»Keiner kommt davon!«, dröhnte es im Raum.
Ich sah den Lehrmeister als Einziger direkt an. Fast hätte ich mich gemeldet; ich konnte mich kaum noch zurückhalten. Milch beschimpfte uns, dann sagte er: »Die erste Seite schreibt ...!" Während der nächsten Sekunden waren Angst und Anspannung im Raum zu spüren. Milch vollendete den Satz. Die meisten Lehrlinge atmeten erleichtert auf. Ich nicht.
»Ich bin doch nicht schwul!«, sagte Johann.
»Denk dir was aus! Sozialistisches Brigadeleben! Kampf um die Planübererfüllung! Wenn wir wegen dir kein Geld kriegen, dann mach dich warm!«, sagte der Lehrmeister und stellte Johann einen Tag für diese Aufgabe frei. Einen ganzen Arbeitstag für eine Seite! Ich konnte es kaum fassen. Die anderen Lehrlinge beneideten Johann zu meiner Überraschung nicht. Während er in der Baracke über eine sozialistische Lehrbrigade schreiben sollte, verdrahteten wir Baustahl in einer Baugrube, knieten bei Regen und Wind auf dem Boden. Die Kälte kroch in unsere Hände. Rostiges Grubenwasser durchnässte unsere Hosen. Als wir in der Pause den warmen Raum betraten, saß Johann am Tisch und verlor kein Wort über das Brigadetagebuch. Er sagte gar nichts. Milch suchte den halben Tag auf der Baustelle Dachziegel für sein Einfamilienhaus. Wahrscheinlich verschwendete niemand Gedanken an das Brigadetagebuch – außer mir.
Wie der Lehrmeister Johanns Arbeit beurteilte, erfuhren wir am späten Nachmittag. Wir hörten ihn schreien, bevor er Johann mitsamt dem Stuhl, auf dem er saß, aus der Baracke warf. Johann hatte nur das Datum geschrieben. Er kehrte erleichtert zu uns zurück in die Kälte, die Nässe, den eisigen Wind, zurück in die Baugrube. Die anderen Lehrlinge fragten ängstlich, wer der Nächste sein würde. Ich nicht. Als ich zwei Tage später endlich einmal mit dem Lehrmeister allein war, sagte ich, als sei es mir plötzlich eingefallen: »Ach ja, Meister, wenn Sie keinen zum Schreiben finden: Ich habe so was schon mal machen müssen.«
»Du?«, bellte er.
»Im Kinderferienlager. Es ging um die Natur. Blumen und Tiere beobachten.«
»Hier geht es nicht um Frösche, sondern ums Geld.«
»Ich mache es, wenn Sie es wollen.«
»Man muss doch nur die Seiten vollschmieren«, schnaufte er. »Ich würde es ja selber machen, aber ich habe keine Zeit!«
Am nächsten Tag blieb ich allein in der Unterkunft. Es war mir klar: Johann hatte sich das Leben in einer sozialistischen Lehrbrigade nicht vorstellen können. Ich aber war Schriftsteller. Ich hatte Fantasie. Ich erinnerte mich, dass wir drei Wochen lang nicht hatten arbeiten können, weil unser Baustahl gestohlen worden war. Lehrmeister Milch hatte damals die Wartezeit mit den Maurern in der Kantine verbracht. Die Lehrbrigade hatte die Baustelle fegen sollen. Stattdessen hatten wir in einer Halle gesessen, geraucht und geschimpft. In das Brigadetagebuch schrieb ich, dass der Baustahl von einer Firma aus dem kapitalistischen Westen nicht geliefert worden sei. Die sozialistische Lehrbrigade habe die Wartezeit auf neuen Baustahl genutzt, indem sie in Eigeninitiative die ganze Baustelle säuberte. Die Sowjetunion habe schnell und solidarisch neuen Baustahl geliefert und danach habe die sozialistische Lehrbrigade doppelt so hart gearbeitet, um den Plan zu erfüllen. Es fiel mir leicht zu schreiben. Ich fühlte mich wohl dabei. Als die anderen Lehrlinge am Abend schlecht gelaunt in die Unterkunft polterten, sagte ich nichts über meine Arbeit. Der Lehrmeister fragte nicht danach. Am nächsten Tag trieb er die Lehrlinge schimpfend aus der Baracke zur Arbeit, aber ich blieb sitzen. Milch ließ mich zurück, als sei es beschlossene Sache. Ich konnte es kaum fassen. In der Frühstückspause kamen sie zurück, schimpfend und schlecht gelaunt wie gewöhnlich. Es war alles wie immer, nur dass ich meine gute Laune verbergen musste. Als die Pause zu Ende war, scheuchte Milch die Lehrlinge wieder raus in die Kälte, in die Nässe, in den Wind, zum Baustahl in die Grube. Ich aber blieb in der warmen Unterkunft. Nach dem Mittagessen brüllte der Lehrmeister: »Raus, faule Bande!« Ich blieb sitzen. Am Nachmittag kam Johann – ausgerechnet er – auf der Suche nach einer Drahtbürste in die Unterkunft. Ich wachte gerade noch rechtzeitig auf. Johann sah mich mit dem Kuli in der Hand sorgenvoll über das Tagebuch gebeugt. Respektvoll pfiff er durch die Zähne. Dann kam der Moment, den ich seit zwei Tagen gefürchtet hatte. Der Lehrmeister wollte wissen, was ich geschrieben hatte. Kurz vor Feierabend kam er in die Baracke und las meine Seite im Brigadetagebuch. Er schwieg dabei. Seine Augenbrauen schoben sich zusammen. Die Zeit dehnte sich. Ich klammerte mich am Stuhl fest aus Furcht, wie Johann hinausgeworfen zu werden. Endlich klappte Milch das Buch zu – und sagte nichts. Er sah mich nicht einmal an. Mir wurde übel. »Sicher wartet er auf die anderen Lehrlinge, um mich richtig fertigzumachen«, dachte ich. »Großmutter hatte recht gehabt: Gott bestraft jede Schandtat!« Bald danach kamen die anderen Lehrlinge missmutig in die Baracke. Ich wusste, dass sich ihre Laune gleich verbessern würde. Der Lehrmeister wertete schimpfend den Arbeitstag aus, noch war alles wie immer. Dann hob er das Brigadetagebuch in die Höhe. Es wurde unerträglich. Ich schloss die Augen.
