Aber mich interessierten jetzt nur zwei Dingen: Wo war sie? Hatte sie den Weg nach draußen gefunden? Ich beschloss, wieder hinunter zu gehen und es nochmal mit der Tür zu probieren, die zum Übergang in die Tiefgarage führte.
Im Hinuntergehen prüfte ich mehr aus Beschäftigung denn aus Neugier jede Tür, an der ich vorbeikam. Sie waren – bis auf die im siebten Stock – alle verschlossen. Die Tür im siebten Stock führte jedoch in den ältesten Teil des Bürogebäudes, der schon seit Jahren verriegelt und verrammelt war. Dort brauchte ich es gar nicht erst versuchen, denn dort gab es noch nicht einmal einen Zugang zum neuen Teil des Gebäudes und somit auch nicht zu den neuen Fahrstühlen. Es war nur eine Art Zwischengeschoss, im alten Gebäude, also blieb mir nichts übrig als weiter zu gehen.
Ich erreichte das Erdgeschoss, ohne irgendwo eine Spur von ihr gefunden zu haben. Auf meine Rufe hatte sie auch nicht reagiert. Also drückte ich die Klinke der ersten Tür – verschlossen. Ich wusste, dass es dahinter auf direktem Weg über nur zwei Treppen in die neue Tiefgarage hinüberging, aber dafür benötigte man den Schlüssel, den ich nicht hatte.
Die zweite Tür schien zunächst auch versperrt zu sein, doch als ich die Klinke beinah senkrecht nach unten drückte, hörte ich ein leises Klicken und der Riegel sprang auf!
Hinter der Tür empfing mich der muffige schmale Durchgang zum engen Treppenschacht, an dessen Wänden die Feuchtigkeit grünliche Spuren hinterlassen hatte. Doch ich hatte nur Augen für die graue Tür, die den Stahltreppen auf meiner Seite in kaum fünf Metern Tiefe gegenüber lag. Auch über ihr schimmerte grünlich die Notbeleuchtung. Ich flog die Stufen der Stahltreppen hinab, die mehrmals bedenklich knarrten, doch ich erreichte wohlbehalten die Tür.
Die Klinke war rostig und klemmte entsetzlich. Mit mehrmaligem Drücken gelang es mir jedoch, sie so weit hinunter zu drehen, dass der Riegel sich zu öffnen begann. Da ließ ich alle Vorsicht in den Wind schießen, griff beherzt zu und stemmte mich zugleich mit Schwung und meinem ganzen Körpergewicht gegen die Tür, die knarrend nach außen aufschwang.
Ich stolperte hinaus und fand mich im alten und beklemmend engen Teil der Tiefgarage wieder. Hier parkte seit Jahren niemand, der Wert auf ein unversehrtes Auto legte. Nur zwei planenbespannte Anhänger standen in der vordersten Reihe direkt an der Auffahrt, die hinüber in die neue Tiefgarage führte.
Noch einmal rief ich nach ihr, doch natürlich erhielt ich auch diesmal keine Antwort. Ich erinnerte mich an das Geräusch, das mich geweckt hatte. Offenbar war die Notstromzufuhr mit mehr als einem Anlauf zum Leben erwacht; wahrscheinlich hatte meine schöne Unbekannte einen dieser Momente genutzt, um die Tür mit dem direkten Zugang zur Garage aufzuschließen und zu verschwinden. Warum hatte sie mich nicht geweckt?
Dafür gab es eigentlich nur einen Grund: Sie hatte von mir bekommen, was sie wollte, und war nach der gemeinsamen Nacht weitergezogen.
Ärgerlich lief ich die Rampe hinauf und erreichte den neuen Teil der Tiefgarage, wo selbst an diesem Samstag noch ein paar Wagen parkten, die ich allerdings nicht erkannte. Aber in dem Bürogebäude gab es neben HLS noch neunundzwanzig weitere Mieter.
Das Büro der Aufsicht an der Ein- und Ausfahrt war nicht besetzt, das Gitter hinter den Schranken war nach unten gelassen. Aber ich wusste, dass es seitlich eine kleine Drehtür aus Eisenstangen für den Notfall gab, die sich von innen nach außen manuell drehen ließ. In meinen elf Monaten bei HLS hatte ich sie bereits mehrmals nutzen müssen, wenn ich nachts nach halb zehn nach Dienstschluss des Portiers im Foyer nicht mehr durch die Drehtür aus bruchsicherem Sicherheitsglas auf die Straße hinausgekommen war.
