An einem traurigen ungarischen Sonntag ein flüsterndes Zwiegespräch führend, von dem keine Silbe ans Ohr des einzigen Sohnes dringen durfte, beschloss das unglückselige Ehepaar als letzten Ausweg vor der unausbleiblichen Schande seine Flucht aus dem Dasein. Schluckweise ein verseuchtes Glas Wasser zelebrierend, bescherte ihnen dies rasch die gewünschte Cholera. Im Abschiedsbrief standen die Worte: "Gemeinsam gelebt, gemeinsam gestorben..."
Ähnliche Dinge vollziehen sich jeden Tag und jede Nacht, ob unter dem Mond oder unter der Sonne, viel öfter als man bedenkt, denn die Verzweiflung der Menschen, die ja jeden begleitet, bleibt immerzu gegenwärtig.
Von den rüden Ansprüchen der Gläubigerhorde kurzerhand vor die Tür des schmalen Familienhäuschens am sonnigen Várkerület (dem Graben) gesetzt, fand sich der junge, kaum 20-jährige, einzige Sohn des verstorbenen Ehepaares, Arpad Papp, ein schwärmerischer Tagträumer und Vielleser, der ohne weitere Verwandtschaft dastand, daraufhin ebenso obdach- wie zukunftslos auf der Straße wieder, wo man mit schmutzigen Fingern auf ihn wies. Aber unbekümmert um die unabsehbare Masse an Gestrauchelten und quasi über Nacht ans Elend Verlorenen, der nun auch unser Held, ohne jedes eigene Zutun dem Gespött preisgegeben, anheimgefallen war, schäumte das Leben ringsum rasch wieder so hoch auf, wie ein gutgefülltes Champagnerglas.
"Glücklich ist, wer vergisst..."
Die verrauchende Sektfröhlichkeit und den Katzenjammer des dramatischen >Schwarzen Börsenfreitags< völlig ignorierend, überschlugen die diversen Postillen sich, dessen ungeachtet, in unsäglich hochtrabenden Lobhudeleien der zum Desaster geratenen Weltausstellung.
Es wäre ein wahres Friedensfest, leierten die Journale, das die Nationen vom ersten Maientage bis Allerseelen in Wien feierten; das gesamte Kulturleben der Gegenwart, das ganze Gebiet der Volkswirtschaft würde damit zur Anschauung gebracht - und ein Naturpark, wie ihn keine zweite Reichshauptstadt hätte, böte die Szenerie für ein Schauspiel ohnegleichen, dessen famoser Industriepalast, die Maschinenhalle sowie der fabelhafte Kunst-Hof als wahrer Triumph des modernen Lebens anzusehen wären.
Von heißem Begehren, tiefer Seelenangst sowie eiskalten Nächten geschüttelt, durchwühlte der von allen Pforten gewiesene, gemiedene, verzagt in Ödenburg umherirrende Arpad Papp, auf steter Suche nach Nahrung inzwischen sämtliche Abfalleimer. Diverse Sonderausgaben und Festschriften zur Weltausstellung aus dem Müll fischend, ersetzten sie ihm, da er im Freien schlief, notdürftig sein verlorenes Bett. Einzig ein mildtätiger Mesner und wahrer Christ, der ihn am Fö-tér, dem Hauptplatz, auflas, gewährte dem jungen Mann schließlich, wenigstens seine Nächte in der Sakristei der dort befindlichen Benediktinerkirche verbringen zu dürfen.
Hungrig harte, aus den Futtersäcken der Pferde gestohlene Brotrinden verschlingend und seinen Durst am Weihwasserbecken löschend, studierte der Entwurzelte dort, vor Kummer fast schlaflos, im fahlen Kerzenschein seine gehorteten Broschüren. Die vergangenen, quälenden Ereignisse noch deutlich vor sich, die ihm sein Elend bescherten, las er umso aufmerksamer Zeile um Zeile durch und wiederholte sich sorgsam Absatz für Absatz seiner Lektüre, da er nichts Besseres wusste.
Fadenscheinig genug, schlackerte der vorgefundene Zeitgeist mit seinen Flügeln – und häufte emsig Gulden auf Gulden. Trotz aller Seichtigkeit der jeweiligen Sprache und aller aufgetischten Lügen, füllten sich die Panzerkassen all der schreibseligen Halunken, deren Gerissenheit einzig den Götzen Mammon anhimmelte, jedoch wie mittels einen Magneten. Ungeduldig geworden, aber auch ärgerlich, erblickte der junge Leser hinter der Hohlheit der Worte plötzlich ein tiefes intellektuelles Loch, auf dessen Grund nur schlammige Vornehmheit faulte.
Ungenutzte Kräfte in sich wahrnehmend, hielt Papp nachdenklich inne – eine jäh vor ihm aufsteigende Fata Morgana ehrenvollen Strebens und selbstverleugnender Ausdauer empfindend, wies diese einen denkbaren Weg aus seinem schuldlosen Unglück hinaus.
