Ich wusste nicht, wer oder was da in meiner Nähe war, und spürte, wie sich mir die Nackenhaare aufstellten. Auf der Suche nach etwas, das ich als Waffe nutzen konnte, schob ich meine freie Hand in meine Jackentasche – und fand mein Mobiltelefon!
Ich zog es hervor und warf einen Blick auf das Display. Es war dunkel, doch als ich an den Einschaltknopf kam, schimmerte es auf und zeigte mir im Display das Bild von meiner kleinen Segelyacht, die am East River in der Marina lag und meine einzige Freizeitbeschäftigung war.
Mein Blick wanderte jedoch sofort zur Akku-Anzeige in der oberen rechten Ecke: nur noch ein Strich. Und kein Funksignal. Hier in diesem alten Treppenhaus war an Empfang nicht zu denken. Doch für die Fotokamera mit Blitz-Vorablicht würde es noch reichen.
Ich schaltete die Kamerafunktion ein und hob das Telefon, um die Ecke auf dem Treppenabsatz mit dem Blitz-Vorablicht auszuleuchten. Ich war bereits im ältesten Teil des Gebäudes angekommen, in dem das alte Treppenhaus Säulen und weit geschwungene Treppenabsätze mit tiefen Schatten hatte.
Ich leuchtete umher und erwartete, ein Tier zu sehen oder zumindest einen alten Blumenkübel. Zu meiner Überraschung war es jedoch eine Frau, die zu mir aufsah.
Sie hockte in der Ecke, die nackten schlanken Arme um die angezogenen Knie geschlungen, und den Stoff ihres roten Sommerkleides mit altertümlich anmutenden Puffärmeln so wärmend wie möglich um ihre schlanken Beine gelegt. Sie war jung, vielleicht zwei Jahre jünger als ich, und atemberaubend schön. Ihr Haar war lang, sanft gewellt und von einem so tiefen Rot, dass es wie teurer Burgunder um ihre nackten Schultern floss.
Ihr Gesicht war schmal und blass, mit einer schmalen geraden Nase voller winziger Sommersprossen, hohen Wangenknochen, vollen Lippen und den größten und tiefsten graublauen Augen, die ich je gesehen hatte. Sie schien geweint zu haben, da ihr dezentes Make-up feucht und verwischt war. Dennoch war sie unsagbar schön.
Ich war so überwältigt von dem Anblick, dass ich erst merkte, was ich tat, als das Blitzlicht auslöste und mein Mobiltelefon ein Foto schoss. Die Frau schrie erschrocken auf und hob die Hände mit den schlanken Fingern vor ihr Gesicht.
„Entschuldigung“, murmelte ich zerknirscht. „Das wollte ich nicht.“
„Schon gut“, antwortete sie nach Verstreichen der Schrecksekunde und ließ die Hände wieder sinken. Ihre großen Augen sahen zu mir auf, fast flehentlich, aber auch fragend.
„Ich tu Ihnen nichts“, sagte ich beruhigend und lächelte vorsichtig.
„Das weiß ich“, antwortete sie und streckte eine Hand zu mir, die ich nur zu gern ergriff. Ich zog sie mit sanftem Schwung auf die Füße, die nackt in weißen Ballerinas steckten, und spürte meinen Herzschlag schneller werden, als ihr schlanker Körper kurz gegen mich gepresst wurde.
Augenblicklich jagten mir tausend Gedanken durch den Kopf, die allesamt damit zu tun hatten, wie wir beide uns in heißer Leidenschaft in einander verschlungen Liebe schenkten. Rasch ließ ich sie wieder los und trat einen Schritt zurück.
„Sie haben mich fotografiert“, sagte sie und es klang nicht wie ein Vorwurf, mehr wie eine Feststellung. „Aber Sie hatten mich erschreckt. Machen Sie doch noch eins, ein richtiges.“
Ich grinste und ging ein paar Stufen hinab bis zum nächsten Absatz der Treppe, von wo aus ich einen perfekten Blick auf sie hatte.
Sie stellte ihre kleine Handtasche hinter sich ab, warf die Haare zurück und stützte sich mit der rechten Hand auf dem Geländer der Treppe ab, bevor sie rasch den runden Ausschnitt ihres Kleides zurecht zupfte, den rechten Fuß über das linke Bein legte und mich dann erwartungsvoll ansah. Ich hatte währenddessen die Szene beleuchtet und mit dem Vorab-Blitzlicht den Ausschnitt überprüft und den Auto-Fokus eingestellt. Es klickte zweimal.
Ihr helles Lachen hallte durch das ansonsten dunkle Treppenhaus, sodass mir ein wohliger Schauer über den Rücken rollte und ich das Telefon für einen Moment sinken ließ.