Auch jetzt drehte sich das Eisengitter gewohnt geschmeidig und entließ mich zu meiner großen Erleichterung wie immer mit einem leisen Klickern in die Auffahrt zur Straße. Dort war es ungewohnt dunkel, da alle Laternen und anderen Beleuchtungen aus waren. Als ich den Blick die Straße hinauf nach Osten wandte, konnte ich jedoch bereits einen rosafarbenen Schimmer am Himmel sehen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis die Sonne aufging.
Es musste gegen vier Uhr morgens sein, denn es war nichts bis gar nichts los auf der Straße. Nicht einmal die berühmten Yellow Cabs konnte ich sehen und auch keine späten Passanten. Ich fühlte mich allein.
Ich beschloss, zu Fuß die drei Blocks nach Nordosten zu gehen, wo meine damalige Wohnung in einer ruhigen Seitenstraße der Lexington Avenue lag. Heute wohne ich in der Upper West Side und habe von meinem Wohn- und Schlafzimmer aus einen fast unverbauten Blick auf den Central Park, aber immer der Reihe nach.
Die Straßen lagen wie ausgestorben vor mir, dunkel und so leise wie selten. In dieser Nacht war dieser Teil von New York eine Geisterstadt. Es war wie verhext, aber plötzlich waren sämtliche Kinderängste wieder da. Ich verspürte ein Frösteln, wann immer ich an schwarzen Toreinfahrten vorbei gehen musste, und wechselte nach wenigen hundert Metern auf die Straße. Inmitten der leeren Fahrbahn hatte ich zumindest das Gefühl, nicht gleich vom lauernden Monster in der nächsten schwarzen Einfahrt gegriffen und gefressen zu werden.
Überaus erleichtert erreichte ich schließlich die Straßenecke, von der aus ich das Mietshaus sehen konnte, in dem ich seit meinem Studium eine kleine Zwei-Zimmer-Bleibe im vierten Stockwerk bewohnte.
Ich fiel wie ein Stein in mein Bett, konnte aber keinen Schlaf finden. Meine Gedanken kehrten ein ums andere Mal zu der Frau zurück, mit der ich trotz des Eingesperrtseins so wundervolle Stunden im Treppenhaus verlebt hatte. Aber warum war sie verschwunden? Warum hatte sie mich allein gelassen?
Meine Kleidung roch noch immer leicht nach ihr, nach dieser betörenden Mischung aus Veilchen mit einem Hauch Lavendel, sodass sie geradezu an mir zu kleben schien, auch wenn sie nicht hier war. Ich hätte alles gegeben, sie jetzt hier neben mir zu haben, sie erneut im Arm halten und küssen zu dürfen, sie zu berühren, zu schmecken, zu riechen und zu lieben. Ich presste meine Nase in den Stoff meines Polohemdes, auf dem sie eine Weile gelegen haben musste, da es am intensivsten nach ihr duftete. Nie wieder würde ich es waschen, denn ich wollte ihren Duft um mich haben, bis in alle Ewigkeit.
Auf dem Rücken liegend, begann ich Pläne zu schmieden. Ich musste mich auf die Suche nach ihr machen, denn ich wollte sie wiedersehen. Im Büro würde ich nach ihr fragen; eine solch schöne Frau würde auch anderen in dem Bürogebäude aufgefallen sein.
Gleich am Montag würde ich mit dem Herumfragen beginnen, angefangen bei meinen Kollegen in der Agentur, dann systematisch bei jeder anderen Firma im Gebäude bis hinunter zum Portier, der allerdings erst seit wenigen Tagen seine Position innehatte. Der alte Jones, der mir damals an meinem ersten Arbeitstag die Schranke vor den Fahrstühlen per Hand geöffnet und mich freundlich begrüßt hatte, war vor einer Woche an einem Schlaganfall gestorben – mitten im Foyer, als er gerade sein Tageswerk beendet und sich auf den Nachhauseweg gemacht hatte.
Zufrieden verschränkte ich die Hände im Nacken und schloss die Augen. Ich spürte mein Herz in Galopp ausbrechen, als ich mir das Erlebte erneut in Erinnerung rief: ihr schönes Gesicht, ihre schlanke Gestalt, die langen dunkelroten Haare, das rote Kleid mit den altmodischen Puffärmeln und die weißen Ballerinas – und natürlich ihre zart schimmernde Haut, die festen kleinen Brüste und der Rest ihres herrlich geschmeidigen und heißen Körpers.
Ich muss gestehen, dass ich das ganze restliche Wochenende über nur mit Gedanken an sie verbrachte – ganz gleich, was ich tat, ob ich aß oder las, unter der Dusche stand oder mich selbst befriedigte: immer war sie es, an die ich dachte – die Frau im Treppenhaus.
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