In der kleinen Stadt standen prächtige Bauten, aus denen Wohlstand und Annehmlichkeiten schauten, üppige Gärten, deren pralle Lebensfrüchte vor seinen Augen funkelten - alles Dinge und Sachen, die seine übergroße Not mit dem allmählich aufkeimenden, hoffnungsvollen Gedanken erfüllten, dem wegweisenden Winken jenes verheißungsvollen Wortgeklingels und modernistischen Geschreibsels einfach zu folgen.
Die ausgetretenen Steinstufen zur Sakristei emporsteigend, warf er sich in seinen abgetragenen Kleidern auf sein verwahrlostes Lager und weinte bitterlich. Aber als die Sonne über dem welligen Landstrich aufging, war es damit vorbei. Ein junger Mann von guten Fähigkeiten und Neigungen, musste er, anstatt sich in sein bitteres Los zu fügen, fähig sein, dieselben bloß dafür nutzen, sich selber zu helfen, sein Glück zu machen und ebenfalls ein Zeitungsschreiber werden.
Etiennes glänzender Aufstieg, dessen Blatt sich auf der Weltausstellung in einem eigenen Pavillon präsentiert hatte, markierte einen leuchtenden Pfad; vom Anhauch satter Druckerschwärze umweht, triumphierte der Journalismus – offenbar unangefochten um Lüge und Wahrheit – unbesorgt um sämtliche Katastrophen am äußersten Vorgebirge der Menschheit, ohne sich dabei auch nur die Hosenbeine schmutzig zu machen. Wo sonst mochten sich noch bessere Aussichten für Papp finden lassen, sein böses Missgeschick in reinstes Glück zu verwandeln?
Ursprünglich mit einer gewissen Mutlosigkeit behaftet, die wie eine unsichtbare Last auf seine schwächlichen Schultern drückte, erwachte in ihm ein geradezu animalisches, unbilliges Streben nach Höherem. Gleichzeitig einen gewaltigen, nie zuvor gekannten Heißhunger verspürend, ein unsagbares Fressgelüst, sich mit fetten Karpfen, Geflügel, Schöpsernen, Schwein, Rind, Wild, Süßigkeiten, Kraut, Knödel und sonstigen Köstlichkeiten den Magen voll zu stopfen und literweise schwarzes Bier und Wein nachzuspülen, blickte Papp, von seinen Wünschen nahezu beinahe schon neubelebt, in eine rosige Zukunft voraus. An ungebrochenen Gestalten, bildhaften Superhelden und sonstigen polymorphen Vorbildern, wie etwa dem archaischen Briten Cameron, der seine Phantasie besonders bewegte, fehlte es Papp nicht.
Schon in jungen Jahren Führer der Livingstone-East-Coast- Expedition geworden, war es dessen Aufgabe gewesen, dem von Stanley im Inneren Afrikas aufgefundenen, verschollen geglaubten, großen Forscher Livingstone neue Hilfsgüter zuzuführen. Schon auf halbem Wege zum Tanganjika-See in Unjanjembe eingetroffen, hatte man Cameron dort aber nur noch die Leiche des mittlerweile verstorbenen Livingstones präsentiert.
Radikal abgemagert, von schweren Fieberkrämpfen niedergeworfen und todkrank, waren Camerons Augenlider zugeschwollen, während Scharen beißendes, stechendes Ungeziefer ihm das Blut aus dem Körpers schlürften. Obgleich sein Begleiter Dr. Dillon sich im Delirium erschoss, rappelte das quicke englische Stehaufmännchen sich zählebig wieder hoch - Kopf und Fuß beherzt in gefährliche Steppen und Urwälder setzend, führte Cameron seine wilde Entdeckungsreise unbeirrt weiter fort – ein Beispiel, das Papp endgültige Aufbruchsstimmung und entsprechenden Schwung verlieh, sein eigenes Dasein in ähnlicher Weise mit einem Ruck zum Bessern zu wenden.
Noch die keinen Meter entfernten, kalten Kirchenmauern mit ihren vergilbten Wandmalereien anstarrend, reifte in ihm, das gespenstische, nächtliche Wabern des uralten, düsteren Gebäudes um sich, bereits der ebenso kühne Plan, in die von ihm unerforschte Terra incognita des Sprachdschungels und seiner rätselhaften Grammatik vorzudringen, die nicht nur regelmäßiges Essen und Trinken, sondern auch die wundersamen Gaben des Zeilenhonorars, der Spesenabrechnung sowie - nicht zuletzt – Anerkennung und Aufstieg versprachen, mithin also ausreichende Gründe genug, um klopfenden Herzens und Furcht erfüllten Blickes nächst des antiken Gambrinus-Hauses im schäbigen Redaktionsbureau des >Ödenburger Boten<, eines regionalen Käseblatts, vorstellig zu werden.
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