„Nochmal bitte“, lachte sie und sah zu mir herab. Ihr Lächeln war sanft und warm, wirkte aber auch ein wenig scheu. Ich spürte, wie die Hitze in mir aufstieg angesichts dieser wunderschönen Frau.
Ich hob mein Mobiltelefon und bemerkte erschrocken, dass das Display bereits am Erlöschen war. Ich sah die Akku-Anzeige flackern – leer – und wusste, dass ich mich beeilen musste. Ich Dummkopf! Über meine Arbeit hatte ich vergessen, mein Telefon aufzuladen, also würde es nur noch für wenige Fotos reichen. Und eines davon musste einfach etwas werden. Ich wollte eine Erinnerung an diese Frau haben, unbedingt.
Ich drückte zweimal auf den Auslöser-Knopf und sah, wie das Telefon mit einem letzten Aufseufzen die Fotos schoss – und dann mit einem müden Smiley im Display ausging.
„Tja“, murmelte ich in der erneuten Dunkelheit. „Das war es dann wohl.“
„Meins hat noch zwei Striche Akku, aber leider keinen Empfang“, sagte die Frau und zog ihr Telefon aus ihrer kleinen Handtasche. „Dazu bin ich vorhin gestolpert und habe mir den Fuß verstaucht, als ich im Halbdunkel über das Kabel da gestolpert bin.“
„Das haben wir gleich“, lächelte ich, als der Lichtschein ihres Vorab-Blitzes aufleuchtete und das abgerissene Kabel an der nächsten Treppenbiegung sichtbar wurde, das ich beim Hinuntergehen glücklich umgangen war, ohne es zu bemerken. „Setzen Sie sich auf die Stufe“, sagte ich, stieg zu ihr hinauf und half ihr beim Setzen, wobei meine Hand mehr als einmal ihre schlanke Taille umfasste.
Ich zog ihr vorsichtig den rechten Schuh aus, den sie in ihre Handtasche schob, und nahm mein Einstecktuch ab – feinste Seide, aber für diese Frau war mir jedes Opfer wert. Mein letzter Erste-Hilfe-Kurs lag zwar schon eine halbe Ewigkeit zurück, aber ich vollbrachte doch einen ganz passablen Stützverband um ihren schlanken Knöchel.
„Kommen Sie“, sagte ich und reichte ihr die Hand, „Sie können sich bei mir stützen. Ich helfe Ihnen.“
Sie lächelte und schaltete das Licht wieder aus, als meine freie Hand das Treppengeländer umfasst hatte. Ich hörte, wie sie das Telefon in ihre Tasche schob und dann „alles klar, los geht’s“ sagte. Automatisch flüsterte sie in der erneuten Dunkelheit.
Mühsam stiegen wir die Treppen hinab, Stockwerk um Stockwerk, und die ganze Zeit über lag ihr rechter Arm um meinen Nacken und mein linker Arm um ihre schlanke Taille. Ihr Duft nach Veilchen und Lavendel hüllte mich gänzlich ein und fing schon nach wenigen Minuten an, mir die Sinne zu benebeln.
Ich wollte sie am liebsten auf der Stelle küssen, liebkosen und in der Dunkelheit den aufregenden Rest ihres Körpers erforschen, doch ich riss mich mit aller Gewalt zusammen. Dies war weder Zeit noch Ort dafür; wir mussten ins Erdgeschoss und dort die Tür zum Verbindungsgang finden, der ins Personaltreppenhaus zur alten Tiefgarage führte. Das war unsere einzige Chance, vor Montag aus dem Bürogebäude zu entkommen.
Wir sprachen nicht viel, nur hin und wieder ein paar kurze Stücke, die unsere Konzentration in der Dunkelheit nicht beeinträchtigten. Ich erfuhr, dass sie genau wie ich von der plötzlichen Dunkelheit überrascht worden war. Genau wie ich hatte sie sich für das alte Treppenhaus entschieden, um durch die Tiefgarage und die manuell zu öffnende Tür auf die Seitenstraße zu gelangen.
Wir stiegen weiter hinab, vorsichtig und mit den nötigen Pausen, da sie auf einem Bein neben mir her humpeln musste. Wenn wir Licht gehabt hätten, dann hätte ich sie – wie ein edler Ritter – selbstverständlich auf Händen getragen. So aber hatte ich gefühlte Stunden lang Zeit, die schönste Frau im Arm zu halten, die mir je über den Weg gelaufen war.
Als wir schließlich das Erdgeschoss erreichten, zog sie ihr Telefon hervor und leuchtete umher. Die lange Treppenflucht war zu Ende und es gab zwei Türen, die sich jedoch beide als verschlossen herausstellten.
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