»Er hat eine Seite geschafft! In zwei Tagen eine Seite! Ihr müsst euch eine ganz fette Scheibe von ihm abschneiden!«
Völlig verblüfft öffnete ich die Augen wieder. Ein Lob des Lehrmeisters! Für mich! Das hatte ich nicht erwartet. Die anderen Lehrlinge auch nicht.
»Morgen schreibt Ludwig«, sagte Milch.
Ludwig wagte, dagegen zu protestieren.
»Du schreibst eine Seite und wenn du eine Woche in der Unterkunft sitzt!«, drohte der Lehrmeister.
In den nächsten Tagen bei der Arbeit in der Baugrube, dachte ich oft an Ludwig. Wie gern wäre ich an seiner Stelle gewesen. Die anderen Lehrlinge nannten ihn »das faule Schwein im Warmen«. Es war aber klar, dass keiner von ihnen an Ludwigs Stelle sein wollte – ich schon. Ludwig redete nicht über das Brigadetagebuch. Nicht am ersten Tag und nicht am zweiten. Ich wurde langsam unruhig. Er las gern Märchen – vielleicht konnte er über ein sozialistisches Lehrlingskollektiv schreiben? An seinem dritten Tag hörten wir den Lehrmeister in der Unterkunft brüllen: »Drei Sätze in drei Tagen! Ein Affe hätte mehr geschafft.«
Ludwig kam erleichtert und zufrieden zurück zu uns in die Baugrube. Als Nächster sollte Ingo schreiben. Der große, hässliche, starke Ingo.
»Ich kann so was nicht, Lehrmeister«, sagte er langsam.
»Du hast doch schreiben gelernt in der Schule. Oder nicht?«
»Ich schreibe kein sozialistisches Brigadetagebuch.«
»Das ist Arbeitsverweigerung.«
»Ich schreibe, was wirklich abgeht auf der Baustelle«, erwiderte Ingo ruhig. »Ich schreibe die Wahrheit.«
Der Lehrmeister behauptete, Ingo wolle uns in große Schwierigkeiten bringen. Er ahnte aber, dass Ingo imstande war, tatsächlich die Wahrheit zu schreiben. Schließlich wurde ich von ihm zum alleinigen Schreiber des Tagebuchs bestimmt.
Ich war stolz darauf. Talent hat man oder man hat es nicht.
Trotz des tristen Alltags als Lehrling verlor ich nie mein Ziel aus den Augen. Weil viele berühmte Schriftsteller am Anfang ihrer Karriere Kurzgeschichten geschrieben hatten, versuchte auch ich es. Themen zu finden, war aber nicht einfach. Erfahrungen wie das Säubern der Gullys auf der Baustelle, die von Maurern als Toilette benutzt worden waren, waren für Kurzgeschichten nicht geeignet. Dennoch schaffte ich es, in meinem ersten Lehrjahr eine Kurzgeschichte zu schreiben: »Der Idiot als Verbrecher«. Es ging um Knut aus dem Dorf einer meiner Tanten. Knut stand jeden Tag am Straßenrand – im Sommer wie im Winter in kurzen Hosen – und bewegte seinen Oberkörper ständig im gleichen Rhythmus hin und her. Er war völlig harmlos, aber in meiner Kurzgeschichte erlebte er kurze wache Momente, in denen er Nachbarn ausraubte. Am Ende starb ein Unschuldiger. Ich war sehr stolz auf meine Kurzgeschichte. Wo aber würde ich meine Leser finden? Die anderen Lehrlinge kamen nicht infrage, die hatten ja nicht mal mein Brigadetagebuch gelesen. Ich schickte »Der Idiot als Verbrecher« dem Schriftstellerverband der DDR des Bezirks Schwerin. Weil ich wochenlang keine Antwort bekam, glaubte ich, meine großartige Kurzgeschichte hätte die Schriftsteller eingeschüchtert. Endlich, nach fünf Wochen, kam ein Brief für mich zu Hause an. Der Lärm des Güterbahnhofs drang in mein brütend warmes Zimmer – aber auf meinem Bett lag der Brief des Schriftstellerverbandes der DDR für mich. Ich wusste, dass ich es geschafft hatte. Dass es so kommen würde, hatte ich seit dem Unfall mit dem Lkw gewusst. Ich öffnete den Brief. Eine Frau Böhm hatte mir geschrieben. Ich würde die Vorurteile der Bevölkerung Behinderten gegenüber bestärken, stand im ersten Satz. Im zweiten schrieb Frau Böhm, dass ich unbedingt die Regeln der Grammatik lernen müsse. Als Schluss: »Üben Sie weiter.« Drei Sätze hatte die Frau geschrieben. Ich war glücklich, dass mich der Schriftstellerverband der DDR nun kannte. Probleme des Alltags würden für mich nur noch nichtige Begleiterscheinungen sein. Der Hinweis auf Regeln der Grammatik war unwichtig. Homer hatte auch keine gekannt. Es war die historische Leistung der Frau, dass sie mein Talent entdeckt hatte. Wer auch immer sie war.
Читать дальше