In einer halben Stunde will der Käptn mich abholen. Duschen, frische Klamotten anziehen.
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Wir saßen in einer Nische des Malibu. Auf der kleinen Show-Bühne versuchte sich ein schmächtiger Thai als Elvis-Kopie.
"You are nothing but a Hounddog....."
Er bewegte die Lippen zum Playback und ließ die Hüften kreisen.
"Wirkt ziemlich echt, was?" meinte der Käptn. "Sie können übrigens Olli zu mir sagen. Das sagen hier alle."
Er grabschte sich eine Hand voll Erdnüsse und ließ sie in seinem Mund verschwinden.
Dass er sich ausgerechnet das Malibu als Lokal für unser erstes Treffen ausgesucht hatte, fand ich ziemlich verwunderlich. Der Lärm von der Hauptstraße vermischte sich mit den Bässen der Musikanlage, und man musste beinahe brüllen, um sich verständlich zu machen.
"Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl", fragte er jetzt. "Bevor wir mit dem Geschäftlichen beginnen, sollten wir uns erst etwas kennenlernen, dachte ich. Hoffe, es ist Ihnen recht."
"Klar, kein Problem."
"Nachher schauen wir noch im Mau-Mau vorbei. Vielleicht ist es besser, wenn Sie dann morgen früh in mein Haus kommen. Da haben wir mehr Ruhe."
"Gute Idee." Ich nahm einen Schluck aus der kleinen Singha-Bier-Flasche. Auf der Bühne erschien eine thailändische Tina Turner mit perfekt einstudierter Mimik.
"Ist übrigens ein Ladyboy", bemerkte Olli. Als sie mit "Simply the best" fertig war, zahlte der Käptn unser Bier und klopfte mir aufmunternd auf die Schulter.
"Weiter geht's. So ein Nachtleben werden Sie in den nächsten Wochen wohl nicht mehr erleben", meinte er dann.
"Pattaya, das ist wie Pop-Art." Olli hielt Ausschau nach einer Lücke in dem Strom aus knatternden, hupenden Mopeds, Autos, Reisebussen. Als wir die Straße endlich überquert hatten, deutete er auf das knallrote Flugzeug, das die Architekten des "Royal Garden Plaza" in einem abenteuerlichen Winkel an der Außenwand befestigt hatten. Es sah aus, als wäre die Maschine nach einem Sturzflug in die Wand des Einkaufszentrums gekracht.
"Das meine ich", fuhr der Käptn fort. "Pure Pop-Art. Vulgär, spektakulär, durchgeknallt. Und das trifft auf ganz Pattaya zu, nicht nur auf dieses Schrott-Kunstwerk."
Ich betrachtete das diagonal in den Himmel ragende Heck der Maschine, halb verwundert, dass Olli sich auch mit moderner Kunst auskannte. "Und wozu soll das gut sein?" fragte ich. "Kunst am Bau?"
"Nein. Das ist Reklame, ein riesiges Hinweisschild für das Ripley's Museum. Eine Art Kuriositätenschau mitten im Einkaufstempel. Anscheinend das einzige Museum, das den Geschmack der Thais trifft. Mit richtiger Kunst locken sie hier keinen Hund hinterm Ofen hervor. Immer nur Sanook, Sanook - Spaß muss sein. Vom Nachdenken bekommt der Durchschnitts -Thai angeblich Kopfschmerzen."
Insgeheim ärgerte mich sein pauschales Urteil, doch ich hielt mich vorläufig zurück. Wir passierten die neue Kläranlage, groß wie ein Kriegsbunker und stinkend wie ein Silo voller Pisse und faulem Fisch, liefen an einem Hühnerstall mit johlenden Barladies vorbei - "Hello welcome, sexy man!!" - und erreichten schließlich die relativ ruhige Fußgängerzone von South-Pattaya. Vor den maroden Fassaden der Häuser hingen die bunten Leuchtreklamen wie gehisste Segel und erzeugten die Illusion eines aufregenden, mondänen Nachtlebens.
Typen mit Waranen und kleinen Affen auf der Schulter lungerten herum, boten Polaroid-Schnappschüsse an. Ein dickbäuchiger Tourist mit einem LEO-Bier-T-Shirt ließ sich eine Boa um den Hals wickeln.
"Dekadent", zischte der Käptn. Dann hellte sein Blick sich auf. "Gucken Sie mal die da!" Eine Thai mit dürren Beinen, einem knalleng sitzenden Minirock, der kaum ihren Po bedeckte, und orangerot gefärbten Haaren stiefelte an uns vorbei. "Die war echt", meinte er. "Kein Ladyboy."
"Und deshalb gefällt es Ihnen in Pattaya?" stichelte ich.
