Wir richteten uns notdürftig in der Toilette wieder her, dann stellten wir uns an die Tanzfläche, denn die Plätze an den Tischen waren besetzt. Es war sogar an den Wänden des Saals nichts mehr frei. Ich hoffte auf ein Mädchen, das mit mir tanzen würde. Gab es solche Mädchen in der Bezirksstadt? Die Blondinen aus der Schlange vor uns hatten es auch hineingeschafft. Sie tanzten zusammen in unserer Nähe. Auf meine Frage, ob wir mit ihnen tanzen wollten, schrie Rolf mir ins Ohr: »Die wollen nicht ficken!"
Ich zeigte Rolf hübsche Mädchen in der Hoffnung, dass er sie mit mir zum Tanzen auffordern würde. Er reagierte jedes Mal beleidigt. Mir wurde klar, dass er sehr hohe Ansprüche hatte. Endlich entdeckte er auf der Tanzfläche ein Mädchen nach seinem Geschmack. Ich sollte mit der hässlichen Freundin tanzen. Wir forderten die beiden auf und ich sagte meiner Tanzpartnerin sofort: »Ich kann nicht richtig tanzen!« Es schien ihr nichts auszumachen, dass ich ihr immer wieder auf die Füße trat. Wegen der lauten Musik schrie ich meiner Partnerin ins Ohr: »Gehst du nur hierher oder auch woanders hin?«
»Wir gehen überall hin, aber schön ist es nur im Casino«, schrie sie.
Ich hatte schon von der Diskothek gehört.
»Ich bin auch gern im Casino«, schrie ich.
»Ich habe dich noch nie dort gesehen!«, schrie das Mädchen.
Rolf schleuderte derweil ihre hübsche Freundin über die Tanzfläche.
Mein Mädchen ließ sich nicht zu einem zweiten Tanz überreden. Ich stellte mich wieder an die Tanzfläche. Mein Bier war gestohlen worden. Ich forderte Mädchen zum Tanzen auf und erhielt Absagen. Ein Mädchen an einem Tisch schüttelte den Kopf, bevor ich ein Wort sagen konnte. Ein sehr temperamentvoll allein tanzendes Mädchen lehnte fröhlich ab. Rolf tanzte mit seinem Mädchen bis zur Pause. Später erzählte er mir, es sei scharf auf ihn gewesen. Weil der Barkeeper mir kein Bier verkaufen wollte, ging ich in die andere Bar der Diskothek. Deren Barkeeper unterhielt sich mit Gästen. Es ging um ein Seegrundstück, das ein Bekannter von ihnen gekauft hatte. Ich wartete schweigend an der Bar darauf, dass er mich beachtete. Später verkaufte er mir tatsächlich ein Glas Bier. Und dann wurden an dem Tisch neben der Bar sogar Plätze frei. Endlich konnten wir sitzen. Rolf war enttäuscht von den Mädchen in der Disko. »Keine Weiber hier!«, schimpfte er. Als ich nach einer weiteren vergeblichen Aufforderung zum Tanz an unseren Tisch zurückkam, saßen dort zwei fremde Männer. Zu ihnen gehörte eine junge Frau auf einem Hocker an der Bar, die Freundin oder Ex-Freundin von einem der beiden Männer, wie ich aus der Unterhaltung der drei erfuhr. Rolf stierte finster in den Raum. Die Männer beachteten uns nicht. Ich hörte, dass sie Autoschlosser waren. Ein angesehener Beruf in einem Land, in dem man Jahre auf ein Auto aus Pappe warten musste und Ersatzteile dafür nicht kaufen konnte. Plötzlich sprach mich der eine Mann zu meiner Überraschung an.
»Tanz mit ihr!«, sagte er und wies mit dem Daumen auf seine Freundin oder Ex-Freundin an der Bar. Ich sah die füllige Frau in ihrem engen Kleid überrascht an. Herausfordernd erwiderte sie meinen Blick. Eingeschüchtert sah ich weg. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich rührte mich nicht vom Fleck.
»Wird ’s bald?«, fragte der Autoschlosser.
Ich konnte der Frau unmöglich einen Korb geben. Viel zu gefährlich. »Ich will vorher nur noch kurz auf Toilette«, murmelte ich.
»Aber dalli, dalli«, sagte der Mann.
Ich sah Rolf an in der Hoffnung, er würde verstehen, und flüchtete nach draußen.
