aber wenn erst alles fertig ist und ein Priester den Raum mit Weihwasser besprengt, wird der Spuk sicher aufhören.<<
>>Das will ich hoffen. Noch können wir einen Rückzieher machen.<<
>>Nein, ich bin nur ein wenig überreizt.<<
Velia genoss ihre wiedergewonnene Freiheit, die zwar eigentlich keine war, denn sie war nach wie vor in der Anstalt gefangen, doch gegen die drei Tage in ans Bett gefesseltem Zustand war der Spaziergang im Park mehr als eine Erholung. Wie üblich steuerte sie eine der Steinbänke an, in der Hoffnung, Gianna würde sich bald dazugesellen. Doch stattdessen kam ein junger Bursche zu ihr herüber, der nicht nur blendend aussah und ausgezeichnete Manieren besaß, sondern sie auch ausgesprochen lieb mit seinen himmelblauen Augen ansah. Sodass Velia für einen Moment ihre Vorbehalte gegenüber dem männlichen Geschlecht vergaß.
>>Ciao, ich bin Sylvio<<, sagte er mit melodischer Stimme. >>Darf ich mich zu dir setzen?<<
>>Bitte, es sind zwar noch andere Bänke frei ...<<
>>Unterhalten kann man sich besser zu zweit. Verrätst du mir deinen Namen?<<
>>Ich heiße Velia und bin vierzehn Jahre alt. Ist damit deine Neugierde befriedigt?<<
>>Noch lange nicht<<, lachte er und zeigte dabei blendend weiße Zähne. >>Warum bist du hier?<<
>>Weil meine mamma meint, nicht mehr mit mir fertig zu werden. Dabei sind die Vorwürfe zum größten Teil unbegründet. Schön, ich bin manchmal aufbrausend. Vor allem, wenn man mir Unrecht tut, aber ich habe mich nie in schamloser Weise Männern oder Jungs gegenüber präsentiert.<<
>>Das will ich hoffen. Denn das würde nicht zu einem derart engelhaften Wesen passen.<<
>>Ist das deine Masche, mich mit Komplimenten gefügig zu machen? Letztendlich wollt ihr Männer doch nur das eine.<<
>>Hast du das in einem Kitschroman gelesen? Es gibt auch Männer, die sich nicht wie wilde Tiere benehmen und gleich über eine Frau herfallen.<<
>>Ach ja? Diese unsäglichen, brutalen Pfleger gehören bestimmt nicht dazu.<<
>>Sprichst du aus Erfahrung?<<
>>Genau. Bosco und Aleandro haben mir Gewalt angetan. Es war wie ein Albtraum.<<
>>Das kann ich verstehen. Soll ich ihnen die Fresse polieren?<<
>>Besser nicht. Du würdest bestimmt unterliegen. Demnach bist du ein rauer Bursche, der sich gerne prügelt?<<
>>Nein, ganz und gar nicht. Ich bin eher der musische Typ. Spiele Klavier und liebe alles Schöne. Ich habe nur etwas angegeben, um dir zu imponieren.<<
Velia lächelte. Der Typ gefiel ihr und brachte etwas zum Klingen, das neu für sie war.
>>Wenn du lächelst, bist du noch hübscher.<<
>>Du kannst mit den Komplimenten aufhören. Du hast mich ja schon auf deiner Seite.<<
>>Wenn es doch aber wahr ist. Und einer hübschen Frau kann man nicht genug Komplimente machen.<<
>>Bisher habe ich mich immer für ein Mädchen gehalten. Aber du hältst mich bereits für eine Frau?<<
>>Nun, sagen wir, für eine, die auf dem Weg dahin ist. Hast du noch keinen Freund?<<
>>Nein, das würde mamma nie zulassen. Für die bin ich noch ein Kind. Noch dazu ein ungezogenes.<<
>>Du bist süß mit deiner Ehrlichkeit.<<
Velia errötete leicht und wechselte schnell das Thema. >>Im Charcot Pavillon soll es einmal im Keller den „ Orange Room “ gegeben haben. Da fandenTanzpartys statt. Das Krankenhauspersonal soll mit den Patienten gefeiert haben, beim sogenannten Karneval der Madman – Karneval dei pazzi. Organisiert hat ihn der damalige Anstaltsleiter Dottore Scabia. Das hat mir eine Patientin erzählt.<<
>>Eine, die schon so alt ist, dass sie damals daran teilgenommen hat?<<
Velia lachte wieder. >>Nein, sie ist zwar älter als ich, aber noch nicht so alt. Ich hätte große Lust, diesen Raum einmal aufzusuchen, trau mich aber nicht.<<
Читать дальше