»Ich?«, fragte Ludwig erschrocken.
»Genau. Du«, schnarrte Milch.
»Ich bin so was noch nie gewesen.«
»Dann wird ’s Zeit. Wer von den anderen hat was dagegen?«
Spätestens jetzt wusste Ludwig, dass er verloren hatte.
»Einstimmig angenommen«, verkündete der Lehrmeister. »Wer wird sein Stellvertreter?«
Es war kindisch, aber ich senkte sofort wieder den Kopf in der Hoffnung, dass es mich so nicht treffen würde.
»Was ist mit dir!«, hörte ich den Lehrmeister.
Ich starrte auf die zerkratzte Tischplatte. Die Sekunden vergingen. Als ich Ingos Stimme hörte, atmete ich auf.
»Ich bin doch gar nicht in der FDJ!«, sagte Ingo triumphierend.
Nun sahen ihn alle an. Ich kannte bis dahin nur einen Jungen, der nicht Mitglied der Freien Deutschen Jugend der DDR war: Reinhold, dessen Eltern den Zeugen Jehovas angehörten. Er hatte nicht an den FDJ-Versammlungen teilnehmen müssen, worum er von allen anderen Schülern beneidet worden war.
»In meiner Truppe sind immer alle in der FDJ. Du darfst nach der Lehre wieder austreten«, sagte Milch.
»Wer ist dagegen, dass er unser Stellvertretender FDJ-Sekretär wird?«
Niemand sagte etwas.
»Wir brauchen einen Kassierer für die Mitgliederbeiträge der FDJ. Wer will es freiwillig machen?«
Ein Freiwilliger wurde gesucht. Das war neu. Ich wusste nicht, welche Posten er noch verteilen würde, aber der des Kassierers erschien mir erträglich. Dieser Lehrmeister würde dafür sorgen, dass alle den Beitrag bezahlten. Ich hob eine Hand. Milch war überrascht.
»Ein Freiwilliger. Das gab es ja noch nie. Du bist der Kassierer. Das war alles.«
Anschließend erklärte er uns die Zukunft: »Die Lehrer in der Berufsschule haben euch sicher gesagt, dass die meisten Maurer einen anderen Beruf erlernen müssen, wenn das Wohnungsbauprogramm im Jahr 1990 abgeschlossen ist. Haben sie das?«
Wir nickten.
»Könnt ihr alles vergessen. Es wird nie genug Wohnungen in der DDR geben. Maurer haben immer Arbeit. Mein Kumpel Georg ist zwei Meter groß, hat ein Kreuz wie ein Kleiderschrank und Hände wie Schaufeln. Den ganzen letzten Sommer hat er schwarzgearbeitet und sich von dem Geld einen Trabi aus dritter Hand gekauft!«
Der Lehrmeister ließ das auf uns wirken, bevor er wie beiläufig erklärte: »In Berlin gibt es für Schwarzarbeit bei Professoren oder Künstlern sogar Westgeld!«
Jetzt waren wir wirklich beeindruckt.
»Wir Maurer sind die Größten im Arbeiter- und Bauernstaat!«, stellte unser Lehrmeister fest.
In den ersten Wochen fegten wir Lehrlinge die Baustelle. Milch war selten bei uns, denn er baute für seine junge Familie ein Eigenheim. Ständig suchte er Rohre, Klebebänder, Dichtungsmasse, Zement, Dachpappe, Verbindungsstücke für Dachrinnen, Zuschlagstoffe und anderes, was man in der DDR nicht kaufen konnte, was aber auf der Baustelle vorhanden war. Die Maurer auf der Baustelle gaben ihm das Material, wofür er ihnen Bier und Schnaps in der Kantine spendierte. Wir Lehrlinge ärgerten uns, dass er als Nichtraucher uns das Rauchen auf der Baustelle verboten hatte. Sechzehnjährigen in der DDR war vieles verboten, aber nicht das Rauchen. »Alle anderen dürfen auf der Baustelle qualmen! Der Milch quält uns! Er unterdrückt uns!«, schimpften wir laut in seiner Abwesenheit. Wir rauchten heimlich, wenn Milch mit seinem Motorrad Material auf seine private Baustelle schaffte. Einer von uns passte auf, dass er uns bei der Rückkehr nicht beim Rauchen überraschte. Es war schwer, ihn zu täuschen: Als Nichtraucher hatte eine feine Nase für den Nikotingeruch. Oft fragte er grimmig: »Wer von euch hat geraucht?« Natürlich beteuerten wir immer, er würde sich irren. Ein Maurer mit Zigarette sei gerade vorbeigegangen, zwei Maurer, eine Brigade! Schließlich verbot er uns den Besitz von Zigaretten auf der Baustelle. Wir versteckten sie vor ihm, er suchte sie. Milch sah unter Eimer und Kübel, stocherte im Kies umher, riss Steinhaufen auseinander, bis er Zigaretten gefunden hatte. Mit seinen wulstigen Händen zog er vorsichtig eine Zigarette aus der Schachtel und betrachtete sie genau. Dann riss er behutsam das dünne weiße Papier auf und bröselte den Tabak auseinander. Hatte er die Zigarette zerstört, holte er die nächste aus der Schachtel. Hatte er ein dickeres Stück Tabak in einer Zigarette gefunden, zeigte er es uns freudestrahlend: »Ein Balken! Ein Balken! Ein Balken!«
