Während die große Not, die Menschen und Ratten gleich hungrig zurücklässt, immer unverschämter um sich griff, ohne noch ihren Höhepunkt zu erreichen, betrug die Wahlberechtigung im Lande satte sechs Prozent der Bevölkerung, während die Mindeststeuerleistung, erst mit diesjähriger Verordnung herabgesetzt, bei 10 Gulden lag. Durch die Ausbeutung seiner böhmischen Sklaven ein ungeheures Vermögen zusammenscharrend, war aus dem Ziegelbrenner Heinrich Drasche ein Edler von Wartinberg geworden; sich eine Barttracht in kaiserlicher Manier erlaubend, wurde der behäbige Bierbrauer Markhof zum Ritter von Mautner, wogegen der Geldschrankfabrikant Wertheim gar zum feinen Baron avancierte. Zwei gewiefte Journalisten, hatten Michael Etienne und Max Friedländer die >Neue Freie Presse< gegründet und residierten seither in einem Palast ähnlichen Ringstraßengebäude. Mittels seiner Einrichtungen und modernsten Maschinen sämtliche Konkurrenten an pekuniären Erfolgen weit übertrumpfend, war das Blatt im Eilzugtempo zum absoluten Bannerträger der verfassungstreuen, deutsch-österreichischen Bevölkerung geworden. Gleichzeitig mit dem Kaiserjubiläum hatte in Wien, wo der Himmel bekanntlich immer voller Geigen hängt, mit großem Pomp die Weltausstellung begonnen. Dem emsigen Architekten Hasenauer war es solcherart vorbehalten gewesen, nach Entwürfen, die das Gremium einem Engländer abgekauft hatte, eine 80 Meter hohe, riesenhafte Kuppel, 105 Meter im Durchmesser, die so genannte Rotunde, zu konstruieren. Verbündeten wie gegnerischen Mächten sollte vor ungläubigem Staunen das Maul offenstehen, welche enormen, exorbitanten technischen Fortschritte der totgesagte alte Habsburgerstaat dennoch zu leisten imstande war.
Dergestalt eröffnete der Kaiser am 1. Mai in eigener Person die gigantische Weltausstellung im Wiener Prater. Unter den Anwesenden waren nicht nur sein alter Intimfeind Bismarck, sondern auch sämtliche europäische Potentaten, aber auch eine Reihe exotischer Adabeis wie der Juwelen funkelnde Schah von Persien, ein des Schreibens und Lesens unkundiger, ehemaliger Ziegenhirt, hochrangige Osmanen, Japanesen, Negerkönige mit Nasenringen, gepiercten Lippen, Löwenfellen und Speerträgern, aber auch der - sinnigerweise als ungarischer General - kostümierte Zar Alexander II. von Russland. Sie alle waren einträchtig nach Wien gereist, um hier dem erst 43-jährigen Herrscher von Gottes Gnaden, der schon als 18-jähriger Jüngling den Habsburgerthron erklettert hatte, ihre unentbehrlichen Glückwünsche aufzusagen. Das großangelegte Unterfangen der Weltausstellung, welches das nahezu atemlose industrielle wie kulturelle Tempo der zeitgenössischen Entwicklung in den Mittelpunkt seiner zukunftsträchtigen Botschaft stellte und zugleich der Versuchung erlag, mittels seines weit gespannten technisch-geistigen Überbaues das Kaiserjubiläum gewissermaßen gebührend zu krönen, erwies sich jedoch allzu rasch bloß als hohler Gipfelpunkt des aufgeputschten Gründerzeitrausches. Während die Hofburg und die modernisierte Stadt, in der überdies eine Choleraepidemie ausbrach, weiterhin Schauplätze glanzvoller Festivitäten waren, wie man solche seit dem vielzitierten Wiener Kongress nicht mehr erlebt hatte, kam es nur ganze 8 Tage später zum gewaltigen Börsenkrach, der das ganze Ausmaß an falscher Prosperität brutal entlarvte. Allein seit 1870 waren in Wien 33 Bankhäuser gegründet worden, 1872 gleich 530 fressgierige, Messer und Gabel bewehrte, neue Aktiengesellschaften dem urbanen Boden entstiegen. Ihre eleganten Kontore überschwemmten die Börse mit drei Milliarden Gulden Papierwert, hinter denen in Wahrheit nicht einmal eine Milliarde an Gründungskapital stand. Noch in den letzten Tagen vor dem großen Crash wechselten Wertpapiere in der unverschämten Höhe von 20 Millionen Gulden ihre Besitzer, kauften hasardierende Spekulanten und Glücksritter mit ihrem letzten Geld die heiß begehrten Coupons - wer nimmer liquid war, kaufte auf Kredit. Die Kurse zogen somit weiterhin an und eine Unzahl an Spekulanten warteten fiebernd ab, um ihre Aktien zu noch höheren Preisen absetzen zu können.