Das Leben als Maurerlehrling empfand ich als geistlos. Bei meinem ersten Ausgang entlieh ich daher Albert Einsteins »Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie« aus der Bibliothek. Die anderen Lehrlinge interessierten sich vor allem dafür, wie viel Westgeld sie später durch Schwarzarbeit nach Feierabend verdienen würden. Wie erhaben war dagegen Einsteins Relativitätstheorie. Außer mir las nur noch ein Lehrling in der Zweizimmerwohnung: Ludwig lag abends auf seinem Bett, bewegte bei jeder Silbe seine Lippen und brauchte für jedes Kinderbuch ein paar Wochen.
»Was ist das für ’n Quatsch?«, fragte er mich, als er bemerkte, dass auch ich ein Buch las.
»So was wie Marx und Lenin. Nur anders.«
Weil ich endlich meinen Namen schwarz auf weiß auf Papier gedruckt sehen wollte, besuchte ich die Lokalredaktion der Schweriner Volkszeitung, ein Blatt der SED. In einem kleinen Büro saß ein schlanker, bleicher junger Mann mit einer Halbglatze an einem Schreibtisch hinter einer Schreibmaschine und Stapeln von bedrucktem Papier. Ich vermutete, dass er als Journalist neidisch sein würde, wenn ich mich als angehender Schriftsteller vorstellte. Deshalb behauptete ich, es sei mein Traum, Journalist zu werden. Der Mann hatte plötzlich gute Laune.
»Was lernst du?«, wollte er wissen.
»Baufacharbeiter.«
»Das ist gut, das ist gut. Was hast du schon geschrieben?«
»Artikel für die Wandzeitung in der Schule«, log ich.
»So haben wir alle angefangen. Weißt du, was du unbedingt brauchst für deinen Traum? Weißt du das?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Talent!«, triumphierte er. »Die Leute denken, man schmiert schnell ein paar Zeilen zusammen. Die Doofen.«
Der Mann redete. Ich hörte zu. Ja, das waren sie, die Schwierigkeiten, die jeder große Schriftsteller am Anfang seiner Laufbahn überwinden musste. Der Mann hatte keine Ahnung. Der hatte überhaupt keine Ahnung.
»Schreiben, schreiben, schreiben«, sagte er. »Lesen, lesen, lesen: besonders meine Artikel. Du musst unter Zeitdruck liefern können, sonst ist der Journalismus nichts für dich. Schreib über deine Arbeit auf der Baustelle. Ich drucke es, wenn es was taugt. Stell es dir aber nicht einfach vor. Lutz ist schon seit vier Wochen Volkskorrespondent und hat noch keinen Artikel veröffentlicht.«
Erst jetzt bemerkte ich, dass wir nicht allein in dem kleinen Raum waren. Ein schmächtiger Junge hockte hinter dem Journalisten geduckt auf einem Stuhl und sah mich hasserfüllt an.
»Ich habe schon jetzt mehr Volkskorrespondenten als mein Vorgänger«, freute sich der Journalist, als ich mich von ihm verabschiedete.
Ich durchsuchte die Zeitungen im Müllraum des Lehrlingswohnheims nach einem Artikel des Journalisten: Unter der Überschrift »Ein überwältigender Sieg des Sozialismus« hatte er über die Eröffnung eines Kindergartens in einem Plattenbau geschrieben. Ich wollte nichts über die Arbeit in meiner Lehrbrigade schreiben, denn das würde nicht gedruckt werden. Ich wollte etwas über eine sozialistische Lehrbrigade schreiben. Jeden Tag beschäftigte ich mich damit. Nach zwei Wochen hatte ich meinen Artikel im Kopf fast fertiggestellt. Nach drei Wochen fasste ich den Vorsatz, ihn in den nächsten Tagen zu schreiben. In den nächsten Monaten dachte ich immer wieder daran. Ein halbes Jahr nach meinem Besuch in der Lokalredaktion entdeckte ich den Journalisten in einer Gruppe Besucher auf der Baustelle. Er sollte vermutlich über den Bau des Hauses schreiben, dessen Fundament wir Lehrlinge mit flüssigem Beton füllen würden. Ich hatte den Mann fast vergessen. Nun grüßte ich ihn erfreut. Auch nachdem ich ihn mehrmals gegrüßt hatte, erwiderte er den Gruß nicht, obwohl er mich erkannt hatte.
Es war Lehrmeister Milch, der meine schriftstellerische Arbeit förderte. In einer Arbeitspause in der Baracke erklärte er uns: »Wir müssen ein Brigadetagebuch haben, sonst gibt ’s kein Geld als sozialistische Lehrbrigade. Jeder von euch schreibt eine Seite voll. Wer fängt an?«
Wir schwiegen. Niemand meldete sich. Auch ich hielt mich zurück. Noch.
Milch knurrte drohend. Die meisten Lehrlinge senkten den Kopf.
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