Aber ich wollte ja sowieso Schriftsteller werden.
Wir Lehrlinge diskutierten wochenlang miteinander, ob wir den Lehrmeister verprügeln konnten, aber den meisten war er zu stark, zu gefährlich. Aber eines Tages, als wir Schalungen für ein Fundament in einer Baugrube aufbauten, erschien der Milch nach stundenlanger Abwesenheit am Rand der Baugrube. Er beobachtete schweigend, wie wir arbeiteten. Schließlich stieg er zu uns herunter und zog schnaufend Luft in die Nase. Wir waren sicher, dass er kein Nikotin riechen würde, denn wir hatten ihn dieses Mal rechtzeitig gesehen.
»Wer hat geraucht?«, schnarrte er. Keiner von uns hielt eine Antwort für nötig, denn Milch war betrunken. Vor einem Kübel mit Mörtel blieb er stehen. »Was ist das? Pferdepisse?« Die Mörtelmischung war tatsächlich zu dünn. Der Lehrmeister kippte den Kübel samt Inhalt um, sodass sich die Mischung in die Baugrube ergoss. Plötzlich packten Ingo und Ludwig ihn an den Armen und warfen ihn zu Boden. Der Lehrmeister war überrascht, wehrte sich dann aber heftig gegen die beiden. Ludwig schrie Kevin an, er solle ihnen helfen, aber der rührte sich nicht. Wir beobachteten fasziniert Ingos und Ludwigs Kampf mit dem Lehrmeister. Milch hätte die beiden fast von sich geworfen, aber schließlich sprangen alle – außer Kevin – hinzu und drückten ihn auf den Boden, wo er wie ein fetter, großer Käfer zappelte. Wir wussten nicht, wie weiter. Der Lehrmeister wehrte sich schweigend. Einige Minuten vergingen. Dann ließen wir ihn wie auf Kommando los und sprangen zurück. Milch stand auf, rückte seine Jacke der Gesellschaft für Sport und Technik zurecht, schrie uns böse an: »Das werdet ihr büßen!« und verschwand. An dem Tag sahen wir ihn nicht mehr. Später erwähnte er den Vorfall nie. Aber offensichtlich hatten wir ihm Respekt abgerungen, er nahm sich ein wenig zusammen.
Mit meinem Mitlehrling Rolf besuchte ich die Diskothek im Haus der »Deutsch-Sowjetischen Freundschaft«. Rolf prahlte gern mit seinen Erfolgen bei Mädchen: »Ich habe an jedem Finger zehn!« Boxer sei er gewesen, behauptete er. Olympia-Kader der DDR! Er habe »wegen der Weiber« die Sportschule verlassen müssen. Rolf war als Kind mit seiner Familie aus Polen in die DDR gekommen. Oft erzählte er von seinen Verwandten in Polen. Riesige Höfe mit Scharen von Hühnern, Gänsen und Enten würden sie besitzen. Er müsse dort gebratene Hühnerkeulen, Eisbein und geräucherte Gänsebrust essen bis zum Erbrechen. Wir bezweifelten, dass seine Verwandten so gut lebten, aber keiner von uns war je im Ausland gewesen. Als Ingo einmal sagte, dass Rolfs Nachname polnisch klinge, hatte der mit seinem schwachen ausländischen Akzent aggressiv geantwortet: »Wir sind keine dreckigen Polen! Der Name Szalowskie ist ein kerndeutscher Name aus Schlesien!«
Es war fast unvermeidlich, dass wir zueinander fanden.
»Du willst doch auch in die Disko. Ich kann dich mitnehmen«, sagte Rolf eines Tages großzügig.
»Ich kann doch nicht tanzen!«
»Das ist doch leichter als scheißen. Los! Ich zeige es dir.«
Wenig später standen wir Arm in Arm im Zimmer.
»Tanzen lernt jeder Idiot sofort«, sagte Rolf. »Du musst meine Hände richtig halten. Setz deine Füße richtig. Drehen. Sofort. Mit dem rechten Fuß zwei Tipps nach vorn und mit dem linken einen Tipp nach hinten. Schwung.«
»Was ist ein Tipp?«
»Das ist Tanzschulfachsprache.«
Rolf schwang mich über das Linoleum. Ich trat ihm auf die Füße.
»Richtig tippen, Blödmann!«, rief Rolf wütend. »Tippen, tippen!«
Plötzlich stieß er mich von sich: »Ich schlage dir in die Fresse! Ich schlag rein! Nur einen Schlag!« Er sah mich wütend mit geballten Fäusten an. Ich versuchte, ihn zu besänftigen. Rolf hatte oft erzählt, dass und wie er schnell zugeschlagen hatte – wegen der »Weiber« und auch sonst. Schließlich beruhigte er sich.
