Wenn ich mich recht erinnerte, waren die Entführer nur vier Wochen später in eine Falle der Polizei getappt. Das Lösegeld hatte man freilich bis heute nicht gefunden.
"Damals schien die Sache erledigt," fuhr Andre Blumfeld fort. "Vanessa wird zwar immer noch von einem Psychologen betreut, doch sie hat das Ganze gut verkraftet und zeigt keine auffälligen Verhaltensweisen. Doch dann tauchten diese Fotos von ihr im Internet auf." Er blickte aus dem Fenster, fixierte einen Punkt an der Kaimauer des Düsseldorfer Hafens. "Vorher waren wir so erleichtert, wir hatten die Abzüge, die Negative. Lutz hat alles sofort verbrannt. Doch offensichtlich haben diese Verbrecher ein paar von den Abzügen verkauft oder selbst ins Internet gestellt. Das wissen wir bis heute nicht."
Ich stand nun ebenfalls auf und ging zu dem merkwürdig schrägen Fenster des Gehry-Baus hinüber.
"Und Sie befürchten, dass das nicht zu stoppen ist, hab ich Recht?"
"Natürlich. Jeder x-Beliebige kann sich so ein Foto runterladen und selbst wieder ins Netz stellen. Doch ich hatte die Hoffnung, dass das Interesse mit der Zeit nachließe. Mein Gott," - er schlug mit der flachen Hand gegen den Fensterrahmen - "es gibt Milliarden Fotos im Internet, warum sollte nicht irgendwann Gras über die Sache wachsen?"
Das Telefon läutete. Er ging hinüber zum Schreibtisch, nahm den Hörer ab, meldete sich. Dann, nach ein paar Sekunden: "Ja, sagen Sie meinem Bruder, ich komme in zehn Minuten rüber." Er legte auf, fixierte mich mit seinen wässrig blauen Augen, sprachlos, als hätte er den Faden verloren.
"Und dann fanden Sie das Foto von Vanessa auf dieser MONKEEPAGE?"
"Ja richtig. Vor ungefähr drei Wochen. Und da bin ich ausgerastet, habe einen Riesenfehler gemacht."
Er lehnte sich an die Kante des Schreibtischs, stützte sich mit beiden Händen ab.
"Ich hätte überhaupt nicht reagieren sollen auf diesen Dreck, doch ich war.....ich war so wütend, ich war außer mir vor Wut und habe diesem Mistkerl auf seiner Webpage den Krieg erklärt."
"In so einem Chatroom, oder wie?" fragte ich.
Er begann wieder, im Zimmer hin und herzuwandern. "Auf einem Teil dieser Seite können die Besucher wie in einem Gästebuch ihre Kommentare absondern. Hunde, die ihren Urin abschlagen...." Blumfeld griff sich in das kurz geschnittene Haar, verwühlte es, strich es wieder glatt. "Die meisten tauschen dort Internet-Adressen von ähnlichen Drecksseiten aus. Ein pädophiler Flohmarkt mit Tipps und Geheimcodes."
"Und da haben Sie sich eingeklinkt?"
"Ja. Das war mein Fehler."
WENN DU NOCH EINMAL FOTOS VON VANESSA B. AUF DEINER SEITE ZEIGST; WERDE ICH DIR DIE HÖLLE HEISS MACHEN, ICH KRIEG DICH, ICH LIEFERE DICH AUS, DU WIRST KEINE RUHIGE MINUTE MEHR HABEN, DU PÄDOPHILES AFFENSCHWEIN....!!!!
"Wie hat er reagiert?"
Blumfeld seufzte. "Er hat das widerliche Bild mit den Handschellen sofort auf Seite 1 gesetzt."
NIEMAND WIRD MONKEE FANGEN. DAS INTERNET IST UNENDLICH. WIR WERDEN UNSERE FEINDE DEMÜTIGEN!!!
"Ich habe dann noch einmal reagiert und gedroht, doch es ist offensichtlich sinnlos. Er fühlt sich zu sicher. Können Sie verstehen, dass ich ihn zur Strecke bringen will?"
Er schaute mich fast flehentlich an. Ich wusste, dass diese Aufgabe kaum zu lösen sein würde. Viel Hoffnung konnte ich ihm wahrlich nicht machen.
"Bitte missverstehen Sie mich nicht", fuhr er fort. "Ein Feldzug gegen diesen Kinderporno-Dreck ist ziemlich aussichtslos, das weiß ich. Aber meine schlimmste Befürchtung ist, dass mein Bruder von diesen Fotos im Internet erfährt. Das darf nie geschehen - er würde wahnsinnig, durchdrehen. Jetzt, wo das Kind und die Familie dieses traumatische Drama ziemlich gut verarbeitet haben." Er schaute auf die Uhr an seinem Handgelenk. "Ich muss noch rüber ins Büro meines Bruders. Was glauben Sie? Wollen Sie mir helfen, diesen Monkee aufzuspüren?"
Ich versuchte, seinem Blick nicht auszuweichen.