"Ach was", brummte er. "Nein, bei aller Dekadenz, trotz des Lärms und der tumben Reisegruppen, die wie die Heuschrecken täglich über dieses Nest herfallen - besser als in Bangkok ist es hier allemal. Man hat das Meer vor der Tür. Das heißt, so schlimm kann die Luftverpestung also nie werden. Und hier ist alles in Reichweite: Reisebüros, Internet-Shops, die ganze Logistik. Abgesehen von den Fischrestaurants, den Steakhäusern, den Einkaufszentren oder Massagesalons. Es ist easy. Und billig. Da..." Er bog nun in eine Seitenstraße zur linken, vom Meer abgewandten Seite, "da vorne müssen wir hin."
Nachdem ich in einer der butterweichen Lederbänke versunken war, die sich in einem engen Kreis um die Arena der Tanzfläche schmiegten, dauerte es eine Weile, bis ich die Optik und Akustik des Ladens im Griff hatte. Die halbnackten Go-Go-Girls, es mussten vierzehn oder fünfzehn sein, hatten Nummern auf ihren Slips und hielten sich an blitzenden Stangen fest. Ihre gelangweilten Gesichter nahmen kaum Notiz von dem überwiegend männlichen Publikum.
Der Käptn hatte sich neben mir in die Polster fallen lassen, zwei Singha Bier geordert und nun schien er sich wohl zu fühlen. Da die Musik brüllend laut war, konnte ich mir einen Kommentar zu diesem Amüsierschuppen vorerst ersparen. Ich grinste vielsagend und prostete ihm mit der Flasche zu. Daraufhin machte er eine Bewegung mit dem Arm, als wollte er mir den Ellbogen in die Rippen stoßen. "Das ist nur Kinderkram", brüllte er. "Aber, gucken Sie mal nach oben!"
Ich folgte seinem Blick zur Decke und hielt für einen Moment den Atem an. Dort oben tanzten noch mehr Mädchen. Sie trugen karierte grüne Miniröckchen und darunter trugen sie gar nichts. Das war unschwer zu erkennen, denn die Decke zwischen Bar und Obergeschoss bestand aus einer stabilen, wunderbar durchsichtigen Glasscheibe. "Die lassen sich immer was Neues einfallen", gröhlte der Käptn.
Etwas verschämt studierte ich die wackelnden Pobacken einer drallen Tänzerin und spürte eine leichte Erregung. Kein Wunder. Hier offenbarten sich die Geheimnisse der weiblichen Anatomie aus der Froschperspektive, noch dazu in wippender, rhythmischer Bewegung. Eine raffiniert eingefädelte Inszenierung, deren Reizen man sich höchstens durch stures Wegschauen entziehen konnte. Die Spanner in meiner Umgebung saßen alle mit offenen Mündern da, die Köpfe grotesk verrenkt, um ja nichts von dieser himmlischen Erscheinung zu verpassen.
"Können die uns auch sehen von da oben?" brüllte ich zurück.
Der Käptn hatte die Frage in dem Lärm nicht verstanden und erhob seine Singha-Flasche.
"Tschok dee!"
"Prost."
Dann zupfte er am Ärmel meines T-Shirts und deutete mit der Flasche in Richtung einer Treppe gleich neben dem Ausschank.
"Wir gehen nach oben. Da ist es ruhiger."
Ich folgte ihm die engen Stufen hinauf, bis wir das Niveau der gläsernen Plattform mit den hüpfenden Minirock-Mädchen erreicht hatten. Wir verzogen uns in eine Nische, und während sich Olli mit seliger Miene den tapsigen Girls widmete, versuchte ich mir ein Bild von ihm zu machen. In der Atmosphäre dieses Striplokals wirkte er wie ein Oberstudienrat, der ausnahmsweise mal über die Stränge schlagen wollte. Er musste fast 60 sein, sah mit seinem vollen, gescheitelten Haar aber wesentlich jünger aus. Für sein Alter war er ungewöhnlich schlank und drahtig. Nur seinem Gesicht, dem Gespinst von tiefen Falten, den Tränensäcken, die wie kleine Kissen unter seinen Augen lagen, sah man an, dass es schon eine Menge erlebt hatte.
Warum hatte er mich in diesen Laden geschleppt? Wollte er meine Reaktion testen, mich schockieren, oder, wie Männer das zur Auflockerung gerne tun, ein kleines Geheimnis mit mir teilen? Mir fiel ein, dass dieses männertümelnde Zeremoniell ja sogar in der Politik gang und gäbe war. Man marschierte gemeinsam in die Sauna, ins Geisha-Haus, in eine Strip-Bar, man amüsierte sich, rückte zusammen, entspannte sich, betrank sich, Schulter an Schulter im Dunst von Bieratem und Männerschweiß. Vermutlich war es ihm schlicht zur Gewohnheit geworden, hier zu sitzen und zu trinken. Jeder sucht die Verbindung zu Dingen oder Ritualen, die er kennt. Das war seine Stammkneipe.
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