Als er mich das zweite Mal von sich schob, fuhr seine Faust wild durch die Luft. »Ich baller zuerst in deine Magengrube und dann auf dein Kinn. Ein Schlag und du krümmst dich zusammen. Brüllst tierisch. Dann schickt meine Faust dich in den Himmel. Klaro?«
Ich redete beruhigend auf ihn ein. Endlich übten wir weiter, bis er mich wieder von sich stieß.
»Du hast genug gelernt.«
»Ich kann tanzen?«
»Du musst die Weiber immer so führen wie ich.«
»Wie meinst du das?«
Rolf starrte mich an, als hätte er gerade erkannt, dass ich noch dümmer war, als er gedacht hatte.
»Denkst du, ich tanze so wie du? Wie eine Frau?«
Wir Lehrlinge durften den Plattenbau nur verlassen, wenn wir gute Noten bei der Zimmerreinigung bekamen. Eines Tages hatten Rolf und ich es tatsächlich geschafft: Unsere Wohnung war nach Meinung der Erzieherin vom Dienst so sauber, dass wir die Genehmigung erhielten. Bevor sie uns gestattete, das Heim zu verlassen, erinnerte sie uns daran, welche Vergehen welche Strafen zur Folge haben würden. Dann erhielten wir die Ausgangsmarke, ein Stück Eisen mit eingestanzter Nummer, deren Verlust einen Monat Ausgangssperre bedeuten würde. Wir bereiteten uns gründlich auf den Besuch der Diskothek vor. Rolf putzte seine Zähne mit einem Waschmittel für Buntwäsche, damit sie strahlend weiß wurden, weil er ein Mädchen kennenlernen und »bumsen« wollte. Er trug seine schwarze, dick gerippte Hose. Ich hatte mir für die Disko eine braune Hose angezogen. Ich hätte gern eine Jeans gehabt. Eine echte Jeans. Eine Levi’s. Für Maurerlehrlinge gab es keine männlichere Hose als dieses Symbol des amerikanischen Imperialismus. Rolf besaß angeblich drei. Die Weiber würden schwach werden, wenn sie seine muskulösen Beine in den hautengen Jeans sehen würden, behauptete er.
Bei unserer Ankunft standen Jugendliche in einer schier endlos langen Schlange vor der Diskothek. Während der Stunden des Wartens und Vorrückens in der Schlange in Richtung Eingang dachte ich über meine Chancen bei Mädchen nach. Ich hatte erfahren müssen, dass sie nicht größer wurden, wenn ich erzählte, dass ich Baufacharbeiterlehrling war. Rolf hatte gesagt, dass wir uns als Studenten der Zahnmedizin ausgeben sollten. Das würde Mädchen beeindrucken. Ich wusste aber nichts über Zahnmedizin und konnte nicht glauben, dass uns jemand für Studenten der Zahnmedizin halten würde. Wir sahen wie Baufacharbeiterlehrlinge aus. Rolf sprach zwei Blondinen vor uns in der Schlange an. Er sagte, wir wären Studenten der Zahnmedizin.
»Zahnarzt? Du? Wer ’s glaubt, wird selig!«, sagte die blasse Blonde.
»Ich kann dich ja küssen! Dann spürst du es!«, erwiderte Rolf frech.
Die andere Blondine lächelte.
Als die Eingangstür der Diskothek geöffnet wurde, zuckte die menschliche Schlange wie nach einem Stromschlag und wandte sich hin und her. Rolf und ich wurden umhergeworfen, nach vorn, zur Seite, nach hinten. Es kostete uns Kraft, in der Schlange zu bleiben. Wir wussten, würden wir hinausgeworfen, würden wir nicht wieder hineinkommen. Aneinandergeklammert gelangten wir Schritt für Schritt näher an den Eingang. Endlich konnte ich ihn in der Ferne erkennen. Beim Anblick der Gesichter der Türsteher Stunden später verlor ich fast die Hoffnung, dass wir es in die Disko schaffen würden. Unser Kampf um den Platz in der Schlange wurde in der Nähe des Eingangs noch härter. Mädchen kreischten. Ich hatte Angst um meine Rippen. Vor dem Eingang ging es um jeden Zentimeter. Jeder kämpfte. Niemand wusste, wann die Türsteher die Tür endgültig schließen würden. Mädchen wurden über unsere Köpfe hinweg in die Diskothek gezogen. Rolf und ich waren schließlich an der Tür. Ein Türsteher ergriff mich am Hals und versuchte, mich aus der Schlange zu lösen. Ich stemmte mich mit ganzer Kraft gegen die Schlange, während er an meinem Hals zerrte. Endlich gab mich die Schlange frei und ich fiel in den Eingang. Ich hörte Rolfs Brüllen, sah seinen aufgerissenen Mund, Teile seiner Kunstlederjacke und seinen verdrehten Oberarm in der Masse. Er kämpfte verbissen. Nachdem die Türsteher auch ihn hereingezogen hatten, schlossen sie mit einem gewaltigen Ruck die Tür. Die Schlange brüllte.
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