"Geben Sie mir vier, fünf Tage Zeit. Ich werde diese Seite und die Fotos einmal genauer unter die Lupe nehmen. Viel Hoffnung habe ich nicht, aber ich will es wenigstens versuchen."
Er ergriff meine Hand mit beiden Händen, drückte kräftig zu, ein säuerliches Lächeln auf dem Gesicht. "Also bitte, versuchen Sie es. Und....alles muss diskret ablaufen."
Ich marschierte raus, nahm den Fahrstuhl, trat ins Freie und spazierte noch etwas über die Wiese neben dem Fernsehturm. Hunde tollten herum, Liebespaare gingen Hand in Hand, wattige Kumuluswolken schwebten bewegungslos wie weiße Ballons am Himmel. Die Menschen genossen die milden Temperaturen dieses perfekten Juni-Nachmittags. Das silberne Gebäude, das ich soeben verlassen hatte, war das niedrigste in dem schwankenden Trio der Gehry-Bauten. Seine Fassaden sahen aus, als hätte man sie in knisterndes Stanniolpapier eingeschlagen. Die Sonne blitzte an den Rundungen, verstärkte mit ein paar grellen Reflexen die Bewegung im Faltenwurf der Außenwände.
Mit schweren Flügelschlägen hob ein verirrter Reiher von der Wasseroberfläche ab. Kleine Yachten dümpelten im olivgrünen Rheinwasser. Ein friedliches Bild.
Wenn man allerdings zu lange auf dieses wankende Häusertrio starrte, konnte man leicht den Glauben an die Schwerkraft und die Ordnung der Dinge verlieren.
Allmählich nahm die silberne Fassade eine rotgoldene Farbe an. Ob sie irgendwann Rost ansetzen würde? Verfallen würde? Meine Gedanken schweiften ab.
Diese Häuser blieben stumm. Reine Zeitverschwendung, länger hier herumzulungern. Ich fuhr zurück in meine Bude.
Thailand
Milde 32 Grad in Bangkok. Durch den Zoll hinaus in die klimatisierte Ankunftshalle. Rechts oder links? Auf gut Glück schob ich mein Wägelchen mit dem Koffer nach rechts. Ganz am Ende der Halle standen sie hinter der Sperre: Reiseführer, illegale Taxifahrer, Hotelboys. Fast alle hielten Tafeln mit Namen hoch. Wie auf einer Demo. Ich studierte den Schilderwald, fand meinen Namen, sogar richtig geschrieben. Bravo, gute Organisation. Ein freundlicher Thai lächelte mir entgegen, spindeldürr, schlechte Zähne. Schnappte sich meinen Koffer. "Willkommen in Bangkok."
"Danke. Wo ist der Käptn?" - "Oh, Käptn hat kleines Problem, konnte nicht weg aus Pattaya. Wir fahren gleich hin." Verdammt, schlechte Organisation.
"Wie weit ist das denn?"
"Nicht weit, dauert nur zwei oder drei Stunden. Minibus wartet schon."
Wir fuhren per Rolltreppe ins Untergeschoss. Eine dunkle Garagenhöhle, stickig, feucht. Der Geruch von Kerosin und Abgasen schnürte mir die Kehle zu. Ein zweiter Thai übernahm meinen Koffer, hielt mir die Wagentür auf. Das Innere des Autos vollgepumpt mit eiskalter Luft. Abfahrt.
Von der Rückbank aus starrte ich wie gelähmt durchs Seitenfenster. Hinter einem graubraunen Klong drängten sich schmierige Hütten aus Wellblech, Holzbrettern und Eternit bis dicht ans Wasser heran.
Hier hausten offensichtlich die Ärmsten der Armen. Halbnackte Kinder plantschten fröhlich in der trüben Brühe. Nach 30 Minuten verschwanden die Baracken. Brachland, hypermoderne Fabrikhallen mit Glas- und Alu-Fassaden, Autowerkstätten, eine Universität, dann eine kleine Stadt an einer Straßenkreuzung, Hügel mit Palmen, Wasserbüffel. Der Fahrer fuhr zügig, routiniert. Vermutlich kannte er die Strecke auswendig.
Nach zweieinhalb Stunden bog er rechts ab. Der Begleiter klärte mich auf, dass wir nun gleich in Pattaya ankommen würden.
Müde schleppte ich mich in mein Hotelzimmer. Zog die Vorhänge auf. Es dämmerte bereits, 17.45 Uhr Ortszeit. Schräg gegenüber das grüne Neon-Kreuz auf dem Dach des PATTAYA-MEMORIAL-HOSPITAL. Dahinter ein malvenfarbener Aquarellhimmel. Die Sonne verzieht sich, löst sich am Horizont im graublauen Dunst auf. Lärm dringt von der Straße ins Zimmer. Eine Art Dampframme meißelt Löcher ins Trommelfell. Touristenbusse lassen ihre Motoren laufen, verpesten die Luft, bis in alle Ewigkeit.
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