Die Regierungspartei, hieß es indessen hämisch, betreibe im Parlament Börsengeschäfte und mache an der Börse Politik.
Aber die euphemistischen Pressemeldungen, die zunächst noch einem so genannten "Reinigungsprozess, den die Börse seit Wochen durchmachen müsse" das Wort geredet und die Tatsachen schöngefärbt hatten, trogen. Innerhalb einer einzigen Stunde des 9. Mai stürzte die Credit-Aktie zu wohlfeilen 25 Gulden plötzlich ins Bodenlose - 5000 Gulden in österreichischen Staatspapieren brachten kaum mehr den Gegenwert von 500 Gulden. Acht Großbanken sagten darauf Konkurs an, 40 weitere Banken wurden liquidiert, sechs Versicherungen sowie ganze 52 (!) Industrieunternehmungen gingen kopfüber bankrott, der gesamte Geld- und Kreditapparat schlitterte in den Abgrund. Zu wertloser Makulatur geworden, brach der heißgelaufene Aktienmarkt zusammen wie ein Kartenhaus.
Tausende Pleite gegangene Firmen, unzählige Einzelinsolvenzen, eine schier unübersehbare Masse augenblicklich ruinierter, bürgerlicher Existenzen waren die Folge. Aber auch namhafteste Kreise waren der hitzig überschwappenden Spekulationswelle letzthin auf den Leim gekrochen - selbst der Kaiser besaß Aktien der Ferdinand-Nordbahn sowie der Mährisch-Schlesischen-Nordbahn, aus denen er Dividenden bezogen hatte. Eine Welle von Selbstmorden griff seuchenartig um sich - wer keine Schusswaffe erübrigen konnte, schluckte Gift, hing sich einfach am Halse auf, stürzte sich aus dem Fenster, oder fügte sich sonst wie den Ehrentod zu. Endlose Leichenzüge wankten, fromme Litaneien absingend, den Friedhöfen zu, Armenbegräbnisse hatten Hochsaison.
Selbst der im Dänischen Feldzug erfolgreich gewesene Militärkommandeur General von Gablenz, schied freiwillig aus dem Leben.
Teil 1:
DIE CRUX DER AUSWÄRTIGEN INTERESSEN
1. Kapitel
"Fortschritt" lautete einer der meist strapazierten Begriffe der Zeit und fortschrittlich befand man die Bartmatratzen der Herren sowie die neuentwickelten Fliegenfänger.
Die alte Garnisonsstadt Ödenburg, im gleichnamigen ungarischen Komitat südöstlich des Neusiedler Sees, hinkte dem Fortschrittlichkeitswahn der großen Welt draußen zwar stets hinterher, doch inmitten der sanft gewellten, pannonischen Landschaft verlief das Leben dafür in einem ewig ruhigen Gleichmaß dahin.
Das Städtchen besaß mehrere katholische und evangelische Schulinstitute, eine historisch bedeutsame Benediktinerkirche, einen ansehnlichen Stadtturm mit funktionierendem Glockenspiel, einige mittelalterliche Baudenkmäler, eine alte, schon 1623 gegründete Stadtapotheke. Außerdem verfügte es über eine Reihe qualitativer Wein- und Bierhäuser zu durchaus zivilen Preisen. Malerisch und klein wie eine Postkartenidylle am Fuße eines grünen Hügels gelegen, verrannen die Wochen und Monate, nur von katholischen Feiertagen und Dragonerparaden unterbrochen, um zu ereignislosen, schläfrigen Jahren zu verfließen.
Doch so, wie ein Blitz aus heiterem Himmel fährt und da und dort eine Scheune in Brand setzt, ereilte das blindwütige Schicksal hier den unglückseligen Spekulanten Tibor Papp, einen bislang honorigen Bürgerschuldirektor, sowie seine schwäbische Gemahlin Katharina und riss beide aus ihrer gewohnten Beschaulichkeit.
Ein schwarzbärtiger Mensch mit Geschäftssitz am Schottenring in Wien, der beim Zusammenbruch seines Unternehmens einen Schuldenstand von rund 3 Millionen Gulden hinterließ, hatte den börsenunkundigen Schulmeister um seine gesamten Ersparnisse gebracht und obendrein noch auf hundert Jahre im Voraus verschuldet. „Mut, lieber Herr - nur Mut! Geschäft!" hatte der Schwarzbärtige seinerseits enthusiastisch geäußert. "Ihre große Chance steht vor der Tür. Flugs, greifen Sie zu, sonst ist sie für immer vertan - umarmen Sie einfach das Glück, Teschek! Nur immer rasch vorwärts!" Doch das Grauen und Entsetzen, das daraus folgen sollte, war übergroß und entsetzlich.
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