Es war grausam, seine Freude ertragen zu müssen. Seine Trauer, wenn er alle Zigaretten zerstört hatte, ohne einen Balken gefunden zu haben. Bald nahmen wir nur zwei oder drei Zigaretten mit auf die Baustelle, um den Verlust erträglicher zu machen. Einmal stand Milch plötzlich zwischen uns, als wir rauchten. Wir drückten hastig die Zigaretten aus; Milch zerrieb Zigaretten. Plötzlich packte er Johann, einen starken Raucher, an der Jacke und tastete ihn ab. Das war noch nie geschehen. Johann ertrug es widerstandslos. Deshalb waren wir überrascht, als Milch eine Schachtel Zigaretten aus Johanns Jacke zog. Eine fast volle Schachtel! Filterzigaretten! Aus dem Westen! Wir konnten es kaum glauben. Der Lehrmeister auch nicht. »Meine ersten Westzigaretten!«, staunte er. Johann betrachtete mit seltsam abwesendem Blick die Schachtel Zigaretten in den Händen des Lehrmeisters. Plötzlich, wie aus einem Traum erwacht, rief er: »Das sind meine!«
»Sie werden es bleiben«, sagte der Lehrmeister sehr freundlich.
»Die habe ich von meinen Westverwandten gekriegt!«, rief Johann aufgeregt.
»Wir wollen sehen, ob die Westdeutschen Balken produzieren können«, sagte der Lehrmeister.
Alle wussten, dass der feine Tabak von Westzigaretten keine Balken enthielt. Johann starrte auf die wulstigen Finger, die langsam die erste Zigarette aus der Schachtel zogen. Plötzlich riss er die Schachtel aus der Hand des Lehrmeisters. Wir waren verblüfft, auch so etwas war noch nie geschehen. Johann versuchte zu fliehen. Er lief mit seiner Schachtel in der Hand um den Kübel mit Mörtelmischung, der zwischen ihm und Milch stand. Der Lehrmeister langte über den Kübel, packte den Lehrling am Kragen und riss ihn zu Boden. Johann lag auf dem Rücken und versuchte, die Schachtel mit ausgestreckten Armen von Milch fernzuhalten. Der schwere, massige Mann hockte auf dem kleinen, schmächtigen Jungen und drückte ein Knie auf dessen Brustbein. Johanns Gesicht lief rot an. Günter Milch schnaufte und drückte. Johann schrie und fuchtelte mit den Armen. Das Schreien wurde leiser. Bald röchelte Johann nur noch. Am Anfang waren wir übrigen Lehrlinge empört über das Verhalten des Lehrmeisters, voller Mitgefühl für unseren Kameraden gewesen. Als Johann dem Erstickungstod nahe war und dennoch weitergekämpfte, hatten ein paar von uns schon Tränen in den Augen. Die meisten mussten längst sitzen, so sehr lachten wir. Wie der Lehrmeister mit dem erstickenden Lehrling um eine Schachtel Zigaretten rang, war einfach zu komisch. Am Ende konnte Milch die Schachtel ergreifen. Er wälzte sich von Johann, der wie tot liegen blieb. Es war höchste Zeit, ich hatte schon Bauchschmerzen vor Lachen. Später versicherten wir Johann, dass er uns sehr leidgetan hätte. Natürlich fand Milch nicht einen Balken im feinen Tabak aus dem Westen.
Meine erste Mauer stieß unser Lehrmeister einfach mit dem Fuß um. Dabei hatte ich mir so viel Mühe mit ihr gegeben. Sorgfältig hatte ich die ersten Steine auf den Boden an einem gespannten Faden entlang gelegt. Hatte ein Stein nicht richtig auf meiner Mauer gelegen, hatte ich ihn erneut darauf platziert. So beschäftigt war ich mit meiner Mauer gewesen, dass ich kaum die der anderen Lehrlinge beachtet hatte. Am Ende hatte der Lehrmeister meine Mauer lange schweigend betrachtet, bis er sie mit dem Fuß umstieß. Dann behauptete er, er habe noch nie so eine missratene Mauer gesehen.
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